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"Nebensætzliches" wird zur Hauptsache - Ansull präsentiert neues Buch


Fotos: Rainer Schiedung


CELLE. Alles stimmte, harmonierte bei Oskar Ansulls Lesung, als er auf Einladung der Ernst-Schulze-Gesellschaft sein neues Buch #Nebensætzliches vorstellte, den gerade erschienenen 3. Band seiner Buch-Reihe, nach den vorangegangenen Bänden „Papierstreifen“ (2020) und „Gedichte“ (2021). Der Ort der Lesung war wunderbar, das Direktorenhaus mit seinen klaren Proportionen, und die Zuhörerinnen und Zuhörer waren interessiert, neugierig. Zur Einstimmung des Publikums hatte der Autor viele mit unterschiedlichsten Aphorismen beschriebene Papierstreifen im Veranstaltungsraum verteilt, z. B: „Da du nun mal geboren bist, hast du die Chance, dies dein Leben lang wieder gut zu machen.“ Man las, lächelte, tauschte sich mit der Nachbarschaft aus. So sollte eine Lesung beginnen!


Der Dichter, schon lange in Berlin lebend, bleibt seiner Heimatstadt Celle sehr verbunden. Im Vorstand der RWLE Möller Stiftung fördert er hier einzelne Personen wie auch Kulturveranstaltungen. Zugleich beschenkt er seine Freunde und Mitstreiter mit eigenen Texten. Im Dichterraum Celle im Kanzleicafé wie auch auf der Ernst-Schulze-Säule vor dem Kreistagssaal sieht man ihn gewürdigt.

Oskar #Ansull stellte den dritten Band seiner Buchreihe mit großer Lebhaftigkeit vor. Ihm zuzuhören war eine Freude. Was versammeln diese Seiten? Es sind Verse, Gedichte, Aphorismen, kurze Dialoge – gesammelt über viele Jahre und ergänzt durch Aktuelles, vielfach mit Querverbindungen zu den beiden ersten Bänden. Im Vorwort zitiert der Autor das Grimm’sche Wörterbuch von 1878 mit der Definition zum Aphorismus: „gedankenspan, m. – gedanke, der bei gedankenarbeit gleichsam abfällt wie späne beim tischler […]“. Zitate und Bezüge, inhaltliche Übereinstimmungen oder Divergenzen mit bedeutenden Denkern und Dichtern finden sich im Buch häufig, Ansull hat sie offensichtlich mit Freude aufgeführt. So begegnen wir z. B. Lichtenberg, Nietzsche, Cioran, Kraus, Kant, Stefan Zweig, Rilke, Wilhelm Busch, Morgenstern, Mörike, Schiller, Hölderlin, Eichendorff, Lessing und anderen. So reflektiert Ansull Aufgaben und Wirkung von Literatur. Sie öffnet Ohren, Augen und Kopf der Leserinnen und Leser, fordert uns heraus. Denn die Erde ist unsere „Endlagerstätte“, so bringt es Ansull auf den Punkt.


Schon sehr früh, als Schuljunge in Westercelle, habe er, erzählt Ansull, die Faszination der Worte entdeckt, ihre akustische Kraft und tiefgründige Wirklichkeitsausdeutung. Er habe als Kind gestottert, doch niemals, wenn er ein Gedicht oder seine eigenen Verse vortrug, so etwa das vor der Schubotz-Mühle erfundene Zauberwort: „Mühle, mahle Mehle“. Im Laufe der Jahrzehnte begann seine Sammlung der „Gedankenspäne“, die er auf unzähligen Zetteln aufschrieb, übergroß zu werden. Und aus diesem Reservoir ist nun auch vieles im neuen #Buch nachzulesen, zum Beispiel:

„Neuer Struwwelpeter:

Conrad, sprach die Frau Mama.

Doch der Conrad war nicht da.“

Alte, aber auch neue Verse, sprachliche Zugriffe sind die „Bausteine“ des vorgestellten Bandes. Von den neueren, für uns sehr aktuellen „Gedankenspänen“ trug Ansull mit all ihren Beziehungen sehr eindrucksvoll vor:

Markt und Straßen stehn verlassen …

Josef von Eichendorff »Weihnacht«“

oder:

„Wiederholte Weihnachtsansprachlosigkeiten“.


Eines sehr politisch-kritischen Themas aus dem Landkreis Celle nahm sich Ansull im Jahr 2010 an: das der Geflügel-Großschlachterei in Wietze. Dazu erfand er eine Autorin mit Namen Lina Gall und veröffentlichte deren (seine) 12 Verse des Protestes unter dem Titel „hühnerhighway“. Diese kleine Sammlung hat gleichfalls Aufnahme in den neuen Band „Nebensætzliches“ gefunden, darunter das „Gedicht“:

„wietze by celle 6

im alten erdöldorf läuft die

geflügelmassenmordmaschinerie

natürlich wie geschmiert“

Ansull stellt sich immer wieder gesellschaftspolitisch sehr bewegenden Themen, so gibt er Lebensgeschichten geflüchteter Menschen wieder, etwa die eines Türken wie auch eines Gefangenen im Dritten Reich. In seiner Lesung griff er dazu immer wieder zu den Bänden „Gedichte“ und „Papierstreifen“. Die Zuhörer freute es, auch längere Prosa-Texte zu hören, die die Anliegen des Autors mit anderen Mitteln als mit dem treffenden Aphorismus darstellen. In der Kurzgeschichte „Moses“ (Papierstreifen) etwa, der Reflexion eines Rom-Besuchs, erzählt das Ich von Geschäfte-Macherei, von dem „Rummelplatz“ vor dem Petersdom, also dem Unverständnis für die großen Gedanken der Religion, für die auch gerade durch die Kunst vermittelte Menschenliebe. Oft hingegen seien die Dichter, wie Ansull sehr pointiert in einer Prosa-Skizze mit dem Titel „Eine Frage des Nichtverstehens“ (Papierstreifen) veranschaulicht, damit konfrontiert, ins Leere zu sprechen. Diese gut begründete Klage hat er – sehr nachdenkenswert – „Ingeborg Bachmann, Johann Peter Hebel, Franz Kafka und Christian Morgenstern gewidmet“.


Alle Zuhörerinnen und Zuhörer dankten mit lang anhaltendem Beifall. Oskar Ansull hat ein großes Geschenk gemacht.


Text: Lothar Haas



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