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Kolumne Celle – ein Gedicht, Folge 19: »Der Pfortenmann«

Skyline von Celle

Von Adson Ulkner Schertz


Als wäre er binnen weniger Tage gleich wieder aus der Mode gekommen, hatte Celle den schmucken Schneemantel, obwohl er doch so kleidsam gewesen war, längst wieder ausgezogen, als ich an einem Mittwochmittag im Januar dieses noch jungen Jahres, nach delikat-rustikalem Kohlrouladen-Mittagsmahl, aus der »Glocke« in die Piltzergasse trat. Fahl, dumpf und leer gräulichterte eine Art Himmel hinab auf uns Diesseitige, die wir jetzt hier in nur kleiner Zahl in der klammen Altstadt umgingen.


Linksum! – Trotz des vollen Magens vermessen hochliterarisch gestimmt, in geradezu adjektivsüchtiger Spielart, trottete ich wie unter einer Zeitlupe vor mich hin – da machte es von rechts her plötzlich »diii-düüüt!«, schwachelektrisch-plastikmembranen: Aha! Die Tür zu Krügers Zeitungskiosk war geöffnet worden, wie ich in peripherer Unschärfe wahrnahm. Schon roch man auch ein Wölkchen einer eben dort entströmten Tabaksgemütlichkeit. Dann Klackern von Absätzen hochhackiger Schuhe auf Pflasterstein. Kurz schlurfendes Bremsgeräusch: »Adson?!« (Frauenstimme.)


In ihrer rechten Hand hielt sie einen Lottoschein und winkte mir damit zu.

Wie ich über die rechte Schulter zurückschaute, sah ich eine alte Bekannte vor besagtem Laden stehen: Erika Mogdanz, Ende fünfzig, wohnhaft Nähe Blumlage, Fachkraft an der Metzgerfrischetheke. In ihrer rechten Hand hielt sie einen Lottoschein und winkte mir damit zu – oberflächlich fröhlich ob des Wiedersehens nach längerer Zeit, darunter aber mit einer leicht durchscheinenden Kümmernis grundiert. Die Ursache eben dieser erhellte sie mir nach kurzem Klönschnack so:

»Ulki, seit der Pfortenmann weg ist, habe ich gar kein Lottoglück mehr!«

Ich schaute fragend in ihre Jammermimik: »Wie bidde?«


Und sie legte mir ausführlich ihr vorgeblich glückbringendes Ritual dar, das mit der Bronzeplastik zu tun hatte, die von 1992 bis Ende 2023, also gut 30 Jahre lang, Ecke Poststraße/Stechbahn, nah der Schaufenster von Juwelier Rahls gestanden hatte: »Homme passant la porte«, die lebensgroße Männerfigur, die durch die geschlossene Pforte hindurch in ein mythologisches Jenseits geht, am Rücken schwer verletzt, aber mit einem Lächeln auf den Lippen, in der rechten Hand eine Hostie oder, wahrscheinlicher, die Obolus-Münze haltend, womit der funkeläugige Fährmann Charon zu bezahlen ist, der die Toten über den Acheron oder den Styx in den Hades bringt. Im Oktober 2023 war das

Kunstwerk angefahren, sehr beschädigt und dann zwecks Restaurierungsarbeiten abgebaut worden. Vor wenigen Monaten hatte ich, wie mir jetzt einfiel, dieses Gedicht über den absenten Bronzemann geschrieben, den der französische Künstler Jean Ipoustéguy im Jahre 1966 geschaffen hatte:


Der Pfortenmann


Wann sehen wir ihn wieder stehen,

den Knackarschmann mit Stechbahnblick,

hinüber in den Hades gehen,

als wäre es ein Zaubertrick?


Er ging durch jene Weltenpforte

uns lächelmutig stets voran

an unbekannte Jenseitsorte,

der schwerverletzte Schmerzensmann.


Ist bleibend er nun eingegangen,

statt gehend uns am Platz zu bleiben?

Und kann er doch zurückgelangen

im unser schnelles Diesseitstreiben?


Wann werden wir hinüberschreiten?

Wohin? Wodurch? Und wie genau?

Wird jemand uns dabei begleiten

ins Dunkel oder Himmelblau?


Ganz gut gearbeitet!, diagnostizierte ich unbescheiden, innerlich mir selbst zunickend. – Was hatte es nun aber mit Erikas Glücksritual auf sich?


Mädchen vor Statue
Ein Mann macht ein Nickerchen in der Ehrenhalle

Erika erklärte mir, dass sie in all den vielen Lottospieljahren bis zum Oktober 2023 vor jedem Bekreuzigen des Tippscheins dem Pfortenmann den Po getätschelt habe, was nämlich, ihrer festen Überzeugung nach, Glück gebracht habe, und dieses Glück sei seit der Abwesenheit desselben Mannes und seiner wohltrainierten Gesäßmuskulatur nun voll und ganz ausgeblieben.

»Aber Erika«, hakte ich ungläubig nach, »so ganz viel Glück kannst du doch auch zu Zeiten des Podextätschelns nicht gehabt haben, denn sonst müsstest du ja jetzt nicht weiterhin deine gar nicht so schmalen Taler in das ›6 aus 49‹ versenken, geschweige denn immer noch arbeiten gehen!«


»Nee, ja, also doch, ähm. … Ich hatte da schon öfters Glück gehabt damals! Da waren

gar nicht mal so selten drei Richtige drin – oder drei Richtige plus Superzahl sogar!«

»Ja bei Lorenzo Lotto aus Loreto! Was waren das dann für Gewinne? Vielleicht 20 Euro jeweils?«

»Na Mensch, mein Gott, ja … so ungefähr wohl. Aber! Wenn ich richtig gut getätschelt hatte, also den Bronzepo, dann hatte ich auch schon mal vier Richtige – mit Superzahl noch! Das waren dann zweihundertund Euro!«


»Schwindelerregende Summen, Erika! – Aber wie hast das eben gemeint, von wegen ›gut getätschelt‹? Gutes Potätscheln, schlechte Gesäßklapse – wie muss man sich da jetzt die Unterschiede vorstellen?«


»Das kann ich dir so leicht nicht erklären, Adson; das ist kompliziert! Da kam's auf die richtige Handhaltung an, auf den Winkel, die richtige Klapsstärke, nicht zu stark und nicht zu schwach, gut gewaschene Hände mussten es sein – aber vor allem kam's auf die innere Einstellung an! Ich durfte nicht irgendwie ärgerlich sein oder gierig oder, äh, so'n bisschen sexuell sozusagen. Tätscheln, nicht betatschen! Aber auch ein, ähm, bemutterndes Tätscheln brachte kein Glück. So möglichst auf Augenhöhe freundschaftlich war es, glaube ich, ganz gut. Ich war bis zuletzt noch immer am Üben und Verbessern, hatte den perfekten Klaps noch nicht raus! Und ich würde es so gerne weiter probieren! Denn seit der Mann weg ist: nix mehr, nur noch mal einen oder zwei Richtige vielleicht – wenn überhaupt!«


»Ohne Pos nix los, was, Erika? Bloß noch Zusatzzahl 13, nech, hähähähä?«

Erika machte ein Schmollgesicht wie in kleines Mädchen: »Der Pfortenmann soll zurückkommen! Kommt der denn bald noch mal zurück? Weiß man da was, Adson?«


»Erika, frohe Botschaft: Uns steht die baldige Wiederkunft bevor!«

Ich wusste es in jenem Moment nicht, aber das ließ sich ja in Erfahrung bringen. Seit meiner kleinen Recherche für das obige Gedicht wusste ich, dass die Niedersächsische Sparkassenstiftung Eigentümerin der Bronzeplastik war (und ist). Da würde man ja wohl anrufen und nachfragen können! Weil Erika wegen »Sparmaßnahmen« kein Telefon zum Mit-sich-Herumtragen mehr besaß – und ich natürlich ohnehin nicht und noch nie –, ging ich stracks in den Tabak- und Zeitungsladen, wo der freundliche Herr Krüger mir eine Telefonnummer heraussuchte und mich sein gutes, solides Festnetztelefon benutzen ließ, sodass ich einmal am Schiffgraben in Hannover durchrufen und tatsächlich mit einer sehr freundlichen und auskunftsbereiten Frau sprechen konnte.

Zurück in der Piltzergasse, tat ich Erika also kund: »Erika, frohe Botschaft! Uns steht die baldige Wiederkunft bevor!«


Frau vor Kirche

»Christi?«, krähte Erika, und ich wusste nicht so recht, ob sie einen Witz machte, der nämlich in seiner ironischen Verschmitztheit so gar nicht ihrem Naturell entsprochen hätte, oder ob sie mir auf der Stelle in bedenkenlos fester Gläubigkeit christlich-prophetische Gaben zutraute.

»Die Wege des Herrn sind unergründlich, wie man weiß, Erika«, predigte ich mit

demütig geschlossenen Augen. »Den Wegen der Niedersächsischen Sparkassenstiftung jedoch kann man leicht auf die Schliche kommen. Man muss nur nett nachfragen! Und diese Botschaft wurde uns itzt zuteil: Der die Pforte durchschreitende Mann ist vollends restauriert! Er harrt nun eingelagert einer Entscheidung entgegen, einer Antwort nämlich auf die Frage, wo genau er zukünftig wieder aufgestellt werden solle. Er müsste also in Bälde wieder da sein, beziehungsweise hier, in der Nähe, irgendwo.«


Da machte Erika Mogdanz einen Luftsprung, einen kleinen, sehr kleinen nur, aber immerhin einen Luftsprung! Doch dann wich das Freudestrahlen ganz plötzlich aus ihrem Gesicht. Sie schaute sehr verwundert drein und deutete mit dem Zeigefinger hinter mich in Richtung Mauern- und Bergstraße: »Da, Adson, guck doch mal!«


Ihrem Blick und ihrer Zeigerichtung folgend, drehte ich mich um – und ›batz!‹ knallte ein saftiger Flachhandklatscher auf meine rechte Arschbacke, dass es nur so zwiebelte! »Arrrrrr!«, grollte ich und wandte mich, meine Backe reibend, wieder Erika zu. Die griente breit und giggelte kindlich-koboldig.

»Ja, Adson, bis der Bronzemann wieder steht, muss ich wohl oder übel einen anderen Po klatschen. Du hast doch nix dagegen, wenn's ab und an mal deiner ist, oder?«

»Sofern du in Sachen Klatschtechnik nicht bei diesem Oberdomina-Stil von eben bleibst. … Wenn aber sex, äh: sechs Richtige dabei rauskommen, machen wir halbe-halbe, klar?!«

»Darauf gebe ich dir mein Wort! Beim Bronzemann, der durch die Pforte geht!«


Statue

An dieser Stelle erscheint vierzehntäglich, jeden zweiten Freitag, die Kolumne »Celle – ein Gedicht« von Adson Ulkner Schertz. Wir gehen davon aus, dass es sich bei dem Namen um ein – nun ja: ulkiges Pseudonym handelt. Die Kolumnentexte landen in analoger Form auf Papier bei uns im Redaktionsbriefkasten. Wir sind bemüht, jeden Text mit einem passenden Foto zu illustrieren. Der ersten Kolumne war als »Autorenfoto« dieses Bild beigefügt.

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