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Sonnenaufgang, Gänsehaut und 74 Kilometer pures Bergglück

  • Extern
  • vor 2 Stunden
  • 3 Min. Lesezeit
Trail bei Nacht
Foto: Privat

CELLE. Eigentlich hatten Sonja und Daniel Beer den Respekt vor 107 Kilometern und mehr als 5.000 Höhenmetern rund um das Wettersteingebirge im Gepäck. Doch die Berge hatten andere Pläne. Wegen einer angekündigten Gewitterfront mussten die drei längsten Distanzen des Zugspitz Ultratrails kurzfristig verkürzt werden. Statt in Garmisch-Partenkirchen fiel der Startschuss in Leutasch, statt 107 standen am Ende 74,5 Kilometer auf der Uhr. Der Stimmung tat das keinen Abbruch. Der Zugspitz Ultratrail gilt mit mehr als 5.000 Teilnehmern als das größte Trailrunning-Event Deutschlands und gehört seit 2026 zur UTMB World Series.


Was folgte, war eine dieser Nächte, die man nicht vergisst

Der Start um 21.40 am Freitag abend, nach dem Gewitter. Stirnlampen zeichneten schmale Lichtkegel in die Dunkelheit. Ringsherum nur Berge, Wald und Stille. Eine Stille, die man in einem Feld von Hunderten Läufern kaum erwarten würde. Vor den Läufern zogen sich endlose Lichterketten in Serpentinen den Berg hinauf – alle ganz ruhig, ohne ein einziges Wort zu wechseln.

„Es war magisch“, erzählt Sonja Beer. „Jeder war völlig bei sich. Man hat die Schritte gehört, den Atem der anderen und sonst nichts.“


Manchmal war es dabei sogar beruhigend, dass die Nacht vieles verborgen hielt

„Man hat nur die wenigen Meter Trail direkt vor sich gesehen. Im Nachhinein glaube ich, das war besser so. Bei Tageslicht hätte man an manchen Stellen wahrscheinlich deutlich mehr Respekt davor gehabt, wie steil es neben dem Weg bergab ging – und wäre mit Sicherheit langsamer gelaufen.“

Irgendwann begann der Himmel über den Gipfeln langsam zu glühen. Erst ein schmaler Streifen Orange, dann rosa schimmernde Bergspitzen. Alpenglühen, Sonnenaufgang und eine Kulisse, die jeden Fotoapparat überfordert.


Wer die Nacht durch die Berge läuft, erlebt die Alpen anders.


Und dann kam ZEGAPA

Was für Außenstehende wie ein Tippfehler klingt, ist unter Trailrunnern längst Kult. Der Name setzt sich aus dem legendären baskischen Berglauf Zegama-Aizkorri und Garmisch-Partenkirchen zusammen. Dahinter steckt die Garmischer Running Crew „Nomads“, die Jahr für Jahr am Kreuzeck eine der lautesten und emotionalsten Cheering-Zonen der Alpen aufbaut. Sirenen, Musik, Bengalos, Megafone und Hunderte Zuschauer verwandeln den Anstieg in ein kleines Bergfestival.

Für Sonja und Daniel kam dieser Moment kurz nach sieben Uhr morgens.


„Du quälst dich 2,5 Kilometer und 500 Höhenmeter den Berg hinauf und plötzlich hörst du Musik und Menschen schreien. Je näher du kommst, desto lauter wird es. Dann kommst du um die letzte Serpentine und wildfremde Menschen feiern dich, als würdest du gerade ein großes Rennen gewinnen. Und das lange bevor die erste Bahn auf den Berg fährt – die Nomads übernachten einfach dort.“


Trail bei Tag
Foto: Privat
Gänsehaut statt Müdigkeit

Getragen von dieser Energie ging es weiter hinauf Richtung Alpspitze und Osterfelderkopf. Der lange Anstieg verlangte noch einmal alles ab, wurde aber mit einem Panorama belohnt, das kaum in

Worte zu fassen ist: schroff aufragende Felswände, tief eingeschnittene Täler und blühende Alpwiesen.

Danach wartete ein technischer Downhill, der noch einmal volle Aufmerksamkeit forderte. Wurzeln, Felsen und enge Kurven ließen keine Unachtsamkeit zu. Als die schwierigsten Passagen geschafft waren, begann der vermeintlich entspannte Teil des Tages: noch 7,5 Kilometer leicht bergab ins Ziel rollen. Nach rund 3.200 gebremsten Abstiegsmetern hatten die Oberschenkel allerdings eine ganz andere Meinung.


Während die Temperaturen im Tal immer weiter stiegen, erreichten beide noch vor der größten Hitze das Ziel in Garmisch-Partenkirchen.


Junges Paar
Foto: Privat

Nach 12:16 Stunden lief Sonja Beer als fünfte ihrer Altersklasse und 38. Frau gesamt über die Ziellinie. Daniel Beer folgte nach 12:48 Stunden.


Zurück bleiben müde Beine, viele Höhenmeter in den Knochen und Erinnerungen, die noch lange nachwirken.


„Natürlich hätten wir gerne die kompletten 107 Kilometer erlebt. Aber dieses Rennen war trotzdem eines der schönsten Laufabenteuer, die wir bisher hatten. Die Nacht, der Sonnenaufgang, die Berge und die Menschen an der Strecke – das war etwas ganz Besonderes. Deshalb steht schon jetzt fest: Nächstes Jahr kommen wir wieder. Dann für die ganze Runde.“



Text: VfL, S. und D. Beer

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