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Zwischen „Café Kleist“ und CZ


Oskar Ansull in der KulturTrif(f)t Fotos: Anke Schlicht, Peter Müller, privat

CELLE. Philip Roth, Paul Auster und Ernest Hemingway – Namen der Weltliteratur, die nichts mit Celle zu tun haben, oder etwa doch? Ja, sie haben, es weiß nur keiner wie so vieles andere rund um die Geschichte und Gegenwart dieser Stadt auch nicht.


Werke dieser Hochkarätiger und zahlreicher anderer, darunter Donna Leon, werden tatsächlich in Celle ins Deutsche übertragen, und zwar von dem preisgekrönten Übersetzer Werner Schmitz, und dieser wohnt in der Bahnhofstraße, ebenso wie seine ebenfalls sehr renommierte Kollegin Silvia Morawetz. Mit ihrer Adresse befinden sich beide als Kenner und Übersetzer von #Literatur in bester Gesellschaft - rein geschichtlich betrachtet.


Oskar #Ansull hat mit der Ankündigung zu seiner jüngsten Lesung in der „Kultur #Trif(f)t“: „Nirgendwo waren und sind in Celle – seit gut 300 Jahren – mehr an literarischen Spuren angesiedelt als in der ehemaligen Viehtrift“, nicht zu viel versprochen, wobei er die Bahnhofstraße bis zur CZ mit einschließt. Wenn einer eine solche Aussage treffen kann, dann ist er ist. Acht Jahre lang hat der in Westercelle geborene und aufgewachsene Schriftsteller und Lyriker sich für sein Buch „Heimat, schöne Fremde“ mit der Literatur und ihren Urhebern in Stadt und Landkreis beschäftigt, sämtliche Spuren zusammengetragen und festgehalten im mehrteiligen Band.


Eine Fährte führte zur Trift 25, die einst ein Anlaufpunkt für illustre Besucher wie den Vater der „Biene Maja“ Waldemar Bonsels, Hans Carossa oder Theodor Lessing war. Niels Kampmann betrieb hier von 1924 bis 1927 seinen gleichnamigen Verlag, später führte er die Fabrik seines Schwiegervaters Wilhelm Berkefeld. Häufig zu Gast war auch Nachbar Franz du Bois aus der Trift 31, wie „eine Hortensie, die nach drei Wochen wieder begossen wird“, fühlte sich dieser, wenn er sich bei Kampmann und nicht an seinem Arbeitsplatz im Oberlandesgericht aufhalten konnte. Der Bankier und Jurist veröffentlichte unter dem Pseudonym Hugo Franz. „Ein verhinderter Künstler und lustloser Beamter“, beschreibt ihn Oskar Ansull und zitiert ihn während seiner erkenntnisreichen und kurzweiligen Lesung mit: „Das Drama ist das Fest der Seele“.


DER LITERARISCH REICHSTE ORT

Mancher Gast, der nach Celle kam der Literatur wegen, musste die Trift vom Bahnhof kommend nicht einmal hinuntergehen, er konnte relativ am Anfang Halt machen und Kurs nehmen aufs „Café Kleist“, untergebracht in dem Gebäude, das in der Vergangenheit und auch heute noch, wie Stadtführer erzählen, für das Schloss gehalten wird. Dass das im Jahr 1710 als „Werck- Zucht- und Tollhaus“ gegründete #Gefängnis nach außen hin so stattlich daherkam (die beiden nachfolgenden historischen Bilder zeigen eine Federzeichnung von Christian Adolf Vogell um 1830 sowie die heutige Justizvollzugsanstalt um 1800 eines unbekannten Künstlers) , verwunderte viele, berichtet Ansull über den „literarisch reichsten Ort, der anzutreffen ist“ seinem erstaunten Publikum und sorgt gleich für Erläuterung: „Von 1930 bis 33 war es preußisches Reformgefängnis, das von Fritz Kleist geleitet wurde. Dort laufen so viele Spuren zusammen.“


Kleist veranstaltete Lesungen für die Gefangenen, Joachim Ringelnatz reiste an und auch Kurt Tucholsky. Schnell war von der gutbürgerlichen Stadtgesellschaft mit „Café Kleist“ ein despektierlicher Spitzname gefunden. Produktiv waren jedoch auch die Insassen selbst, nicht nur in der Zeit als Reformgefängnis. Unliebsame, kritische Geister sperrte man weg, aber auch zu Recht verurteilte Kriminelle, wie Burkhard Driest einer war, schrieben. Driest saß seine Strafe zwischen 1966 und 68 in Celle ab, später wurde er Schriftsteller und Schauspieler, einer seiner Romane spielt im Knast an der Trift. „Eine Art Hans Fallada in Celle“, kommentiert Ansull und nennt mit dem Celler Arzt und Autor Carl Credé-Hoerder ein weiteres Beispiel für einen schreibenden Gefangenen: „Eines seiner Bücher ist von Käthe Kollwitz illustriert worden, Kurt Tucholsky hat ihn gelobt, ein großartiger Schriftsteller und ein düsteres Kapitel für die Stadt #Celle.“


Äußerungen der Verwunderung löst der Star des Abends in der Kultur Trif(f)t wiederum aus, als er sagt: „Auch das Lied der Moorsoldaten ist hier entstanden“. Seine Erklärung schickt er gleich hinterher: „Ja, man weiß das nicht, man erzählt sich das nicht, weil es nicht zur Identitätsgeschichte der Stadt gehört.“


EIN GESCHENK AN DIE STADT

Für den 72-Jährigen, der bereits seit Jahrzehnten in Berlin-Pankow lebt, sind diese Erkenntnisse mittlerweile Selbstverständlichkeiten. Umso mehr erstaunt seine Aufgewühltheit, als er kurz auf das Denkmal von Albrecht Thaer zu sprechen kommt. Seiner Ansicht nach steht es auf der Kreuzung an der Hannoverschen Straße Ecke Bahnhofstraße an der völlig falschen Stelle. Vor einigen Jahren äußerte er sich dahingehend kritisch, die Cellesche Zeitung (CZ) wurde aufmerksam. Er zitiert eine Redakteurin, die sinngemäß schrieb, er habe kein Recht dazu, er solle sich lieber um Angelegenheiten vor seiner Haustür in Berlin-Pankow kümmern. „Sie wusste wohl nicht, wie sehr mein Herz an Celle hängt“, sagt Oskar Ansull am Ende einer Lesung, die ein anderes, unbekanntes Celle präsentierte auf der Basis eines Buches, das der Autor, Herausgeber und ebenfalls gebürtige Celler Joachim Kersten ein „kulturhistorisches Meisterwerk und Geschenk an die Stadt“ nannte und anmerkte: „Oskar Ansull hat mehr zusammengetragen, als diese Stadt verdient hat.“



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