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Kritischer Blick auf zwei Gesellschaften


Der Sozialpädagoge Mahmut Koyun hat seine Dissertation und seine Biografie über kurdische Yeziden in der deutschen Gesellschaft veröffentlicht. Foto: Martina Bauer
Der Sozialpädagoge Mahmut Koyun hat seine Dissertation und seine Biografie über kurdische Yeziden in der deutschen Gesellschaft veröffentlicht. Foto: Martina Bauer

BIELEFELD/CELLE. Auf der Suche nach seinen kulturellen Wurzeln begegnet Mahmut Koyun dem Mitra-Kult und der Lehre Zarathustras. Seither beachtet der Bielefelder kurdisch-yezidischer Abstammung, Gutes zu denken, zu sagen und zu tun. Der Sozialpädagoge hat jetzt nach seiner Dissertation über yezidische Familien in Celle und ihren Zugang zur Kinder- und Jugendhilfe seine Biografie veröffentlicht. „Zwischen Yezidentum und westlicher Kultur“, ist eine Bestandsaufnahme – zu Migration und Gesellschaft, zu Chancen, Barrieren und Defiziten. Wichtiger Bestandteil ist der Aufstieg des Autors vom Problemschüler zum sozialpädagogischen Unternehmer und promovierten Erziehungswissenschaftler.


In seinem neuen Taschenbuch zeigt Mahmut Koyun an seiner eigenen Lebensgeschichte exemplarisch auf, warum Menschen fliehen (müssen), was Geflüchtete in der westlichen Welt erwartet, wo die Fallstricke zwischen Tradition und Moderne liegen und wie Bildung Türen öffnet. Aus seinem kurdischen Heimatdorf Kiwex im Südosten der Türkei flüchtet Mahmut Koyun 1986 – im Zuge der anhaltenden Vertreibung der Yeziden – als 13-Jähriger nach Deutschland. In Bielefeld lebt er bei seinem Onkel, bis Eltern und Geschwister nachkommen können.


In seiner Autobiographie stellt der heute 49-jährige dar, wie er die Trennung von seinen kulturellen, sprachlichen und sozialen Wurzeln meistert. Exemplarisch vermittelt er seine Erlebnisse, Eindrücke und Erwartungen, die er in unterschiedlichen Bereichen und Zeiten seines Integrationsprozesses gemacht hat. Sein schulischer und beruflicher Werdegang ebnen ihm den Weg in die neue Gesellschaft. Mahmut Koyun beißt sich in verschiedenen Bielefelder Schulen durch, legt mit 19 Jahren den Grundstein für eine eigene Familie und schafft sein Fachabitur in Sozialwesen. In der sozialen Arbeit findet er Studienziel und Berufung. Nach seinem Diplom 2003 an der Fachhochschule Bielefeld und freiberuflicher Arbeit wagt der Sozialpädagoge 2009 den Schritt in die Selbstständigkeit.


Lösungsansätze für Politik und Gesellschaft


Mit einem kritischen Blick auf die traditionellen Wertorientierungen der yezidischen Gemeinschaft zeigt der Autor die Zerrissenheit vieler junger Menschen zwischen zwei Kulturen auf und stellt die Werte und Normen der deutschen Gesellschaft als Bereicherung dar. Er macht sich die Unterstützung von Kindern und Jugendlichen aus bildungsfernen und sozial benachteiligten Migrantenfamilien zur Aufgabe. Sein Unternehmen IntegraPlus – Ambulante Familiendienste führt er heute mit einem siebenköpfigen, multikulturellen Fachkräfteteam. In Bielefeld und OWL werden Heranwachsende im Auftrag der Jugendämter fachlich begleitet und gefördert. „Ein Spagat zwischen den Erwartungen und Ziele von Jugendlichen, Familienoberhäuptern und Jugendämtern“, sagt Koyun.


Auf 180 Seiten schildert er seinen Berufsalltag in der Sozialen Arbeit, sein ehrenamtliches Engagement in der Kommunalpolitik. Seine Kritik: Die starren und homogenen Strukturen in Bildung, Erziehung und den gesellschaftspolitischen Systemen benachteiligten bildungsferne und sozialschwache Familien. Am Beispiel der in Deutschland lebenden Yeziden beleuchtet Koyun Migration und deren gesellschaftliche Folgen im Aufnahmeland. Yezidische Familien in Celle und ihr Zugang zur Kinder- und Jugendhilfe bilden auch das Thema seiner Dissertation an der Universität Bielefeld, die 2021 publiziert wird.


Oftmals mangele es in Politik und Verwaltung, an Schulen und in Jugendämtern an schlüssigen Lösungen für Chancengleichheit. Anhand seiner Lebensgeschichte und Berufspraxis analysiert Koyun die Probleme von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund und stellt professionelle Lösungsansätze vor. Bildung sei der Schlüssel, Mehrsprachigkeit eine Chance. Seine Forderung: mehr Fachleute unterschiedlicher kultureller Herkunft in Schulen und (Jugend-)Ämtern, neue pädagogische Konzepte. „Ein systemischer Umbruch ist gefragt statt stereotypen Denkens, mehr interkulturelle Ansätze statt vorurteilsbehafteter Umgangsweisen.“ Die (Kommunal-)Politik müsse finanzielle und personelle Ressourcen für individuelle Unterstützungsangebote bereitstellen, beispielsweise in sozialen Brennpunkten wie Bielefeld-Baumheide.


Frieden durch gutes Denken und gutes Handeln


Sein Zukunftsziel: Fluchtgründe reduzieren, Vorurteile durch Wissen abbauen. Für Bielefeld und alle Welt wünscht sich der Autor, Sozialpädagoge und Unternehmer ein friedliches, interkulturelles Miteinander – geprägt von Chancengleichheit. „Ich möchte Denkanstöße geben“, so Mahmut Koyun, „wenn jeder Mensch unabhängig von Kultur und Religion Gutes denken, Gutes sagen und Gutes tun würde, dann hätten wir Frieden.“ Text: Martina Bauer



Mahmut Koyun, „Interkulturelle Öffnung in der Kinder- und Jugendhilfe in Celle – Yezidische MigrantInnen und ihr Zugang zu den Jugendhilfeleistungen am Beispiel der Hilfen zur Erziehung“, wvb Wissenschaftlicher Verlag Berlin, 2021

ISBN: 978-3-96138-252-1

76 €


Dr. Mahmut Koyun: „Zwischen Yezidentum und westlicher Kultur – Vom Flüchtling zum Sozialarbeiter“, Rediroma-Verlag Remscheid, 2022

ISBN: 978-3-98527-455-0

Taschenbuch: 8,95 € / E-Book: 6,99 €


Mahmut Koyuns Heimatdorf Kiwex im Gebirgszug Tur Abdin, im kurdischen Siedlungsgebiet im Südosten der Türkei, ist heute nicht mehr dauerhaft bewohnt. Fotos: Mahmut Koyun


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