"Oben ohne" ins kühle Nass der Celler Bäder?


CELLE/LANDKREIS. Gleiches Recht für Mann und Frau – buchstäblich in jeder Hinsicht, also auch beim Baden, Schwimmen und Sonnen in öffentlichen Bädern – immer häufiger machen sich Frauen stark für den Wegfall des Bikinioberteils. Göttingen, Berlin und München sorgten im Verlaufe dieses Frühjahrs und Sommers für Schlagzeilen mit diesem Thema, das in Celle und Umgebung offenbar keines ist.


Eine Anfrage bei Einrichtungen in Stadt und Landkreis fördert zutage, dass es bisher keine Wünsche von weiblichen Gästen in dieser Hinsicht gab. „Wir würden uns wohl in einem solchen Fall zurückhalten“, spekuliert der Vorstandsvorsitzende des Freibades Westercelle, Sönke Brockmann, über den Fall der Fälle. Aber sehr real erscheint ihm das Szenario nicht. Berufen könnte sich das Personal auf die Hausordnung, die wie im Celler Badeland „übliche Badekleidung“ vorschreibt, das heißt für die Frauen Badeanzug oder Bikini. „Auch eine Burka wäre nicht erlaubt“, erläutert der Geschäftsführer der Stadtwerke Celle, Thomas Edathy, und fügt hinzu: „Bisher hat es aber noch keine Wünsche in diese Richtungen gegeben.“


Bei der Gestaltung der Regeln für die Nutzung der Einrichtungen sind die Betreiber frei. Sönke Brockmann sieht keine Veranlassung, an dem bestehenden Regelwerk etwas zu ändern. Der Geschäftsführer der Wirtschaftsbetriebe Allertal, Friedrich-Wilhelm Falke, gibt für das Schwimmbad Winsen zu bedenken: „Kinder sollten vor Freizügigkeit geschützt werden“, darüber hinaus würde Freizügigkeit Angriffsfläche für bestimmte Badegäste bieten. „Auch konservative Gäste würden damit ein Problem haben und dadurch eventuell dem Schwimmbad fernbleiben.“ Die Referentin für Öffentlichkeitsarbeit des Waldbades Hohne/Spechtshorn, Daniela Ankermann, verweist ebenfalls auf die geltende Badeordnung, die „angemessene“ Badekleidung verlange, fügt jedoch hinzu: „Wir verschließen uns nicht davor, diese im Zeichen des Zeitgeistes neu zu interpretieren. Unser Waldbad steht für Toleranz und Gleichberechtigung. Eine tiefgründige bzw. kontroverse Diskussion hierüber war bisher nicht erforderlich. Solange sich niemand unserer Badegäste belästigt fühlt, ist alles in Ordnung.“


In Göttingen und Berlin waren es jeweils Einzelpersonen, die die Diskussion auch auf politischer Lokalebene auslösten. In Göttingen war eine Testphase, die "Oben ohne" an Wochenenden in allen von der Göttinger Sport- und Freizeitgesellschaft betriebenen Einrichtungen erlaubt, die Folge. In der Hauptstadt verklagte eine Einwohnerin den Bezirk Treptow-Köpenick, weil sie sich diskriminiert fühlte. Zunächst ein Sicherheitsdienst und dann die Polizei waren eingeschritten, weil sie sich an einem bezirkseigenen Wasserspielplatz nur in Badehose gesonnt hatte. Sie verlangt eine Entschädigung. Noch hat das Gericht nicht entschieden, der Bezirk hingegen die Bekleidungsordnung für die „Wasserplansche“ bereits gelockert. In München ist es, wie die Süddeutsche Zeitung vor wenigen Tagen berichtete, die grün-rote Stadtregierung, die sich dafür einsetzt, dass künftig alle in den Bädern ohne Oberteil ins Wasser dürfen. Bemerkenswert, was der Sprecher der Stadtwerke München, Michael Silva, dazu anführte: Das Thema sei über die Jahrzehnte dem Zeitgeist unterworfen gewesen. Während in den Siebzigern Oben-ohne, Sonne und Schwimmen vollkommen üblich gewesen sei, sei der gesellschaftliche Umgang mit Nacktheit wieder konservativer geworden. Abschließend sagte er: „Wir werden weiterhin mit Fingerspitzengefühl und Münchner Toleranz auf die Bedürfnisse der Badegäste reagieren.“ Die Badeverordnung solle überprüft werden.


Noch gibt es keinen entsprechenden Handlungsbedarf in der Celler Region. Die aktuellen politischen Entwicklungen im Bereich Energie haben eher die Frage aufgeworfen, wie lange darf überhaupt noch gebadet werden – ob mit oder ohne Oberteil.

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