Kaufen KI-Firmen Antiquariate leer? Auch Buchhändler aus dem Kreis Celle betroffen
- Sheenara Wiebke
- vor 5 Stunden
- 2 Min. Lesezeit

CELLE/EICKLINGEN. Es klingt dystopisch: Große KI-Unternehmen kaufen ganze Antiquariate leer, digitalisierten die Bücher per Massenscan und vernichteten sie anschließend. Zahlreiche Gebrauchtbuchhandlungen in Deutschland berichten derzeit von auffälligen Großbestellungen mit Hunderten Büchern zu den unterschiedlichsten Themen. Auch im Landkreis Celle gingen bereits entsprechende Großaufträge bei Buchhändlern ein. Antiquar Justus Steinbömer aus Celle sieht darin eine "Beschädigung vom Buch und der Buchkultur." Andere sehen das deutlich gelassener.
Kanadische Firma Zoom Books kauft Tausende Bücher
Hinter den rätselhaften Großbestellungen steckt häufig eine Firma aus Kanada: Zoom Books. Das Unternehmen bezeichnet sich selbst als "Buch-Recycler". Gegenüber der Taz wies Zoom Books den Vorwurf zurück, Bücher zu zerstören. Vielmehr diene die Firma als Zwischenhändler. Wer ihre Kunden sind, verrät sie nicht.

Destruktives Scannen
Nach Recherchen des WDR gibt es jedoch Hinweise darauf, die Bücher würden an KI-Unternehmen wie Anthropic weiterverkauft werden. Das würde die Bücher nutzen, um ihre Künstliche Intelligenz, etwa den Chatbot Claude, zu trainieren. Zum Einsatz komme dabei das sogenannte destruktive Scannen: Die Buchseiten werden dafür aus dem Einband gerissen und anschließend maschinell gescannt. Dieses Verfahren gilt als besonders schnell und billig. Die Bücher seien danach allerdings unbrauchbar.
Nur Bücher mit ISBN betroffen
Wer nun Bilder von zerstörten historischen Büchern in Ledereinbänden vor Augen hat, kann beruhigt sein. Thomas Ehbrecht, Betreiber des Celler Versandantiquariats in Eicklingen, erhielt rund 20 Sammelbestellungen mit jeweils etwa 100 Büchern. Alle bestellten Titel hätten eine ISBN getragen, sagt er. Diese gibt es erst seit den 1970er-Jahren.
Als bei Thomas Ehbrecht die ersten Bestellungen eingingen, hatte er schnell KI-Firmen im Verdacht. Die Auswahl der Bücher erschien völlig willkürlich. Geordert wurden Fach- und Sachbücher aus nahezu allen Themenbereichen – nur keine Romane. "Vom Kochbuch bis zur Billard-Anleitung, Architektur, alte Medizin, Pädagogik und Klinikologie der 70er-Jahre", zählt der Antiquar auf.
KI-Firmen grasen Antiquariate in Europa ab
Von dem Phänomen hatte Thomas Ehbrecht bereits über internationale Online-Foren für Antiquare erfahren. Dort berichteten vor Kurzem britische Buchhändler von ähnlichen Großbestellungen aus Nordamerika. Dann kamen die ersten Bestellungen in Deutschland. "Ich glaube, alle Buchhandlungen in Deutschland sind jetzt durch. Das macht die KI. Die suchen sich raus, was sie brauchen und wo sie es am billigsten bekommen", vermutet Thomas Ehbrecht.
"Wenn auf einmal KI-Firmen bei einem bestellen, in einem so großen Ausmaß – natürlich freut man sich darüber."
Thomas Ehbrecht sieht die Sache allerdings entspannt: "Wenn auf einmal KI-Firmen bei einem bestellen, in einem so großen Ausmaß – natürlich freut man sich darüber." Die Bücher hätten alle zwischen fünf und 100 Euro gekostet. Etwas absurd: Durch hohe Zölle kostet der Versand in die USA pro Buch aktuell 40 Euro – häufig mehr als die Bücher selbst.
Auch dass die Bücher anschließend entsorgt werden, ist für Thomas Ehbrecht kein Grund zur Aufregung: "Die haben alle eine ISBN-Nummer, das heißt, es gibt diese Bücher zu Tausenden." Der Händler bezieht sein Sortiment hauptsächlich aus Haushaltsauflösungen. Er weiß: Der Markt ist übersättigt. Vieles müsse ohnehin entsorgt werden, weil es keine Abnehmer finde. "Ob die Erben die Bücher ihrer Eltern oder Großeltern wegschmeißen oder ob das Zoom Books macht – es läuft aufs Selbe hinaus."


















