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Kolumne Celle – ein Gedicht, Folge 21: »Alter Provisor«

Skyline von Celle

Von Adson Ulkner Schertz


Es war einmal ein Magen, der war ganz leer und knurrte, murrte und rumorte darob. Und der Magen hing im Leibe eines Mannes, der da hieß Adson. Und jener Adson stand inmitten der alten Stadt Celle auf einem Platze, welcher genannt wurde Stechbahn. Jenseits des Platzes im Westen schmolzen eben die barocken Fassaden des Schlosses in das Orange eines frühabendlichen Himmels, als unser Adson barmend seinen Bauch betastete und also den Entschluss fasste, dem tyrannischen Hunger den Garaus zu machen.


»Gib mir derer Puffer dreie, Weib!«

Am Rande der Stechbahn, vor der Stadtkirche St. Marien, sah er ein hölzernes Hüttchen stehen, einen hutzeligen Verschlag von einem Marktstand; ganz allein stand das windschiefe Ding da, denn es war weder ein Fest noch ein Marktgeschehen im Gange. Auch zog es wohl keinerlei Kundschaft an; die übrigen Menschen schienen es gar nicht wahrzunehmen, so sehr ließ ein jeder es links liegen. Auf Adson aber wirkte von dort eine starke Anziehung, die schien ihn lustig zu umflüstern und mit delikaten Schwaden zu locken. Also ging der hungrige Mann zum einsamen Büdchen hin, und darin waltete eine Alte, die briet im Sieden einer tiefen Pfanne Kartoffelpuffer. Und tief stierte sie in Adsons Augen als wie in seine Seele und griente ein Grienen, das kalt war und ihm doch gütig schien. Und so abgrundtief wissend glitzerte ein Glast auf den Äpfeln ihrer eignen Augen, den schwarzumflorten, faltenumflossenen.

»Will er stillen seinen Hunger?«, frug sie und griente.

»Das will er wohl«, sagte Adson.

»Womit kann ich dienen?«, frug da wieder die Alte.

»Gib mir derer Puffer dreie, Weib!«, sprach barsch der Hunger aus Adson heraus.

Und sie fischte aus dem Zischeln der Pfanne drei braungelbe Reibekuchentaler, die ließ sie triefend gleiten auf ein Papptellerchen, das sie Adson reichte. Der aber zahlte den fälligen Betrag und wandte sich zum Gehen, da johlte die Alte: »Wohl bekomm's!« und lachte so laut, dass krachende Echos von Fachwerkfassaden brachen. Nur hörte diese niemand denn Adson allein.


»Adson, bleib wach! Du darfst uns nicht entschlafen!«

Langsam ging der Mann dahin und hektisch gabelte er die Puffer vom fettigen Tellerchen und schlang sie hinunter – und oh so kam die Not! In der Poststraße, an der Kreuzung

Runde- und Mauernstraße, ging Adson jäh in die Knie. Der leere Leichnam des einstigen Warenhauses schräg vis-a-vis schwieg auf ihn nieder, als er sich krümmte, den schmerzenden Bauch sich hielt und stöhnte und jaulte. Eine Rebellion der Ranzigkeit tobte im Magen! Und Passanten passierten, Fußgänger gingen, hinüber, vorbei und vorüber; und niemand sah und beugte sich nieder und kümmerte sich. Sie flossen dahin, wie an Schnürchen geführt, wie hypnotisiert vom Glosen und Glimmen und Blinken der Handy-Displays. Also kroch Adson als waidwundes Tier auf allen Vieren in die Rundestraße hinein und rollte sich und zog und schob sich und lehnte sich an an eine der Sprechenden Laternen. Und februarkalt dunkelte die Welt und verschwamm. Da sprachen die fünf Laternen im Chor: »Adson, bleib wach! Du darfst uns nicht entschlafen!« Und aus ihren Schatten heraus traten drei Tiere: ein schwarzer Kater, einäugig und stark, eine Ratte, ganz feist und verlaust, und ein Tauber, von Milben und Wetter zerzaust.

»Wir müssen ihn bringen zur Zauberfrau!«, raunte der Kater.

»Ja, auf mit ihm zur Kräuterfrau, die den Zaubertrank braut; die kann ihn heilen!«, fistelte heiser das feiste Rattengetier.

»Lasst uns ihn schaffen zur Bergstraße, zum Zauberhaus hin, dem Alten Provisor, worinnen der Kessel der Magierin steht!«, uhute der Tauber, der Eule sein wollte.

Und in beschwörendem Singsang zitierten die Tiere dieses Gedicht:


Alter Provisor


Es zieht in dir ein zähes Zipperlein?

Die Saiten deiner Seele klingen Moll?

Der Körper funktioniert nicht, wie er soll?

Dann schenk in dubio Provisor ein!


Dein Psychosoma ruft nach Heilanstalt?

Die Trübnis lastet schwer dir auf dem Haupt,

das baumelt so herab, wie abgeschraubt?

Dann hilft dir ein Provisor, gut und alt!


Du fühlst dich räudig wie ein krankes Tier?

Durch deine Mitte geht ein grimmer Ruck?

Dann trinke vom Provisor einen Schluck:

In Maßen ist er Zauberelixier!


Komm nur nicht drauf, zu viel dir einzuschenken.

So ist das eben mit den Zaubertränken.


Adson nahm all dies nur gedämpft und in vagen Fetzen wahr. Dann aber merkte er oder meinte zu merken, wie er sich bewegte oder bewegt wurde, halb getragen, halb gezogen von der tierischen Troika aus Kater, Ratte und Taube, die ein jedes auf magische Weise

gewachsen zu sein schienen, sodass sie dieses Wunder des Menschentransports vollbringen konnten. Und so zog man ihn über die Poststraße an der hoch aufragenden Warenhaushülse vorbei und ums Eck in die Bergstraße hinein, wo man ihn vor der Hausnummer 12 sanft niederließ, dann lautstark miaute, quiekte, gurrend schuhute, vielleicht gar an die Türe klopfte – und schließlich still und leise in den Abend verschwand.


Mädchen vor Statue
Die drei Dörtes.

Adson aber ward aufgetan die Türe, und gülden schien ihm aus dem Innern des Zauberhauses ein Licht entgegen. Im Gleißen dieses heilenden Lichts schimmerte seiden und warm umwoben der Umriss der Zauberfrau. Oder waren es doch sogar drei Frauen, drei, die sich sehr ähnlich sahen, als seien sie die Schicksalsschwestern selbst, die Nornen, Moiren, Parzen? Adson vermochte es nicht zu sagen. Er sah aber Hände, die ihn hineinwinkten, und schon schwebte er denn auch wirklich hinein in das Haus, das genannt wird »Alter Provisor«, wo von Zauberhand hergestellt wird ein geistiger Trank, der ebenso heißt »Alter Provisor«, gewonnen aus magischem Mazerat, kräuterbitter, feinweich süßlich, bernsteinfarben warm.


Adson jedenfalls spürte Genesung sich ausbreiten in seinem Körper.


Von diesem Wundertrunk nun flößte die Zauberfrau Adson eine kleine Dosis ein aus einer feinen Phiole und sie lächelte milde begütigend und salbte seine Schläfen, strich prüfend über seine Stirn und nahm an der Innenseite seines Handgelenks den Puls. Oder waren es nicht doch drei Frauen, war's eine Dreiheit aus Fides, Spes und Caritas? Es war nicht klar zu sagen. Adson jedenfalls spürte Genesung sich ausbreiten in seinem Körper. Und eine Wohligkeit umgab ihn und durchströmte sein wieder fideles Gemüt.


»Nun geh denn deiner Wege!«, sprach alsbald die Zauberfrau mit zwiefachem Echo. »Nimm aber dies mit und benetze damit das Antlitz unserer abtrünnigen Schwester!« Mit diesen Worten gab sie Adson die Phiole mit dem Wundertrunk in die Hand. Dann schnipste sie mit den Fingern – und Adson stand wieder auf der Stechbahn.


Genau neben der Kartoffelpufferbude stand er, seitlich, sodass die alte Bratmamsell ihn nicht sehen konnte. In seiner Rechten spürte er die Phiole mit dem bernsteinfarbenen Liquor darin, als wäre es eine Pistole, zum Liquidieren gedacht. Da sprang er vor die Alte hin und rief: »Nimm dies hier, Pufferweib!« Und er spritzte aus der Phiole den Zaubersaft in ihr verdutztes Gesicht. Die Alte aber schrie und qualmte, schrumpfte, schwebte und rotierte, sausend und immer noch schneller und schneller – und, puff, hielt sie an und war eine kleine Rosine. Die fiel herab auf den Boden der Bude – wo sie lag, bis ein Kater sie fand (oder war's eine Taube oder Ratte?) und sie auffraß.


Und da Adson nicht gestorben ist, brät er Puffer heute lieber selber.


Statue

An dieser Stelle erscheint vierzehntäglich, jeden zweiten Freitag, die Kolumne »Celle – ein Gedicht« von Adson Ulkner Schertz. Wir gehen davon aus, dass es sich bei dem Namen um ein – nun ja: ulkiges Pseudonym handelt. Die Kolumnentexte landen in analoger Form auf Papier bei uns im Redaktionsbriefkasten. Wir sind bemüht, jeden Text mit einem passenden Foto zu illustrieren. Der ersten Kolumne war als »Autorenfoto« dieses Bild beigefügt.

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