„Eine Perle der Innenstadt“ zwischen Vergangenheit und Zukunft


Fotos: Peter Müller, Michael Schäfer, Sammlung Gudrun Bornhöft-Scheuring

CELLE. Nein, im Moment möchte er die Tür der Nr. 29 in der Zöllnerstraße nicht aufschließen, um Einblick in die Immobilie, in der die Vergangenheit so lange fortgelebt hat, zu gewähren. „Wenn der Bauantrag genehmigt ist, dann machen wir das“, vertröstet der Geschäftsführer der „plan-bau-Immobiliengesellschaft“ Alfred E. Schultz. Zu sehen gäbe es wohl viel Schönes und Besonderes, wenn man all den Erzählungen und Berichten über die Weinhandlung Bornhöft Glauben schenken darf. Schultz selber macht neugierig: „Hinter dem Innenhof befindet sich ja noch ein traumhafter Garten mit Rosen und einem Walnussbaum.“


Eine Seltenheit an dieser Stelle, denn das breite, barocke Patrizierhaus in der Reihe der typischen Fachwerk-Giebel ist mitten in der Celler Altstadt gelegen. Ein Keller trägt das Datum 1680, das Gebäude ist jedoch deutlich jünger und weist Flügel verschiedener Bauphasen aus. Ab dem Jahr 1820 beherbergte es das Geschäft des 1839 zum Hofweinhändler ernannten Friedrich Wierß, Richard Bornhöft übernahm diese im Jahr 1889. „Weinhandlung mit Raths-Weinschenke Richard Bornhöft“ steht noch heute auf dem Schild am Eingang. Drei Generationen hat der Name überdauert, zuletzt waren es nacheinander seine Enkelin Martha Bornhöft (1891-1998) und deren Nichte und Richards Urenkelin Gudrun Bornhöft-Scheuring (1942-2016), die das Anwesen verwalteten und dessen Geschichtsträchtigkeit bewahrten. Im Jahr 2018 war damit Schluss, die Ära eines traditionsreichen, mit Antiquitäten und anderen historischen Zeugnissen angefüllten Geschäftshauses und historischem Weinkeller endete mit dem Verkauf an die „plan-bau“.


GASTRONOMISCHES KONZEPT

Diese hat für ihr gastronomisches Konzept bereits einen Investor aus Hannover, aber noch keinen Betreiber gefunden. „Es muss für Celle ein Hingucker und Highlight werden“, sagt Schultz. Ihm und Eigentümer Walter Klie schwebt ein Restaurant mit angegliedertem Delikatessen-Verkauf im mittleren Preissegment vor. Das gesamte Gebäude wird saniert, für die erste Etage sind Büro- oder Praxisräume angedacht.


Erst vor kurzem wurden diese Pläne publik und riefen gleichsam bei manchem Celler Bürger etwas in Erinnerung, das mit der Beendigung des Familienbesitzes einhergegangen war. Von einer nicht wertschätzenden Räumung ist die Rede. Handgeschriebene Geschäftsbücher wurden aus dem vor dem Haus stehenden Container gefischt und dem Stadtarchiv übergeben. „Seit Frau Bornhöft tot ist, weiß man in Celler Kreisen, dass es mit dem Anwesen und dem Nachlass nicht gut ausgehen wird, seit auch Frau Scheuring nicht mehr lebt, ist das erst recht bekannt gewesen“, sagt der in Berlin lebende Celler Schriftsteller Oskar Ansull. „Doch ist niemand in der Stadt (soweit ich weiß) aufgesprungen, um wenigstens den Nachlass zu sichern und zugänglich und sichtbar zu erhalten.“ Eine CH-Anfrage bestätigt die Annahme: Weder das Neue Rathaus noch das Bomann-Museum sind in dem genannten Sinne tätig geworden. „Dabei handelt es sich um rein privatrechtliche Angelegenheiten. Von daher gibt es dazu keine Stellungnahme“, antwortet Stadtsprecherin Myriam Meißner.


Der Erbe der letzten Eigentümerin Gudrun Bornhöft-Scheuring hat das Inventar an hiesige Antiquitätenläden weitergegeben. „Das Interieur hat sich daher über ganz Celle verteilt, ist auf diese Weise aber in der Stadt verblieben“, berichtet Dr. Wulf Haack. Er selbst ist stolz auf ein ganz besonderes Exponat in seinem Privatbesitz, das er als bekanntestes Möbelstück Celles charakterisiert (s. Foto) und das auch der Kunsthistoriker Dr. Eckart Rüsch, der einige Jahre in der Zöllnerstraße 29 zur Miete gewohnt hat, ausdrücklich hervorhebt. Kontorpult nennt er das Möbel, das im Flur stand und neben der vergoldeten Weintraube (s. Foto Roger Scherer, eWine) eine Art Markenzeichen der Weinhandlung war. Auf ihm wurden die handgeschriebenen Geschäftseinträge angefertigt. Haack besitzt das Verkaufsbuch der Jahre 1939 bis 1942. „Da findet sich die gesamte Celler Gesellschaft“, sagt er. Wer willkürlich eine Seite des großen, schon ein wenig vergilbten und zerschlissenen Exponates aufschlägt, stößt beispielsweise auf „Trüller Fabrikdirektor, Berggartenstraße 8“ und kann nachlesen, welchen Wein er wann kaufte und wie viel dieser kostete, nur eine Seite weiter findet sich der Eintrag einer „Bier-Bar in Berlin, Oranienburger Straße 39“. Um festzustellen, dass es sich um ein Zeitdokument handelt, genügt ein Blick. Wie derlei Dinge im Abfall landen konnten, ist schwer nachvollziehbar. „Wir haben 20 Container Müll hinausgeschafft“, erläutert Alfred E. Schultz, „Frau Bornhöft-Scheuring war eine sehr nette Frau und eine Sammlerin, sie hat keinen Platz im Haus freigelassen, allein 2000 Weinflaschen haben wir entsorgt.“ Der „plan-bau“-Geschäftsführer hat einige Schränke, die zur Ladeneinrichtung gehörten, gekauft. Wie Dr. Wulff Haack hält er die Befürchtung einiger Bürger, Einzigartiges sei im Container gelandet, für unbegründet.


ANTIQUITÄTEN-SAMMLERIN

„Es ist jammerschade. Möbel, Schränke, das gesamte Interieur haben fast 200 Jahre existiert, in diesem Hause wurde sehr lange auf Geschichte Wert gelegt.“ Mit diesen Worten blickt Dr. Eckart Rüsch als ehemaliger Mieter und Privatmann auf das „große Aufräumen der Zö29“ zurück. Er spricht von „Tante Martha“, wenn er über die Enkelin von Richard Bornhöft erzählt, sie wurde 107 Jahre alt und war eine der ersten Stadtführerinnen Celles. „Tante Martha hat nach dem Zweiten Weltkrieg Antiquitäten gesammelt, entsprechend setzte sich das Mobiliar im Hause zusammen. Nur ganz wenige Stücke gehörten zur originalen Einrichtung, darunter das Stehpult“, erläutert der Kunsthistoriker. Im Jahr 2007 hatte der damalige Mieter Gelegenheit, zwei Reproduktionen von zwei Originalfotos bei Gudrun Bornhöft-Scheuring anzufertigen (s. Galerie, copyright: Sammlung Gudrun Bornhöft-Scheuring). „Diese zeigen wohl Anfang des 20. Jahrhunderts das Interieur in zwei Zimmern des Vorderhauses, erstes Obergeschoss, Blick nach Norden zu den Straßenfenstern“, berichtet Dr. Rüsch.


Auf den Spuren des jüdischen Mediziners Dr. Philipp Simon Dawosky, der als Armenarzt bekannt wurde und etwa ab 1877 in der Nr. 29 wohnte und seine Praxis betrieb, entstanden im Jahr 2015 Fotos während einer Führung von Frau Gudrun Bornhöft-Scheuring (s. Galerie, copyright: Michael Schäfer).


„Das Kind ist im Brunnen“, kommentiert Oskar Ansull das Interieur betreffend und nimmt wie der Autor des Buches „Das unbekannte Celle. Hinter den Fassaden der Fachwerkstadt“ Dr. Eckart Rüsch jenes n den Blick, was noch unverändert ist: „Bei der Zö29 handelt es sich um eine Gebäudeanlage, die die Struktur von Neben- und Haupthäusern, vom Wirtschaften und Wohnen im alten Celle abbildet.“ Diese sei nur noch sehr selten anzutreffen und auch deshalb besonders schützenswert, betont Rüsch. Den Barockaufgang, der auch zur Beletage im ersten Stock mit ihren vorgelagerten Kammern und einer Stube zur Straße hin führt, hebt er hervor. Alfred E. Schultz in seiner Eigenschaft als Projektentwickler und jetziger Berater erwähnt dieses Element ebenfalls: „Das Treppenhaus wird belassen, insgesamt werden die Denkmaleigenschaften eingehalten, aber von gewissen Dingen muss man sich trennen.“


Hoffentlich kein Hinweis darauf, dass sich Oskar Ansulls Prognose bewahrheiten wird, die lautet: „Eine Perle der Innenstadt, wieder ein besonders schönes Stück bürgerlicher Stadtgeschichte des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, geht unwiederbringlich verloren.“



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