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Neue Forschungserkenntnisse zu dem Erstarken der NSDAP

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  • 3 Min. Lesezeit
Frau Dr. Alexandra Wenck beim Vortrag an 17.04.2026. Foto: Volker Nickel
Frau Dr. Alexandra Wenck beim Vortrag an 17.04.2026. Foto: Volker Nickel

MÜDEN. Eine aktuelle Auswertung bisher unveröffentlichter Briefe der Schriftstellerin Felicitas Rose (1865–1938) im Auftrag des Förderkreis NaturHeimat Müden/Örtze e.V. wirft neues Licht auf die gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen in der Lüneburger Heide während der Weimarer Republik und der NS-Zeit. Die 42 Briefe an ihren langjährigen Freund Karl Weibgen, die zwischen 1914 und 1938 entstanden, dokumentieren nicht nur Roses persönliche Entwicklung von einer kaisertreuen, deutschnationalen Ehefrau zur begeisterten Anhängerin Adolf Hitlers, sondern auch das lokal verankerte Erstarken der NSDAP in der Region. Die Forschungsergebnisse, die Dr. Alexandra Wenck am 17. April in Müden präsentierte, zeigen, wie eng literarisches Schaffen, persönliche Netzwerke und politische Radikalisierung in dieser Zeit miteinander verwoben waren.


Briefe als Spiegel der Zeit: Von der Weimarer Republik zum „Dritten Reich“

Felicitas Rose, eine der prägendsten Stimmen der Heimatliteratur in den Zwanziger und Dreißiger Jahren, zog 1929 nach Müden in die Lüneburger Heide. Ihre Briefe an Karl Weibgen, einen ehemaligen Kollegen ihres Mannes, offenbaren eine ambivalente Haltung: Einerseits schildert sie idyllische Szenen aus ihrem Leben in der Heide, wo sie als gefeierte Autorin und „Heidjerin“ von der lokalen Bevölkerung verehrt wurde. Andererseits wird ihre Begeisterung für die erstarkende NSDAP und ihren Führer Adolf Hitler wie auch ihre Beziehung zu manchen NS-Eliten deutlich. So pflegte sie Kontakte zu Hitlers Schwester Paula, Winifred Wagner und hochrangigen SS-Offizieren – darunter die Söhne Weibgens, die in Himmlers Apparat Karriere machten.


Ein zentraler Satz des Vortrages stammt aus einem Brief vom 6. April 1932 und unterstreicht die politische Stimmung der Region: „Die ganze Lüneburger Heide ist ‚Nazi‘.“ Diese Aussage lässt sich durch Wahlergebnisse und Lagerberichte aus dem Kreisarchiv Celle einordnen: Während die NSDAP in Müden prozentual bereits 1929 mehr Stimmen hatte als manch andere Orte im Landkreis, stieg ihre Unterstützung bis 1932 massiv an – ein Indiz für die lokal unterschiedliche, aber wachsende Akzeptanz der Partei. Im ganzen damaligen Landkreis Celle war die NSDAP aktiv und stark vertreten. Die Briefe Felicitas Roses zeigen, wie sie diese Entwicklung nicht nur beobachtete, sondern z.T. selbst eine Begeisterung für die neue Regierung hegte. Durch ihre literarische Bekanntheit wurde sie in das kulturelle Leben des NS-Regimes integriert. Ihr Roman „Heideschulmeister Uwe Karsten“ (1909) wurde 1933 von der UFA als „völkischer Heimatfilm“ verfilmt – ein Projekt, das perfekt in die NS-Kulturpolitik passte.


Wissenschaftliche Bedeutung: Literatur- und Zeitgeschichte verbinden

Die Auswertung der Briefe ist nicht nur für die Literaturgeschichte von Bedeutung, sondern auch für das Verständnis, wie antidemokratische Strömungen in den Dreißiger Jahren in ländlichen Regionen Fuß fassen konnten. Deutlich wird auch die Begeisterung bestimmter kultureller Eliten für das NS-Regimes. Gleichzeitig bieten die Quellen Einblicke in die Ambivalenzen der Zeit: Rose, die sich selbst als „deutsche Frau, die seit vielen Jahren Nazi ist“ bezeichnete (Brief vom 23.6.1933), blieb zeitlebens eine leidenschaftliche Künstlerin, deren Schaffen von Musik, Familie und der Liebe zur Heide geprägt war.


Die Forschungsergebnisse basieren auf einer breiten Quellengrundlage, die durch Archive (u. a. Bundesarchiv Berlin, Kreisarchiv Celle) und private Nachlässe ergänzt wird. Besonders wertvoll sind die Wahldaten und Stimmungsberichte aus der Lüneburger Heide, die zeigen, wie sich die politische Landschaft zwischen 1929 und 1938 veränderte – von einer zersplitterten Parteienlandschaft hin zur Dominanz der NSDAP.


Warum diese Forschung wichtig ist

Die Auseinandersetzung mit Felicitas Rose und ihrem Werk ist keine bloße historische Rekonstruktion, sondern ein Beitrag zum Verständnis, wie antidemokratische Ideologien in der Gesellschaft verankert werden. „Felicitas Rose war eine Frau ihrer Zeit – geprägt von den Umbrüchen nach 1918, dem Scheitern der ersten deutschen Demokratie in der Weimarer Republik und der Sehnsucht nach nationaler Stärke“, so Dr Alexandra Wenck.


Ausblick: Wissenschaftliche Aufarbeitung und öffentliche Diskussion

Die Ergebnisse des Forschungsprojekts „Mein Tusculum in der Heide: Felicitas Rose in ihrem Heideort“ werden im nächsten Jahr in einer wissenschaftlichen Publikation veröffentlicht. Geplant ist eine öffentliche Veranstaltung anlässlich dieser Veröffentlichung am 165. Geburtstag Felicitas Rose am 31. Juli 2027 sowie eine Ausstellung zur Heideschriftstellerin, die die Briefe und ihr historisches Umfeld der Öffentlichkeit zugänglich machen. Ziel des Forschungsprojektes ist es, Roses Werk kritisch zu kontextualisieren – ohne ihre literarischen Leistungen zu schmälern, aber auch ohne ihre politische Haltung zu beschönigen.


Gesucht werden zu diesem Projekt noch weitere Unterlagen, wie z.B. die Briefe zwischen Felicitas Rose und dem Müdener Lehrer Schilling wie auch Porträts, die von Felicitas Rose angefertigt wurden. Sollten sich noch weitere Unterlagen zu Felicitas Rose in Privatbesitz befinden ist der Förderkreis dankbar für eine Kopie.



Text: Dr. Alexandra Wenck

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