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Fünf Stunden bis St. Pauli: Ein Selbstversuch im Schienenersatzverkehr


Schienenersatzverkehr Celle Hamburg
Zwischen Hamburg und Hannover werden die Bahnschienen erneuert. Wer auf den Öffentlichen Nahverkehr angewiesen ist, muss auf den Schienenersatzverkehr setzen. (Fotos: Sheenara Wiebke und Stefan Kübler)

CELLE/HAMBURG. Es ist 10:20 Uhr, als ich mit meinem schweren Rucksack den Celler Bahnhof erreiche. Die Sonne brennt, schon jetzt liegen die Temperaturen deutlich über 20 Grad Celsius. Lila Fußabdrücke auf dem Boden und mehrere Schilder weisen mir den Weg zum Busbahnhof, wo bereits mehrere Gelenkbusse warten. Ich muss nach Lüneburg, dort kann ich in den Regionalzug nach Hamburg umsteigen. Auf allen Bussen steht „Lüneburg“, doch nicht alle scheinen in Betrieb zu sein.


Erste Fehler werden gemacht


Ein Busfahrer steigt aus, ruft immer wieder „302“ und „Der letzte Bus“, während er mit dem Daumen hinter sich zeigt. Ich erinnere mich, dass mir meine App die Linie 304 empfohlen hat. „Man muss nehmen, was man kriegen kann“, denke ich.


Als ich in den Bus einsteige, überkommt mich kurz die Verunsicherung. „Hi, nach Lüneburg?“ Der Busfahrer schaut mich an, als sei ich doof. Sein „Ja“ spricht er betont langsam aus und begleitet es mit einer übertrieben nickenden Kopfbewegung. Ich trotte an ihm vorbei, setze mich auf einen Platz im hinteren Drittel des Busses und lasse die Szenerie auf mich wirken: Es ist sauber, der Bus scheint noch neu zu sein. Auf dem Boden liegt ein schokoladenbrauner PVC-Belag in Laminat-Optik. Die Klimaanlage höre ich, aber spüre sie nicht. Es gibt Steckdosen und die Anzeigetafel verspricht WLAN – eine Lüge, wie ich später feststelle. Außer mir sitzen nur sechs weitere Personen im Bus.


"Ich habe Menschen gesehen, die sich im Metronom die Fußnägel schneiden."

Normalerweise würde ich ja das Auto nehmen. Seit meiner Studienzeit in Lüneburg begleitet mich eine tiefe Abneigung gegen Regionalverkehr – und es gab Zeiten, in denen ich überzeugt war, der RE3 sei die Strafe für eine Sünde, die ich in einem früheren Leben begangen haben muss. Mir ist bewusst, dass Zugfahren CO₂ spart, aber ich habe Menschen gesehen, die sich im Metronom die Fußnägel schneiden. Es gibt Grenzen.


Schienenersatzverkehr in Celle
Diese lila Busse prägen in den letzten Wochen auch den Celler Stadtverkehr. (Foto: Stefan Kübler)

Zwei Konzerte, ein Kompromiss


Für manche Dinge bin ich aber bereit, Abstriche in Kauf zu nehmen: meine Lieblingsband All Them Witches, die in Hamburg spielt. Als ich gesehen habe, dass einen Tag zuvor auch Mastodon in den Docks auftritt, nahm ich spontan Urlaub und buchte ein Hotel. Das Problem: Mein Auto wird in Celle gebraucht – ich muss mit den Öffis fahren. Die sogenannte Qualitätsoffensive der Deutschen Bahn hat den Streckenabschnitt Hannover–Hamburg seit dem 1. Mai stillgelegt. Abhilfe soll der Schienenersatzverkehr schaffen – und genau der steht mir jetzt bevor.


Gar nicht mal so schlimm


Mit einem leisen Ruck setzt sich der Bus in Bewegung. Ich lehne mich zurück und ergebe mich meinem Schicksal. Auf der Strecke Richtung Eschede entfaltet schließlich auch die Klimaanlage die Leistung, die ihre Lautstärke schon die ganze Zeit verspricht. Vor dem festen Blitzer bremst der Busfahrer abrupt ab. Nicht weil er zu schnell ist, vielmehr aus Gewohnheit. Ich schaue auf die Uhr: 10:47 Uhr. „Gar nicht so schlimm“, denke ich, während mir die Klimaanlage kalte Luft um die Nase bläst.


Kurz darauf muss ich daran denken, dass ich mit dem Auto jetzt schon etwa die Hälfte der Strecke geschafft hätte. Die Stimmung kippt. Ich versuche, mich aufzumuntern, indem ich mir die Parkplatzsuche in Hamburg vorstelle.


"Alle Wege führen nach Rom, aber nicht alle machen Halt in Bad Bevensen."

Um 11:45 Uhr ist es mit der beschwingten Stimmung dann aber endgültig passé. Der Bus hält gefühlt an jeder Milchkanne. Mir wird klar, dass ich in den falschen Bus gestiegen bin. Diese Linie braucht rund eine Stunde länger als die, die ich eigentlich hätte nehmen sollen. Alle Wege führen nach Rom – aber nicht alle machen dabei Halt in Bad Bevensen.



Geteiltes Leid auf der Straße


In Uelzen schlängelt sich der Bus durch eine enge, verwinkelte Straße in einem Wohngebiet. An einer Kreuzung muss eine Autofahrerin zurücksetzen, damit wir abbiegen können. Der Bus kommt mitten auf der Straße zum Stehen, und die Fahrerin und ich befinden uns auf einer Höhe. Sie schaut mich traurig an, ich schaue traurig zurück – der Bus macht einen Ruck nach vorn und fährt weiter. Für den Rest der Fahrt versuche ich, mich über die kleinen Dinge zu freuen: In Bienenbüttel gibt es ein Sushi-Restaurant namens "Pearl Harbor".


Kurz nach 13 Uhr erreichen wir Lüneburg. Der RE3 hat 25 Minuten Verspätung. Bei 26 Grad drängen sich die Wartenden in den wenigen Schatten. Auf dem Bahnsteig herrscht Totenstille. Nur wenn die Anzeigetafel umspringt und eine noch längere Verspätung ankündigt, ist hier und da ein tiefes Seufzen zu hören. Dann endlich: Der Metronom kommt langsam um die Kurve gerollt.


Doch so schlimm


Der RE3 begrüßt einen in gewohnter Weise: Er ist dreckig, es riecht nach Schweiß. Im Gepäcknetz vor mir gammelt eine braune Bananenschale vor sich hin. Aber immerhin: Wir befinden uns auf der Zielgeraden. Als die Anzeigetafel im Zug fälschlicherweise "Uelzen" als nächste Haltestelle ankündigt, erleide ich fast einen Herzinfarkt. Ich weiß, dass das eigentlich nicht möglich ist – schließlich sind die Schienen in diese Richtung gesperrt. Aber mittlerweile rechne ich mit allem.


Marrakesch wäre auch drin gewesen


Hamburg erreichen wir um 14:45 Uhr. Um 15 Uhr bin ich auf der Reeperbahn. So kriegt man den Tag auch rum, denke ich. In fünf Stunden fliegt man von Hannover fast bis nach Marrakesch. Ich habe es in derselben Zeit bis nach Pauli geschafft.


Mag sein, dass der Schienenersatzverkehr besser ist als sein Ruf – wenn man denn im richtigen Bus sitzt. Der Metronom hat seine schlechte Reputation aber wirklich verdient. Immerhin entschädigen die beiden Konzerte für die kleine Odyssee quer durch die Heide. Für gute Musik lohnen sich eben auch fünf Stunden Schienenersatzverkehr.



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