„Die Kunden sind die Leidtragenden“: Celler Betreuungsdienst warnt vor Pflegereform

CELLE. „Wir wissen alle nicht, was auf uns zukommt. Aber wenn das Gesetz so kommt, wie es gerade ist, sind viele Betreuungsdienste mit Sicherheit existenziell bedroht.“ Matthias Gehrke, dem Inhaber des Celler Unternehmens „Engel auf Bestellung“, bereitet die geplante Pflegereform große Sorgen – nicht nur um seinen eigenen Betrieb, sondern um die ganze Branche. Der mobile Betreuungs- und Entlastungsdienst „Engel auf Bestellung“ unterstützt pflegebedürftige Menschen im Alltag, hilft beispielsweise beim Einkaufen und im Haushalt, begleitet sie zu Terminen und verbringt Zeit mit ihnen. Doch durch die geplante Reform drohen wichtige Einnahmen wegzufallen. „Es gibt keine Garantie, dass wir die Pflegereform überstehen – obwohl wir eigentlich gut aufgestellt sind“, sagt Matthias Gehrke.
Was sich für Pflegebedürftige ändern soll
Bisher stehen Menschen mit Pflegegrad 1 monatlich 131 Euro für sogenannte Entlastungsleistungen zur Verfügung. Das können klassische, körperbezogene Pflegeleistungen sein oder auch Leistungen zur Unterstützung im Alltag. Nach den derzeitigen Reformplänen soll dieser Betrag künftig entfallen. Stattdessen sind ab Pflegegrad 2 monatlich 175 Euro vorgesehen – und auch die Bezeichnung ändert sich von Entlastungsleistungen zu Sozialraumbudget.

Die zwei gravierendsten Unterschiede: Anders als bisher können nicht genutzte Beträge nicht mehr angespart werden, sondern verfallen am Ende des Monats. Außerdem soll für Betreuungsdienste die Möglichkeit wegfallen, solche Leistungen auch über die Verhinderungspflege abzurechnen.
„Uns fallen gerade einfach die Töpfe weg. Bald haben wir nur noch einen Topf, der nicht ausreicht.“
„Uns fallen gerade einfach die Töpfe weg. Bald haben wir nur noch einen Topf, der nicht ausreicht“, fasst Daniela Halw, stellvertretende Leitung des mobilen Betreuungs- und Entlastungsdienstes, den Kern des Problems zusammen. Manche Kunden können sich schon heute nur ein oder zwei Einsätze im Monat leisten. „Wir haben Kunden, die eigentlich wöchentlich Unterstützung brauchen. Die müssten bald 300 Euro dazuzahlen, und das werden die nicht machen können.“
Betreuungsdienst sieht seine Existenz bedroht
Bisher konnten Kunden ab Pflegegrad 2 zusätzliche Betreuungsstunden finanzieren, wenn pflegende Angehörige verhindert waren. Dann kamen Dienste wie „Engel auf Bestellung“ vorbei, machten für Senioren Frühstück, gingen mit ihnen einkaufen oder halfen im Haushalt. Doch um die Kosten der Verhinderungspflege weiterhin abrechnen zu können, müssten eine andere Zulassung beantragt und zahlreiche Auflagen erfüllt werden, zum Beispiel die Gewährleistung einer ständigen Erreichbarkeit – für kleinere Betriebe aus Kostengründen nahezu undenkbar. „Das ist ein Mordsaufwand. Das kann ein Dienst wie wir einfach nicht stemmen“, sagt Matthias Gehrke.

Befürchtung: Krankenkassen zahlen bei Reform drauf
Der Inhaber sieht sich hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, sein Team weiterhin angemessen zu bezahlen, und dem Ziel, die Kunden weiterhin unterstützen zu können. Wenn die Hilfe im Alltag wegfällt, müssten Angehörige mehr übernehmen. Gleichzeitig drohe gerade alleinstehenden Menschen die Vereinsamung. „Die Kunden sind immer die Leidtragenden“, sagt er. Außerdem befürchtet Matthias Gehrke, dass die Reform am Ende sogar höhere Kosten verursachen könnte.
„Wenn die Leute bei Pflegegrad 1 keine Unterstützung seitens der Krankenkassen mehr bekommen, müssen sie das privat finanzieren. Das wird vielen nicht möglich sein.“
„Wenn die Leute bei Pflegegrad 1 keine Unterstützung seitens der Krankenkassen mehr bekommen, müssen sie das privat finanzieren. Das wird vielen nicht möglich sein“, befürchtet Matthias Gehrke. Auch Kunden mit Pflegegrad 2, die sich zusätzliche Betreuung nicht mehr leisten können, könnten dadurch früher auf einen Pflegeheimplatz angewiesen sein. „Und das kostet die Krankenkassen noch mehr.“

Brief an mehr als 30 Bundestagsabgeordnete
Um auf die möglichen Folgen aufmerksam zu machen, hat Matthias Gehrke am 24. Juli 2026 die Mitglieder des Gesundheitsausschusses im Bundestag angeschrieben. In seinem Brief warnt er vor Betriebsschließungen, Arbeitsplatzverlusten und einer zusätzlichen Belastung pflegender Angehöriger. Auch Politiker auf Landes- und kommunaler Ebene hat er kontaktiert.
„Wehret den Anfängen. Solange das noch nicht beschlossen ist, kann man vielleicht einige Änderungen noch abmildern, entschärfen oder gar nicht erst zulassen.“
Von den mehr als 30 angeschriebenen Ausschussmitgliedern hatte nach seinen Angaben zunächst nur die AfD-Abgeordnete Nicole Hess geantwortet. Trotzdem will Matthias Gehrke weiter auf die möglichen Folgen aufmerksam machen. „Wehret den Anfängen. Solange das noch nicht beschlossen ist, kann man vielleicht einige Änderungen noch abmildern, entschärfen oder gar nicht erst zulassen.“
Der Gesetzentwurf wurde inzwischen vom Bundeskabinett beschlossen, das parlamentarische Verfahren steht aber noch aus. Für „Engel auf Bestellung“ bleibt deshalb unklar, wie es ab 2027 weitergeht. „Es wäre alternativlos, zuzumachen. Was wäre dann mit den Kunden?“, fragt Tamino Gehrke, der seinen Vater im Celler Betreuungsdienst unterstützt. Doch so weit möchte das Team gar nicht erst denken. „Wir wollen nicht resignieren, sondern im Sinne der Kunden für sie da sein und auch für unsere Mitarbeiter. Aufhören ist keine Option.“















