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Kolumne Celle – ein Gedicht, Folge 18: »Nachts im Bomann«

Skyline von Celle

Von Adson Ulkner Schertz


»Herr Schertz, wie haben Sie denn eigentlich die Silvesternacht verbracht?«, so höre ich einige Leser fragen. (Das stimmt natürlich nicht, aber man wird ja wohl noch etwas rumspinnen dürfen! Und, na ja, wer weiß: Meine Leser-Elite ist zahlenmäßig vermutlich klitzeklein, aber charakterlich sicher vollkommen fix und fein und interessiert. …)


Ich sage es hier also frank und frei (wir sind ja unter uns): Ich habe die Silvesternacht heimlich und unerlaubt im Bomann-Museum verbracht! Bumms, jetzt ist es raus! – Ja, schon am 30. Dezember hatte ich mich gegen 17:00 Uhr im hiesigen kulturgeschichtlichen Museum versteckt, denn Silvester war das Haus, obwohl es sich um einen Mittwoch handelte, geschlossen. Mit Proviant im Rucksack war ich oben im Kunstmuseumsteil, in jenem Dachgeschoss-Atelier, hinter eine Trennwand gestiegen und hatte zwischen abgestellten Stühlen ein Stündchen ausgeharrt, bis alle Lichter ausgeschaltet waren und das Personal das Haus verlassen hatte. Dann knipste ich meine Kopfleuchte an, biss einmal von der mitgebrachten Mühlenstracke ab und stromerte los, durch die große Tür direkt aus dem Kunstmuseum heraus und ins Dachgeschoss des eigentlichen Bomann-Museums hinein, in die Heide-Abteilung und zu den Arno-Schmidt-Utensilien, wo ich dem großen Schriftsteller zu Ehren einen kleinen Schluck vom Alten Provisor nahm.


Was wollte ich denn überhaupt hier, nachts im Museum? Was sollte diese Aktion?

Was wollte ich denn überhaupt hier, nachts im Museum? Was sollte diese Aktion? Nun, es war wohl eine Art symbolischer Akt, nur für mich selbst bestimmt: Ich wollte, während draußen, von einer Hektik in die nächste, das Jahr wechselte, hier drinnen sozusagen die Gegenrichtung des unerbittlichen Zeitpfeils beschreiten, gemütlich in Vergangenes tauchen. Schon zum 700jährigen Stadtjubiläum 1992 hatte die Historikern Juliane Schmieglitz-Otten doch mit Blick auf Modernisierung und Anonymisierung der Gesellschaft dies in einen Sammelband geschrieben: »Gleich den Museumsgründern erleben wir eine Zeit, die wir als schnelllebig empfinden, deren technische Entwicklungsgeschwindigkeit bei gleichzeitigem Verlust historischer Substanz Unsicherheit erzeugt.« So 1991/92! Was soll man da AD 2025/26 erst sagen?! … (Kunstpause, Punktpunktpunkt.)

Ich setzte mich an den stilisierten Arno-Schmidt-Schreibtisch und schrieb, im Schein meiner Kopffunzel, erst einmal ein Gedichtchen:


Nachts im Bomann


Bei Nacht allein durchs Bomann stromern,

als ob man ein Gedanke wäre,

so ziellos, zögernd, im Gehäuse

der reich gefüllten Rückschau-Sphäre.


Dann setzt man sich in einen Stuhl,

gepolstert schwer mit Goldbrokat,

sitzt starr wie eine Steinskulptur,

ein Stück Museumsexponat.


Museum ist, wo Musen eumeln;

Museum heißt bewusst bewahren.

Ich fall' in amüsanten Träumen

geküsst durch Fantasie-Memoiren.


Am Morgen werde ich geweckt.

Am Vortag hatte ich Idiot

mich bis nach Schließung gut versteckt.

Erwischt! – Jetzt heißt es Hausverbot!


Es war kein prophetisches Gedicht, so viel vorab, denn ich bin später nicht erwischt und mit Bannfluch belegt des Hauses verwiesen worden – aber hierzu gleich.


Mann sitzt auf Bank
Ein Mann macht ein Nickerchen in der Ehrenhalle

Am Abend dieses 30. Dezembers legte ich mich früh schlafen. Wo? Na, ein Stockwerk tiefer, im Obergeschoss, gibt es doch in der Fläche, wo es um »Perspektiven der Arbeit« geht, als ein Ausstellungsstück in einer Ecke hinten diese »gute Stube« aus den 1960er-Jahren – und ich kann jetzt sagen: Das Sofa ist gemütlich, besonders auch im Liegen!


Tja, und dann stand ein intensiver Museumstag an.

Am Silvestermorgen nahm ich an Ort und Stelle (allerdings natürlich im Sitzen) ein kleines Frühstück zu mir: 1 Apfel, 1 grüner Tee aus der mitgebrachten Thermoskanne. Tja, und dann stand ein intensiver Museumstag an: Wiewohl ich jedes Exponat längst schon viele Male gesehen hatte, schaute ich mir alles, aber auch wirklich alles haarklein an – und reiste also zerebral durch die Zeit und in diverse Vergangenheiten. An dieser Stelle empfehle ich mit Nachdruck einen Besuch in diesem schönen, wunderbar labyrinthisch verwinkelten Hause – aber bitte ganz normal und legal tagsüber!


Mittags wieder Essen fassen! Diesmal im Bauernhaus des Erdgeschosses, genauer gesagt: in der Dönz desselben, in der guten Stube (1 Schinkenbrot, 1 Käsebrot, 1 Celler Urtrüb). Und dann besah ich mir im Untergeschoss erstmals eine der aktuellen Sonderausstellungen, diejenige nämlich, die den Titel trägt: »Und weg war's! Verschwundenen Dingen auf der Spur.« Das war ja natürlich genau ›mein Ding‹! Kurz: Es hat sich gelohnt. Obschon sich an einer Stelle ein Moment der Irritation einstellte, der mir eine Mischung aus Skepsis und mit leichter Traurigkeit benetzter Furcht in die Mimik trieb. An eine Wand hatte man, wie ich im Lichtkegel meiner Stirnleuchte sah, vermeintlich »verschwundene Wörter« geklebt – aber mindestens 95% derselben waren doch Teil meines aktiven, alltäglichen Sprachgebrauchs! »Kladde, Schlingel, Flitzpiepe, bauchpinseln, keck, vermaledeit, aberwitzig« usw. usf. etc. pp.! Bin ich also so sehr Mann von gestern?! Darauf einen Alten (sehr alten) Provisor!


»suscipere et finire«, ›annehmen und vollenden‹ – z.B. diese lange Kolumne hier.

Zeitsprung: Kurz vor Mitternacht und Jahreswechsel ging ich im Obergeschoss in den 13 x 13 x 13 m großen Kubus der Ehrenhalle für die Hannoversche Armee und setzte mich auf einem der lehnenlosen Bänkchen unter das monumentale Schlachtengemälde vom Gefecht an der Göhrde 1813. Da saß ich nun, am Ende des Tages, über mir im Rücken 6 x 8 Meter eingefrorenes Action-Kino aus den Befreiungskriegen, gegenüber oben, nach Westen und zum Schloss hin, eine Fenstervielzahl, ebenso links oben, nach Süden und zur Stechbahn hin, darin ein Wappenfenster mit dem Wahlspruch des Hannoverschen Königs Ernst August I.: »suscipere et finire«, ›annehmen und vollenden‹ – z.B. diese lange Kolumne hier.


Kopflampe aus. Ich saß im Dunkel, hörte Böllerwummern und sah in den Fenstern oben Widerschein um Widerschein bunten Aufflackerns von Silvesterraketenexplosionen. 2026. Kaum zu glauben. Darauf noch einen Provisor. Prost, alter Mann! Prost Bomann! Prost Celle! … Dann ein Nickerchen. Bis ich gegen 3:00 Uhr wieder aufwachte.


Es war nun Zeit zu gehen. Und ich ging wie ein Dieb in die Nacht. – Auf welchem Weg? Verrate ich nicht!



Statue

An dieser Stelle erscheint vierzehntäglich, jeden zweiten Freitag, die Kolumne »Celle – ein Gedicht« von Adson Ulkner Schertz. Wir gehen davon aus, dass es sich bei dem Namen um ein – nun ja: ulkiges Pseudonym handelt. Die Kolumnentexte landen in analoger Form auf Papier bei uns im Redaktionsbriefkasten. Wir sind bemüht, jeden Text mit einem passenden Foto zu illustrieren. Der ersten Kolumne war als »Autorenfoto« dieses Bild beigefügt.

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