Kolumne Celle – ein Gedicht, Folge 23: »Latscho Saster«
- CELLEHEUTE
- vor 2 Tagen
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Von Adson Ulkner Schertz
In schräg einfallenden Sonnenstrahlen hatte ich nachmittags auf dem Waldfriedhof gestanden, am Grab meiner Großmutter. Anschließend war ich die Straße mit dem schönsten aller Celler Straßennamen entlanggegangen: die Marienwerderallee, und nach einem Wegstück am Fuhsekanal entlang war ich nach Wietzenbruch hineinspaziert. Auch hier war ich gewissermaßen wieder auf nostalgischen Pfaden unterwegs. In Wietzenbruch nämlich hatte ich einst als junger Mann – lang, lang ist's her – für etwa ein Jahr im Schrotthandel malocht, bei einem Großonkel (der inzwischen gestorben ist) und mehreren Cousins zweiten Grades (die nach und nach allesamt fortgezogen sind). Und nicht allein im milden Licht der Rückschau war es ein schönes (wiewohl auch hartes) Jahr gewesen, in einer besseren Zeit, in der es hier noch die »Gloria-Klause« und die »Flamingo-Bar« gegeben hatte.
Als ich genauer hinsah, bemerkte ich, dass ich die zwei Tschabos doch tatsächlich von früher kannte.
Ich war eben durch die Ostpreußenstraße gekommen und nun irgendwo zwischen Fuchsberg und Fuhrberger Landstraße unterwegs, da sah ich in einem Garagenhof zwei Männer Mitte 50 um einen kupfernen Quadersockel stehen, der etwa 120 cm hoch aufragte und wohl je 40 cm tief und breit schien. Darauf stand das ebenso kupferfarbene Modell eines ebenfalls 40 cm langen Lastwagens mit kleinem Kran daran, wie viele Schrotthändler ihn fahren (also circa ein Mercedes Atego als Pritschenwagen mit offener Ladefläche). Und als ich genauer hinsah, bemerkte ich, dass ich die zwei Tschabos doch tatsächlich von früher kannte – nennen wir sie hier Baro (Groß) und Zoro (Stark) –, und als die dann in meine Richtung guckten, erkannten sie erstaunlicherweise auch mich!
»Adsoro Loloro?! Du?! Tscharäll mich! 1000 Jahre nicht gesehen! Was nāscht du denn hier längs?«
»Och, Sehnsucht, Heimweh. ...«
»Dóro!«
»Awe. ... Und ihr so? Was macht ihr denn da?« Ich zeigte auf den Sockel mit dem kleinen LKW darauf (der Kutsche, der Gurre, dem Rollum), der vom Material her sehr nach Loli Saster (rotem Eisen, also Kupfer) aussah.
»Kunst!«
»Ach?«
Und dann erzählten sie ausführlich, wie sie zunächst aus Wachs ein Modell des Schrotthändler-Wagens geformt und geschnitzt, dann eine Negativ- bzw. Gussform aus Gips und Silikon hergestellt hätten – um final aus flüssigem Eisen einen echten Kunstguss herzustellen, der bloß noch kupferfarben mit Sprühlack zu kolorieren gewesen sei. Puh, Hut ab! Da staunte ich nicht schlecht.
»Und du, Adsoro Tschinnepaskero, jetzt, wo du ›zufällig‹ hier bist: tschinn! Schreib uns was, das wir in den Sockel tackern können! Mach ein tschucker Gedicht! Schreib in der alten Sprache!«
»Ich? Was? Wie?« Offensichtlich erinnerten sie sich daran, dass ich früher schon immerzu Gedichte geschrieben hatte, aber warum sollte ausgerechnet ich jetzt hier etwas schreiben, das die zwei in den Sockel ihrer Plastik gravieren konnten? »Ich bin doch in eurer Sprache gar nicht zuhause! Ich bin doch bloß 'n Gadscho und will jetzt doch hier nicht als so 'n dinnelicher Meckes dastehen! Ist nicht! Das müsst ihr schon selbst machen!«
»Na, nane! Du machst das! Wir malochen, du tschinnst. Du kennst die Wörter, erinner dich! Kochemerloschen. Nāsch ins Keri, tscheff dir Lowina oder Meleli, mit Gutloh und Tut – und zack!«
»Wenn, dann Meleli – und zwar nur mit Tut. Tschü Gutloh!«
»Awa! Und jetzt mach uns 'ne Hymne!«, beschloss Baro.
»Aber als Blues! Kupfer-Blues, ein roter Blues, hähähä!«, so Zoro.
Also ging ich halt ins Haus, nahm mir Kaffee mit Milch (aber ohne Zucker!) und
schrieb – und zwar dies:
Latscho Saster
Hacho Diwes am Schinageln,
Rollum voller mies tschinakro Katt,
kannst du kaum noch vermitageln.
Tschunde, wenn man cham tschü Lowi hat!
Romni, Tschawis wollen kallen.
Dehl mal latscho Loli Saster!
Schore will ich nicht mengallen
aber tscheff' gern baro Laster.
Drallern, drallern, rodeln, baren,
moss verbiggern: Parnó, Gali,
Parre machen mit den Waren,
sasto bleiben und zorali!
Latscho Drom durch Kaff und Foro,
sei barwelo und tschü choro!

»Aweles!« Baro nickte durchaus anerkennend, schürzte aber auch leicht die Lippen zu einer dezent skeptischen Tülle, als er auf meinen Zettel kneiste und mein Elaborat las.
»Nicht ganz – wie pennt man das? –, nicht ganz aus einem Guss, aber schon tschucker!«
»Und!: Es is' sich sehr latscho am Reimen!«, diagnostizierte Zoro, während er mit geschlossenen Augen gütig nickte. »Das nehmen wir. Parikerav, Dalo!«
»Da nich' für«, winkte ich ab. »Und was macht ihr denn jetzt mit dem Ding da, nachdem ihr mein Geschreibsel eingraviert habt?« Ich zeigte auf den Kupferlaster auf der Kupfersäule.
»Celle zeigen!« Und die beiden beömmelten sich in einem Maße, dass es mir Wellen der Verwunderung in die Stirn trieb.
»Was beömmelt ihr euch denn so, ihr gowegardschigen Lustig-Latsches?«, fragte ich sicherheitshalber nach.
Da erzählten der Große und der Starke, dass doch an jenem Platz dort bei der Congress-Union, wo man in die Innenstadt reinfährt (sie meinten den Thaer-Platz), dass dort doch derzeit die Statue von diesem Gadscho, diesem Lowigardsch, »diesem Adolf Teer oder was« fehle, dass die doch abgebaut und weg sei. Und genau da wollten die beiden jetzt in Kürze ihre Schrotthändler-Wagen-Plastik aufstellen, »irgendwie nachts«, heimlich, still und leise, »aber schön festbolzen!«. Ich staunte schon wieder Bauklötze (kupferfarbene). Hier hatten die Menschen noch Ideen!
Also, Leser, schön die Schainlis aufhalten in den nächsten Tagen und gut hinräunen am Thaer-Platz, ob da nicht inzwischen ein feines Lollo-Rollum-Standbild steht!
Bis dahin: Bacht thaj Sastipe! – Und latscho Drom!

An dieser Stelle erscheint vierzehntäglich, jeden zweiten Freitag, die Kolumne »Celle – ein Gedicht« von Adson Ulkner Schertz. Wir gehen davon aus, dass es sich bei dem Namen um ein – nun ja: ulkiges Pseudonym handelt. Die Kolumnentexte landen in analoger Form auf Papier bei uns im Redaktionsbriefkasten. Wir sind bemüht, jeden Text mit einem passenden Foto zu illustrieren. Der ersten Kolumne war als »Autorenfoto« dieses Bild beigefügt.














