Kolumne Celle – ein Gedicht, Folge 22: »Lichtkunst«
- CELLEHEUTE
- 6. März
- 5 Min. Lesezeit

Von Adson Ulkner Schertz
Es ist der 28. Februar 2026, ein Samstagabend. Der Sonnenuntergang (gegen 18:00 Uhr) liegt eine halbe Stunde zurück, und just wird das letzte Restlicht des Tages von dunkel blaugrauen Wolken aufgesogen. Wegen eben dieser dicken Wolkendecke ist die sogenannte »Planetenparade« am Himmel über dem westlichen Horizont, wo kürzlich die Sonne verschleiert versank, nicht zu sehen. Schade. Die Aufreihung von Merkur, Venus, Saturn, Neptun, Uranus und Jupiter wäre sicher ein recht interessanter Anblick gewesen. Immerhin: In drei Tagen steht uns der Krähenmond ins Haus. Krähen: die Schatten der Lüfte! Wenn die vor dem Buddhalächeln der vollen Mondscheibe hin- und herjagen und krakeelen kann das ja auch ein Schauspiel sein. ...
Lichtkunst und Dichtkunst – in Celle nah beieinander
Von der Stadtkirche herkommend, durchgrüble ich die Grasshoff-Gasse, die am Kunstmuseum vorbei Richtung Schlossplatz führt. Da geht mir erstmals auf, dass hier in Celle Dichtkunst und Lichtkunst ja in der Tat ganz nah beieinanderliegen, denn Fritz Grasshoff, nach dem dieses Gässchen hier benannt ist, war freilich ein ganz formidabler und famoser Dichter, der zwischen '46 und '67 gute zwanzig Jahre in Celle lebte, und dieses Kunstmuseum hier links neben mir beherbergt doch vor allem auch Lichtkunst! (Derzeit läuft noch die sehenswerte Ausstellung mit dem Titel »Kometen. Lichtkunst mit Strahlkraft. 25 Jahre Kunstmuseum Celle«.) Prompt und passend kommen mir zwei melancholische Grasshoff-Strophen aus dem Gedicht »Das Licht« in den Sinn: »Eben war es doch noch hell. / War nicht eben noch das Licht / wie ein gelber Hund so schnell / überm runden Tischgesicht? // Eben noch die helle Spur, / eben noch der Sonnenschein – / und nun ist es Schatten nur, / und wir sind mit uns allein.«
Da überkommt mich ein Selber-dichten-Wollen. Grasshoff-Gasse strahle Sprachkraft auf mich ab! Lichtkunst, lass leuchten in mir!
Lichtkunst
»Mehr Licht!«, so Goethes letzte Worte –
dann dämmern durch die Sterbepforte. ...
In Celle heute mondhelle Nacht,
gemächlich glitzert die Aller daher/dahin
durch Felder, Gefilde – und ganz da oben:
große kosmische Materieschlacht,
Schwarze Löcher und Sternenbeginn,
Raumzeit und blitzschnelles Photonentoben.
Was ist ein Mensch im Jetzt und Hier?
Erkenntnisblitze und Armleuchter-Sein,
dunkles Gelichter oder lichtenbergfein,
Dichtkunst und dummes Geschmier.
Der Unterschied zwischen Goethe und mir?
»Mehr Bier!«
Haha. Na ja. Mut zum freien Spiel und sinnvollen Lockern des Formkorsetts! (Außerdem ist's ein gutes Beispiel dafür, dass man das Lyrische Ich nicht mit dem Autor verwechseln darf, denn ich trinke ja nur wenig Bier aber sehr viel Grüntee, nicht wahr?) Und wenn's um Licht geht, darf's ja wohl auch ein wenig verstrahlt sein.
Lichtkunst und Dichtkunst – in Celle nah beieinander, ja. Aber heute auch Lichtkunst und Lichtkitsch (bzw. Lichtquatsch). Denn gegenüber dem Kunstmuseum, vorm Schloss, zelebriert man ein Lichterfest mit allerlei Strahlern, Laternen, Lichtprojektionen, leuchtenden Riesenpilzen, Sterngebilden, Feuerjonglage – und Trommelrambazamba. Wogegen nichts zu sagen ist. Wer solch Gaudi will, soll solch Gaudi genießen. Gaudeamus igitur – zumal ja vita nostra ziemlich brevis est, nech?

Ach, was soll's: Ich gehe jetzt auch mal durch dieses »Nordlichter«-Ding da vorm Schloss und ums Schloss herum, beschließe ich. Und da passiert jetzt etwas Lustiges. Denn zwischen dem ganzen Glitzern, Blinken, Strahlen, Blitzen, inmitten des bunten Gewimmels und Gewusels all der gutgelaunten Menschen sehe ich plötzlich eine pechschwarze, bitumendunkle Figur ›irrlichtern‹, ein gedrungenes Männlein mit leichter Plauze, von Kopf (inklusive Gesicht) bis Fuß in einen hautengen, eben schwarzen Anzug, einen sogenannten ›Morphsuit‹ gekleidet. Und als ich noch näher an ihm dran bin, höre ich, dass es, während es wie irre umhertanzt, ununterbrochen mantraartig murmelt:
»Mementote umbrae! Umbram curate! Denkt an den Schatten! Beachtet auch den Schatten!«
Und da merke ich: Die Stimme kennst du doch! Das ist doch Erwin! Das ist doch definitiv Erwin vom Pferd, Meisterspinner in Sachen Seemannsgarn, der mit dem Ganz Großen Jägerlatinum, der Räuberpistolero aus Münchhausen, der geschwindelerregendste Faxenfex vom blausten Dunst!
»Erwin«, sage ich also zum umherkreiselnden Männlein im schwarzen Morphsuit, »sag mal, bist du das?!«
»Oh, ah, Adson?!«, antwortet das Männlein. »Ich kann durch diesen Überzieher hier nicht ganz so gut sehen, verstehst du?«
»Äh, ja. Und was genau machst du hier?«
»Ich bin die Antithese.«
»Hä?«
»Das ist doch hier ein Lichterfest.«
»Ja, sicher. ...«
»Joar, und ich bin der Schatten.«
Ich starre den Morphsuit-Mann an, der vor mir stehend die Hände in die Hüften
gestemmt hat, ganz selbstbewusst.
»Zumindest hast du einen gewaltigen Schatten, Erwin.«
»Nein, nein. Ich handle hier ja im Auftrag, Adson!«
»Ach so. Und in wessen Auftrag figurierst du als Schatten?«
»Luzifer.«
»Bitte?«
»Ich handle im Auftrage Luzifers höchstpersönlich.«
»Im Auftrag des Teufels?«
»So kann man das, wenn man unbedingt will, auch sagen.«
Im Kunstmuseum gebe es doch jene gute alte, schöne, gelbe Telefonzelle.
Und dann tischt Erwin erst so richtig auf. Und wieder zeigt sich, was sich bei nahezu jeder seiner Geschichten zeigt: dass man selbst mit der Einschätzung der vorigen Geschichte, noch spinnerter könne es nun ja wohl ganz sicher nicht mehr werden, völlig unrecht hatte, denn es wird doch immer noch bekloppter!
Erwin sei nämlich gestern drüben im Kunstmuseum mit Sammlung Robert Simon gewesen und habe sich »den ganzen Lichtkunst-Zinnober und so« angeschaut. Und dort im Kunstmuseum gebe es doch, nahe der Bilder des Malers Eberhard Schlotter, auch jene gute alte, schöne, gelbe Telefonzelle, in die man hineingehen könne, um sich über den Telefonhörer »ein Interview mit dem Maler, oder was weiß ich« anzuhören. Das habe aber nicht funktioniert. Absolute Funkstille. Zunächst. Dann aber habe plötzlich so ein »komisches kosmisches Rauschen und Knistern« eingesetzt, »so Frequenzen und Interferenzen«. Erwin könne sich vorstellen, dass es vielleicht einen stillen Blitzeinschlag gegeben oder die nahe Planetenparade eine Rolle gespielt habe – jedenfalls sei plötzlich Luzifer am Telefon gewesen, und in etwa dieser Dialog habe dann stattgefunden:
»Hallo Erwin.«
»Wer spricht da?«
»Luzifer am Apparat.«
»Lu Ziffer? Kenne ich nicht!«
»›LUZIFER‹, du gehirnampotierter Apostat! Hier spricht der einstige Lichtbringer, der Morgenstern höchstpersönlich, Sohn Auroras, der Morgenröte, der gestürzte Engel, vom Himmel gefallen wie ein Blitz, fürderhin Schatten und Schaitan, abtrünniger Rebell, zu Boden geschlagener Bezwinger der Völker!«
»Ach so, ja denn. Was liegt an?«
Na ja, da habe der Sohn der Morgenröte, dort am Telefon im Kunstmuseum Celle, ihm, Erwin, den klaren Auftrag erteilt, am heutigen Tage – beziehungsweise Abend – im Rahmen des Lichterfestes den Schatten zu mimen, was er darum jetzt hier ja auch tue.
»Und wird der kleine dicke Schatten gleich eine Bratwurst essen mit seinem guten Bekannten, dem helllichten Herrn Schertz?«, frage ich den Morphsuit-Mann.
»Aber ja! Wenn die Lichtgestalt Adson bezahlt und schön viel scharfen Senf an die Wurst tut!«
Also brachen Lux und Umbra miteinander die Bratwurst und das Toastbrot in segensreicher Eintracht, dass es nur so yinte und yangte. Und damit war der 28. Februar des Jahres 2026 ein Tag ganz im Zeichen der Ars Magna Lucis et Umbrae, der Großen Kunst von Licht und Schatten. Was will man mehr?

An dieser Stelle erscheint vierzehntäglich, jeden zweiten Freitag, die Kolumne »Celle – ein Gedicht« von Adson Ulkner Schertz. Wir gehen davon aus, dass es sich bei dem Namen um ein – nun ja: ulkiges Pseudonym handelt. Die Kolumnentexte landen in analoger Form auf Papier bei uns im Redaktionsbriefkasten. Wir sind bemüht, jeden Text mit einem passenden Foto zu illustrieren. Der ersten Kolumne war als »Autorenfoto« dieses Bild beigefügt.














