„Vaterlant mit t" - Traditionelle Rede im Festzelt




CELLE. "Guten Tag, es herrscht Marscherleichterung". Die knappe aber deutliche Begrüßung von Celles Obersten Hauptschaffer Norbert Schüpp ließen sich die Schützen im Festzelt nicht zweimal sagen - bei gefühlt 40 ° waren die Jacken schnell abgelegt und Wedler nebst Miniventilatoren ausgepackt. Angesichts der nicht enden wollenden Krisen bis hin zum Krieg in der Ukraine fragten sich die Schützen, ob man überhaupt feiern dürfe. Aber die Antwort ebenso deutlich wie die Begrüßung: "Wir dürfen uns nicht unterkriegen lassen. Ja, wir bringen Freude in die Stadt", so Schüpp.


Die traditionelle Rede auf Heimat und Vaterland hielt jemand, der sie wohl so oft gehört habe wie kein zweiter: Schüpps Vorgänger Detlev Doering, zwölf Jahre lang selbst Oberster Hauptschaffer. Seine Rede im Original-Wortlaut, exklusiv auf CELLEHEUTE.


Große Bildergalerie HIER

Viele Jahre habe ich während des Festessens beim Celler Schützenfest den Redner für die Traditionsrede „Heimat und Vaterland“ ankündigen können. Das ich nun heute hier stehe, habe ich meinen Nachfolger Norbert Schüpp zu verdanken, als er mich vor zweieinhalb Jahren bat, diesen Programmpunkt zu übernehmen. Schnell war ja gesagt, doch je näher das Schützenfest heranrückte, wurde mir klar, dass es gar nicht so einfach ist, sich dem Thema Heimat und Vaterland zu stellen.

Das Verständnis, die Interpretation insbesondere zum Vaterland hat sich in den vielen Jahrzehnten/Jahrhunderten geändert. Wenn die heutige jüngere Generation kaum noch etwas mit dem Begriff „Vaterland“ in Verbindung bringen kann oder will, hat dieser uns doch in vielen Jahrhunderten begleitet.

Das mittelhochdeutsche Wort „Vaterlant“, übrigens noch mit einem t geschrieben, ist erstmals gegen Ende des 11. Jahrhunderts belegt. Die Grundbedeutung war das „väterliche Grundstück“. Den heutigen Bedeutungsgehalt erhielt das Wort erst im Humanismus. Den nicht nur geographischen sondern politischen Bezug erhält der Begriff, das Wort, erst mit der „Erfindung der Nation“ in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts.

Vaterland bezeichnet das Land, aus dem man stammt, zu dessen Volk, Nation man gehört, dem man sich zugehörig fühlt. Verbunden war in den Zeiten des Nationalismus, der sich im 19. Jahrhundert entfaltete, ein Wertewandel, der sogar den Anspruch erhob, sein eigenes Leben dafür zu geben. Auf die damals verbundenen Leiden, Kriege und Auseinandersetzungen will ich heute nicht weiter eingehen, sondern einen Sprung in die Jetztzeit wagen.


Ja, wir haben es noch, unser deutsches Vaterland, in dem wir, wie es in unserer Nationalhymne heißt: In Einigkeit und Recht und Freiheit leben. Was mich dabei bekümmert, ist die Tatsache dass unser Vaterland von vielen falsch interpretiert und missbraucht wird. Radikale Gruppierungen, besonders aus der rechten Szene oder Randgruppen wie die Reichsbürger leiten aus ihrem Vaterlandsverständnis nicht akzeptierbare Interpretationen und Aktionen ab. Das ist so nicht unser Vaterland, unser Deutschland.


Wir leben heute in einem vereinten Europa, in einem Verbund der Vaterländer, die sich gegenseitig akzeptieren und unterstützen. In denen wir gerne in den Urlaub reisen und uns gegenseitig besser kennen lernen, zu schätzen wissen und uns gegenseitig willkommen sind.


Leider wird dabei bei uns ein gesundes Nationalbewusstsein nur selten gemeinschaftlich gezeigt, dabei müssen wir uns dafür doch nicht schämen. Ich erinnere mich gerne an den Fall der Mauer in Berlin und das Fußballmärchen von 2006 als unser Land in Schwarz/Rot/Gold getaucht wurde und an vielen Autos die Deutschlandflaggen flatterten. Was für eine Lebensfreude kam dabei zu Tage.


Vielleicht erleben wir dieses ja in den nächsten Tagen nochmal. In England findet ja zurzeit die Fußball-EM der Damen statt. Unsere deutschen Frauen sind dabei famos gestartet und haben das große Ziel: „Europameisterinnen“ vor den Augen. Ich finde, dass sie dann auch den gleichen Beifall, den gleichen Jubel mit vielen Flaggen wie die Fußballer verdient haben.


Kann Vaterland auch Heimat sein? Oder ist die Heimat ein Teil davon? Der Begriff Heimat verweist zunächst auf die Beziehung zwischen Mensch und Raum. Er weist auf den Ort der Geburt und des Großwerdens hin. Das sind die ersten Erfahrungen, der vertraute Raum in dem man sich bedingungslos geborgen fühlt, das Laufen und Sprechen lernt, das sind Nachbarn und Freunde, das leckere Essen, ein geliebtes Fest, wie unser diesjähriges Celler Schützen- und Volksfest.


Für mich selbst war in jungen Jahren die Heimat etwas Fremdes und Ferne. Zuhause wurde von der Heimat gesprochen. Meine Oma und mein Vater fuhren alljährlich zu einem Heimattreffen der Ostbrandenburger, um sich dort mit alten Freunden zu treffen, die genau wie sie im 2. Weltkrieg die Heimat verloren und sich nun trafen um alte Freundschaften und Verbindungen zu pflegen.

In den letzten Jahrzehnten, in denen wir in Europa trotz einiger immer wieder auftretenden poltischen Spannungen eine verhältnismäßig friedvolle Zeit verleben durften wurden wir aber immer wieder Zeugen, dass es in den Krisengebieten dieser Welt Vertreibungen mit dem Verlust der Heimat, der Existenzen gab. Hundertausende sind/waren davon betroffen und sind als Flüchtlinge auf der Suche nach einem neuen Lebensraum, einer neuen Heimat. Viele davon haben auf dem Weg dahin ihr Leben und den Kontakt zu ihren Familien verloren.


Bis Anfang dieses Jahres sind wir alle davon ausgegangen, dass sich so etwas, eine Heimatvertreibung, ein Verlust der Heimat, in Europa, also in unsere unmittelbarer Nachbarschaft nicht wiederholt. Doch genau an meinem diesjährigen Geburtstag begann der russische Einmarsch in die Ukraine. Dieser nicht nachvollziehbare Krieg mit all seinen Grausamkeiten und Leiden erschüttert uns alle. Da wird grundlos ein Volk vom Nachbarn angegriffen, da werden tausende von Manschen aus ihrer Heimat vertrieben, da muss ein ganzes Volk sein Land gegen eine große Übermacht verteidigen. Dort sind in den Familien schwere Entscheidungen zu treffen gewesen. Die Heimat zu verlassen oder zu verteidigen. Familien wurden getrennt. Die große Gastfreundschaft in den aufnehmenden Ländern, so auch bei uns in Celle, wo viele Frauen und Kinder mit offenen Armen aufgenommen wurden ist schon sehr beeindruckend. Die Ukrainer sind alle auf unsere Unterstützung angewiesen. Wir können uns die Grausamkeiten, trotz aller Berichterstattung kaum vorstellen und hoffen, dass es dort bald zur Einstellung der Kampfhandlungen, zum Ende des Krieges kommt und die Ukrainer dann wieder bei allem Leid in die Heimat zurückkehren können. Wir sind dann gerne alle weiterhin bereit Unterstützung zu gewähren damit der Wiederaubau gelingt.


Doch nun zurück zu uns. Gibt es überhaupt eine feste Heimat? Kann sie wechseln? Kann man mehrere haben? Bis in die 70/80 Jahre des letzen Jahrhunderts war die Mobilität noch nicht so ausgeprägt wie heute. Man wurde groß suchte eine Arbeit in der Nähe, heiratete selten jemanden aus der Ferne und blieb im näheren Umkreis wohnen, baute sich ein Häuschen und blieb der Heimat treu.

Heute treibt es viele, insbesondere die jungen Menschen in die Ferne. Man folgt interessanten Arbeitsangeboten, wechselt oft die Arbeitgeber und gründet dann, teilweise weit weg vom Elternhaus eine neue Existenz, eine neue Familie. Und dann werden im neuen Lebensraum neue Freunde, neue Gemeinschaften, neue Vereine gefunden, kurzum ein neues Heimatgefühl entsteht. Man fühlt sich dort wohl.


Das bringt mich zu der Feststellung, dass die Heimat nicht nur ein Ort/ein Raum sein kann, sondern, dass die Heimat auch ein Gefühl sein kann. Da wo ich lebe, da wo ich mich wohl fühle, da bin ich zu Hause, da ist meine Heimat.


Persönlich habe ich natürlich auch über mein Heimatempfinden nachgedacht. Die ersten 8 Monate wurden in der Fritzenwiese verbracht, danach zogen meine Eltern mit mir auf die Heese. Diesem Stadtteil war ich 30 Jahre treu, bis ich dann mit meiner Frau und den Töchtern in unser neugebautes Haus nach Klein-Hehlen zog. Also Celle treugeblieben. Wenn ich dabei zurückschaue kommen Erinnerungen an die erste Schulzeit hoch. 42 Kinder in der ersten Klasse mit Schiefertafel und Griffel. So auch auf unseren Abenteuerspielplatz, den Heeseplatz. In den Heckenrosen wurden Buden gebaut und die Markttage im Herbst waren die Höhepunkte. Die Bauern kamen mit Pferd und Wagen und brachten Unmengen von Einkellerungskartoffeln. Wir Jungen waren dann schnell dabei und durften bei der Auslieferung der Kartoffeln mitfahren. Die Hattendorffstrasse hoch und runter. Wer Glück hatte saß mit auf dem Kutschbock und durfte sogar mal die Zügel halten. Das waren Abenteuer pur, in einer Zeit wo wir noch Roller fuhren, wo es kein Fernsehen, kein Telefon und ganz selten mal Kino gab. Im Radio gab es im Schulfunk: Neues aus Waldhagen und die Abenteuer von Kalle Blomquist. Das sind einige Erinnerungen an meine Kindheit, an mein Leben in meiner Celler Heimat.


Man spürt es doch auch noch heute, wenn man von einer weiten Reise nach Hause kommt. Man fährt über die Landkreisgrenze, dann die Stadtgrenze und dann in den eigenen Stadtteil und fühlt sich wohl. Wieder zu Hause, wieder in der Heimat.


Unser beschauliches Celle, mit vielen Besonderheiten, die jeder unterschiedlich erlebt hat und fühlt.

Egal ob es unser Schloßtheater, unsere Turmbläser, die Hengstparaden, die Schloßbergfeten, die Abiumzüge, das Kaffeeröstaroma von Huth, der Weihnachtsmarkt oder das Weinfest ist, oder die Erinnerungen an Dienstmann Kempe mit seiner Lotte, an Pellegrini, Stadeeis oder Talamini und den Herzog-Ernst sind oder der Duft von Mandeln und Zuckerwatte, die Musik der Blaskapellen uns Spielmannszüge, die Fahrgeräusche der Karussells beim Celler Schützenfest sind, Auch ein kühles Bier bei dieser Sommerhitze hört dazu. (Wäre schön, wenn ich jetzt eines bekäme). Alles zusammen kann, nein ist unsere Celler Heimat.


Für Jeden ist etwas anders dabei. Ein Strauß an Erinnerungen, andere Gefühle, und Eindrücke. Kurz um die eigenen Gedanken an die eigene Heimat. Und das ist schön so und soll so bleiben.

Zum Schluss bedanke ich mich nun bei ihnen fürs Zuhören wünsche uns allen eine friedvolle Zeit, in der wir uns in unserem persönlichen Lebensraum, in unserer Heimat wohlfühlen.

Lassen Sie uns nun anschgließend, wie es seit langem zu diesem Festessen gehört diesen Programmpunkt mit der Nationalhymne und dem Niedersachsenlied beenden.


Vielen Dank und GUT ZIEL.

295 Ansichten