„Komplizierte Dinge einfach machen“: Interview mit Astrid Bertram


Astrid Bertram

CELLE. Astrid Bertram ist als Leiterin des Kirchenamtes Celle für 70 MitarbeiterInnen verantwortlich. Im Interview erzählt sie von den Problemen der Gegenwart, kreativer Zusammenarbeit und Projekten, die so lange "geknetet" wurden, bis sie allen gefielen.


Astrid Bertram, die Frage sei erlaubt: Warum entscheidet sich ein junger Mensch für eine berufliche Laufbahn in der Verwaltung?

Astrid Bertram: Mein Vater war Justizbeamter und hatte für seine Tochter eine Karriere als Inspektorin vorgesehen. Gleich nach dem Abitur habe ich meine duale Ausbildung als Diplom-Verwaltungswirtin angefangen und schnell festgestellt, dass mir diese Tätigkeit gefällt: kein Tag ist wie der andere, jeder Fall ist anders. Man konzentriert sich darauf, anderen Menschen zu helfen, darauf, dass die Gemeinschaft funktioniert. Gleichzeitig braucht man besondere diplomatische Qualitäten. Ich wusste gleich, dass dieser Job zu mir passt.

Wie sahen Ihre beruflichen Anfänge aus?

Ich arbeitete zunächst für die Stadt Hannover und wechselte dann in die Gemeinde Wedemark, wo ich für die Bereiche Bauleitplanung und Wirtschaftsförderung zuständig war. Ich musste Gewerbegebiete ausweisen, Firmen akquirieren, Bestandspflege vornehmen oder Unternehmen in Umstrukturierungsprozessen begleiten. Eine sehr vielseitige Aufgabe. Zusätzlich begleitete ich einen Ortsrat bei der Verwaltung. Zehn Jahre war ich in diesem Job, eine tolle Zeit. Zur Jahrtausendwende bin ich zur Region Hannover gewechselt, es war Zeit für neue Aufgaben.


Was haben Sie dort gemacht?

Ich fühlte mich in der Wirtschaftsförderung am wohlsten und konzipierte nun ein Unternehmerbüro, das als Anlaufstelle für Unternehmen gedacht war, die einen neuen Standort errichten wollten oder Fragen an die Verwaltung hatten. Beratung des Bauprojekts, Suche nach einem passenden Grundstück, Informationen über Naturschutz, zugängliche Verkehrswege – alles unter einem Dach. Um es etwas lakonisch zusammenzufassen: Wir kneteten die Projekte so lange, bis es allen gefiel. Gleichzeitig arbeitete ich auch mit Unternehmen zusammen, die in wirtschaftliche Schieflage geraten waren. Da ging es darum, Arbeitsplätze zu erhalten, den Kontakt zu Banken herzustellen oder im schlimmsten Fall Insolvenzen so gut wie möglich über die Bühne zu bringen.


Können Sie ein Beispiel für Projekte nennen, bei denen diese Zusammenarbeit besonders gut funktioniert hat?

In der Region Hannover gibt es 20 verschiedene Kommunen, doch wer als Handwerker unterwegs ist, der kann nicht auf die verschiedenen Gemeindegrenzen achten, sondern braucht die Möglichkeit, kostenfrei parken zu können. Also haben wir den Handwerkerparkausweis ins Leben gerufen, eine Lizenz, die man sich kaufen und als Plakette vorne in die Scheibe kleben kann, um dann überall in der Region kostenlos zu parken. Die Arbeit daran war sehr aufwendig, schließlich bedeuten die Parkgebühren wichtige Einnahmen für die Kommunen. Politessen mussten geschult werden – und das in einer Gegend, die so groß ist wie das Saarland. Komplizierte Dinge einfach machen: Mit dem Handwerkerparkausweis hat das sehr gut geklappt.


Wie hat es Sie dann schließlich zur Kirche verschlagen?

Ich war schon als junger Mensch in der Kirche aktiv und saß jahrelang im Kirchenvorstand während meiner Zeit in der Wedemark. Gleichzeitig war ich überzeugte Kommunalbeamtin, doch nach 25 Jahren in den Kommunen war es Zeit für ein neues Umfeld. 2011 las ich eine interessante Stellenanzeige für die Verwaltungsstelle im Evangelischen Schulwerk der Landeskirche Hannover. Ich bewarb mich, bekam den Job und durfte mich in die hochinteressante Arbeit stürzen, unter anderem den Aufbau und die Weiterentwicklung von Schulstandorten. 2015 zog ich mit meinem Mann (Stadtkämmerer Thomas Bertram, d. Red.) nach Celle und fing Ende des Jahres als stellvertretende Amtsleiterin im Kirchenamt Celle an.

Wie waren Ihre ersten Erfahrungen in dieser neuen Funktion?

Ich hatte vorab zwei Wochen im Kirchenamt Wunstorf hospitiert, um mir mit einer Art Druckbetankung ein Bild von der Arbeit im Kirchenamt zu machen. Zunächst hatte ich die Abteilungsleitung für Kindertagesstätten und Diakonie inne, 2018/19 begleitete ich die Gründung des Diakonischen Werkes und übernahm da die betriebswirtschaftliche Geschäftsführung. Daran schloss sich schließlich die Leitung des Kirchenamtes an.

Wie würden Sie Ihr Aufgabenfeld beschreiben?

Es geht darum, Prozesse zu optimieren und dabei Schnittstellen zu schaffen. Unsere Arbeit funktioniert schreibtischübergreifend und dabei die Übergänge gut hinzubekommen, damit nichts vom Tisch purzelt und die Dinge zeitgerecht erledigt werden, liegt in meiner Verantwortung. Ein großes Thema ist die Einführung von mobilem Arbeiten im Kirchenamt, das durch die Pandemie natürlich extrem an Bedeutung gewonnen hat. In Sachen EDV waren wir nicht auf so eine Krise eingestellt. Uns fehlten Hard- und Software, außerdem das Knowhow. Gerade sind wir dabei, uns von einem Papierbüro zu einem papierarmen Büro zu wandeln.


Vor welche Probleme hat sie die Pandemie noch gestellt?

Von einem Tag auf den anderen musste man die individuelle Situation noch viel stärker als sonst in den Fokus nehmen. Kindertagesstätten und Schulen wurden geschlossen, die Eltern mussten ihre Kinder zu Hause betreuen. Das war eine Herausforderung. Gleichzeitig hat die Krise die klassischen Muster noch mehr aufgebrochen, Frauen haben inzwischen fast einen ebenso hohen Anteil am wirtschaftlichen Familienleben wie die Männer. Ich empfinde diese Entwicklung als großen Gewinn. Gleichzeitig verändert das die Arbeitsplätze und dieser Transformationsprozess benötigt Zeit und Energie.


Der Fachkräftemangel trifft auch das Kirchenamt. Zudem sogen die Kirchenaustritte dafür, dass die Finanzen zurück gehen. Wie gehen Sie mit diesen Problemen um?

Tatsächlich hat sich das Tempo und der Bedarf erhöht, während die finanziellen Mittel zurückgehen. Das erfordert eine hohe Flexibilität und noch mehr Kreativität. Früher haben wir auf eine Stelle viele Bewerber*innen bekommen, heute müssen wir für die unbesetzten Stellen mit der Lupe suchen. Das zeigt schon die langanhaltende Suche nach einer Stellvertretung für meine Position.


Wie würden Sie die Arbeit im Kirchenamt beschreiben?

Das Kirchenamt müssen Sie sich wie eine Unternehmens- oder Kommunalverwaltung vorstellen. Mit der Arbeit einer Kirchengemeinde hat das nichts zu tun. Wir haben ein Bauamt, eine Kita-Abteilung, eine Personalabteilung. Und die Finanzverwaltung steht – neben der IT – hoch im Kurs. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf wird bei uns gelebt, gleichzeitig haben wir viele sehr individuelle Mitarbeiter*innen und wissen um die Vorteile der unterschiedlichen beruflichen Herkünfte. Wir leben die kirchliche Ethik, wer bei uns arbeitet, muss die kirchlichen Grundsätze mittragen können. Das unterscheidet uns allerdings nicht groß von anderen Arbeitgebern: Man kann nur für jemanden arbeiten, mit dessen Zielen man sich identifizieren kann.


Was sind die wichtigen Themen der Gegenwart und nahen Zukunft im Kirchenamt Celle?

Natürlich der bereits erwähnte Fachkräftemangel und die rücklaufenden Finanzen. Da müssen wir unsere Arbeit optimieren und verhindern, dass die Gelder der Kirchenglieder nicht in Verwaltungsarbeiten versickern. Die Digitalisierung ist sehr von Bedeutung, momentan beschäftigen wir uns mit der Einführung von Fachprogrammen und der Installation der notwendigen technischen Strukturen, Stichwort Glasfaser. Mir persönlich ist es ein wichtiges Anliegen, die unterschiedlichen Generationen im Hause miteinander zu verbinden. Die Vielfalt macht eine kompatible und funktionierende Mannschaft aus. Außerdem wollen wir noch stärker in die Ausbildung neuer Mitarbeiter*innen gehen.


Haben Sie Wünsche für die Zukunft?

Einen verwaltungsoptimierenden Austausch mit der Landeskirche, da ist noch etwas Luft nach oben. Ein Beispiel ist die Einführung des elektronischen Kassenwesen. Da hat jedes Kirchenamt für sich allein von vorne anfangen müssen, dabei hätte man mit einer besseren Planung und Zusammenarbeit Zeit und Ressourcen sparen können. Ich hoffe, da kommen wir in der nächsten Zeit besser zusammen.


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