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Celle – ein Gedicht, Folge 24: »Aller Abschied«

Skyline von Celle

Von Adson Ulkner Schertz


Ungefähr ein Jahr ist es nun her, seit ich meinen ersten Text bei den freundlichen Celle Heute-Leuten in den Briefkasten warf, die selbigen, wie auch die folgenden, anstandslos auf ihre Webseite wuchteten – und sogar mit individueller Fotografie noch illustrierten. Ein Jahr also in der Niemandsbucht des weltweiten Netzgewebes. Damit wollen wir's genug sein lassen. Man soll die Dinge nicht überstrapazieren.


Was mich aber nach wie vor interessieren würde: Die Finger von wie vielen Händen bräuchte man, um die regelmäßigen Leser meines Geschreibsels zu zählen? Würde eine Hand schon ausreichen? Bräuchte man doch immerhin schon zwei – womöglich sogar drei Hände (und damit ja bereits einen zweiten Menschen, wenn nicht wider Erwarten irgendwo ein dreiarmiger lebt)? Man weiß es nicht. … Einmal (von Adele abgesehen; siehe Folge 13) bekam ich zu meiner großen Freude einen Leserbrief! Leser Joachim Raedler schickte einen Limerick bzw. »Cellerick«, der so ging: »Ein Mann aus Celle, er nennt sich Schertz / macht keine Mördergrube aus dem Herz / schreibt über Celle, sein Heim, / Lustig und treffend im Reim / und vermeidet dabei jeden Terz« – Chapeau! (Ich stümperte in der gleichen Gedichtform dies zurück: »Ein Leser, der Cellericks schickt, / ist einer, der wunderbar tickt! / Und federgleich leicht / hat der so erreicht, / dass Adson sehr beifällig nickt.«) Und was mir jetzt hier beim Schreiben dieser Zeilen dazu einfällt: Vielleicht sollte einmal jemand einen Celler Gedichtwettbewerb ausrufen und organisieren, nach der Parole: »Celler Leute, heute dichtet!« …


Da kam mir die Idee, die Aller zum Motiv meines Abschiedsgedichts zu machen.

Jedenfalls: Recht abschiedsmelancholisch spazierte ich nun noch einmal an der Aller entlang und folgte, soweit es wegmäßig möglich war, ihrem Lauf von der Einmündung der Lachte bis zur Biermannstraße und der Eisenbahnbrücke unweit des Bahnhofs. Dabei ventilierte ich zwei Fragmente aus Schriften, die der vorsokratische Philosoph Herakleitos von Ephesos etwa im Jahr 480 v. Chr. verfasste: »Wir steigen in denselben Fluß und doch nicht in denselben; wir sind es, und wir sind es nicht. […] Ein und dasselbe offenbart sich in den Dingen als Lebendes und Totes, Waches und Schlafendes, Junges und Altes. Denn dieses ist nach seiner Umwandlung jenes, und jenes, wieder verwandelt, dieses.« Da kam mir die Idee, die Aller zum Motiv meines Abschiedsgedichts zu machen. Und wie ich so auf der Brücke Biermannstraße stand und auf den stillen Fluss und die Eisenbahnbrücke gegenüber schaute, über die eben ein Güterzug ratterte, skizzierte ich in Gedanken dies:


Aller Abschied

Alle Flüsse müssen schließlich münden.

Meerwärts streben ihre Sprudelsinne,

wenn sie sich mit anderen verbünden.

Allem Ende wohnt ein Schauder inne.


Macht man's also ganz der Aller nach,

diesem Sinnbild für Gelassenheit:

Fließt in Ruhe hin, gemach, gemach!

(Oder ist das schon Behäbigkeit?)


Aller, oller, doller Flachlandfluss,

fließt durch meinen kleinen Lebenslauf,

gehst und sagst mir, dass ich gehen muss.

Westwärts hörst du in der Weser auf.


Allerwasser: Nordsee: Regen: Quelle:

Aller ist auch Lachte, ist auch Fuhse;

ewig strömt sie andersgleich durch Celle.

Tschüssikowski, meine treue Muse!


Aller mit Eisenbahnbrücke

Dann ging ich wieder zurück: über die Trift vorbei an der Justizvollzugsanstalt (und musste kurz glucksen ob der Tatsache, dass ›Zuchthaus‹, ›Strafanstalt‹ und ›Gefängnis‹ als Begriffe schon lang nicht mehr en vogue waren – zarte Zeiten!), ging durch die Speicherstraße und über die Fußgängerbrücke zur Allerinsel, am Hafen entlang, über die Hafenstraßenbrücke zum Neumarkt und dann über die Neumarktbrücke via Torplatz zum Hehlentorfriedhof hin. Gleichsam als Schädelstätte ragte die Ostseite des Harburger Kalvarienbergs vor mir auf. 1855 errichtete hier der Verleger Brockhaus einen Findling mit Gedenktafel für den Celler Dichter Ernst Konrad Schulze, der 38 Jahre zuvor gestorben war. Solcherlei wird mir freilich und verständlicherweise nicht zuteil werden.


Und wie ich den Berg hinaufging, war mir, als wollte sich mein Geist von meinem Körper trennen, als würde dieser mählich zu Erde, Sand, Staub zergehen und eins werden wollen mit dem Friedhofsberg, dieweil jener, mein Geist, zerstäubt würde zu Dunst und Tröpfchen, die als eine Art Regen aufwärts fielen in die metaphysische Weite eines Himmels hinein, um dort aufzugehen in der unermesslichen Fläche eines umgekehrten kristallnen Meeres und sich zu lösen im All-Einen.


Und was einmal ich war und was einmal anderes war fielen mitunter wieder hinab als ein neuer Regen, fielen auf Vergangenes und auf Zukünftiges, fielen auf Krankenhausdächer und Kirchtürme, auf Moose und Kopfsteinpflaster, rännen herab an Laub und Borke, an Schiefer und an Scheiben, durch die Menschen auf ein Celle schauten, fielen in alle Stadtteile von Hustedt bis Altencelle und auf alle Kinderspielplätze und Friedhofskreuze, fielen sachte durch das Universum erdwärts und gleichsam wie die Herabkunft ihrer allerletzten Stunde auf all die Lebenden und die Toten, fielen nieder auf das Elbe-Urstromtal und in das 125.000 Jahre währende Fließen der Aller und in das Weiterfließen danach – und flössen als Wellen westwärts mit und dahin – und dahin.


Statue

An dieser Stelle erscheint vierzehntäglich, jeden zweiten Freitag, die Kolumne »Celle – ein Gedicht« von Adson Ulkner Schertz. Wir gehen davon aus, dass es sich bei dem Namen um ein – nun ja: ulkiges Pseudonym handelt. Die Kolumnentexte landen in analoger Form auf Papier bei uns im Redaktionsbriefkasten. Wir sind bemüht, jeden Text mit einem passenden Foto zu illustrieren. Der ersten Kolumne war als »Autorenfoto« dieses Bild beigefügt.

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