Abschied von einem Licht: Kirche „Zum Guten Hirten“ in Lohheide entwidmet
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- 13. Jan.
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HASSELHORST. An einem Adventssonntag hallte zum letzten Mal die Glocke der kleinen Kirche zwischen den Kiefern in der Siedlung Hasselhorst im Bezirk Lohheide. Regionalbischöfin Marianne Gorka profanierte das Gotteshaus. Der Gottesdienst thematisierte unter anderem Fragen nach Glauben, Heimat und Wandel.
Die Kirche „Zum Guten Hirten“ in der Siedlung Hasselhorst im gemeindefreien Gutsbezirk
Lohheide war als Symbol des Neuanfangs nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden. Am 19.
Dezember 1954, dem vierten Adventssonntag, wurde sie feierlich eingeweiht – genau 71 Jahre vor
ihrer Entwidmung. Zunächst diente ein Klassenraum der neu errichteten Schule als Provisorium
für Gottesdienste, wo Predikant Seipold die seelsorgerische Betreuung übernahm.
Die wachsende evangelisch-lutherische Gemeinde aus Geflüchteten und Vertriebenen – vor allem
aus Ostpreußen, Pommern und Schlesien – brauchte jedoch ein eigenes Haus Gottes inmitten
des Truppenübungsplatzes Bergen-Belsen. Hier prägten Zwangsräumungen, militärische Präsenz
und existenzielle Unsicherheit das Leben. Zeitgenössische Zeitungen priesen die Kirche als
„Zufluchtsstätte für alle Mühseligen und Beladenen“ – einen geistlichen Gegenpol zur Härte der
Zeit, der schnell zum Mittelpunkt von Gottesdiensten, Taufen, Trauerfeiern und
Gemeindeabenden wurde.
Glanzjahre und Ausstattung: „Wohnstube“ für Generationen von Familien
In den 1950er-Jahren füllte sich die schlichte Kirche mit lebendigem Gemeindeleben. Ein
großformatiges Altarbild des Bremer Kunstmalers Rudolf Schäfer stellte das Abendmahl dar, eine
neue Orgel mit acht Registern und Glocken, die über die Heide hallten, bereicherten den
Gottesdienst. Die Gemeinde, organisatorisch der St.-Lamberti-Kirche in Bergen zugehörig, wuchs
zeitweise auf rund 2.000 Mitglieder an und wurde zur „Wohnstube“ für Generationen von
Familien. Namen wie die Familie Zieseni, Pastoren Hentsch, Seipold und Berndt prägten diesen
Ort als Zuflucht vor der Isolation am NATO-Übungsplatz. Kinderchor, Frauenchor und Laienspiele
machten die Kirche zum pulsierenden Herzen des Gutsbezirks Lohheide.
Der bittere Entschluss: 700.000 Euro Sanierungskosten
Seit August 2024 stand fest: Die Kirche muss gehen. Sanierungen im Umfang von 700.000 Euro
sind für die schrumpfende Bergener Gemeinde unhaltbar. Pastor Axel Stahlmann teilte dies 60
Lohheidenern mit – Wehmut mischte sich mit der Erkenntnis eines möglichen Abrisses. „Für mich
wäre es das Schlimmste, dass eine Kirche verfällt. Sie wäre dann ein unübersehbares Sinnbild für
das, was im Moment mit der Kirche an sich passiert“, sagte er. Kein Denkmalschutz schützt das
Gebäude; stattdessen Gespräche mit der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima) um
einen Kauf und Rückbau. Die Evangelische Landeskirche Hannover prüft den Verkauf streng: „Die
Kirche wird in der Wahrnehmung der Menschen immer eine Kirche bleiben.
Letzter Gottesdienst: Wehmut und persönliche Lebenswege
Am 21. Dezember 2025, erneut am vierten Adventssonntag, vollzog Regionalbischöfin Marianne
Gorka die Entwidmung – ihren dritten Akt dieser Art in zwei Jahren. In einer berührenden und
wertschätzenden Predigt erzählte sie die Kirchengeschichte entlang fiktiver, doch archetypischer
Biografien realer Gemeindemitglieder, die die Lebenswege von drei Generationen beleuchteten.
Hertha, die Vertriebene aus dem Osten, kam mit ihrem ererbten Brotteller („Unser täglich Brot
gib uns heute“) an und fand Trost in der neuen Kapelle nach Flucht und Lagerleben. Ihr Sohn Fritz
wurde unter Pastor Seipold konfirmiert, suchte im Schäferbild Ruhe („Den Seinen gibts der Herr
im Schlaf“) und schätzte die Kirche als „gutes Gefühl“ in unsicheren Zeiten. Enkelin Marie liebte
Jugendgruppen und träumte von einer Jugendkirche, während das alte Röhrenradio von
Schlagerhits zu Ed Sheeran wechselte.
„Es bricht einem das Herz“, bekannte Gorka und zitierte die Losung von 1954 aus Jeremia („Ihr
seid alle abgefallen!“) sowie Jesus („Ich bin in die Welt gekommen als ein Licht, auf dass, wer an
mich glaubt, nicht in der Finsternis bleibe“). Sie würdigte Taufbecken, Konfirmanden, Brautpaare
und Verstorbene: „Hier haben Menschen Freude und Leid geteilt, sich im Glauben gestärkt – das
fehlt und macht uns tief traurig, dass wir immer weniger werden.“ Dennoch Trost: „Um in
Beziehung mit Gott zu sein, braucht es keine Mauern. Unser Gott geht mit uns mit.“
„Glaube muss nicht in Gebäuden gelebt werden.“
Diana Habermann, seit 1989 in Lohheide lebende Ehrenamtliche der St.-Lamberti-Gemeinde,
sprach für viele Betroffene. „Glaube muss nicht in Gebäuden gelebt werden. Da bin ich auch ganz
bei Frau Bischöfin Gorka. Aber es hilft ungemein, dass man, wenn man richtig in Not ist, sich vor
ein wunderschönes Bild wie diesen hier in eine kleine Kirche gesetzt zu haben“, sagt sie.
Sie leitete sieben Jahre Kinderbibelstunden, gestaltete Schaukästen und verband die Kirche mit
ihrer Familie: Ihr Sohn weckte sie als Kind mit „Mama, die Glocken läuten, die läuten für uns“.
„Das ist die Wohnstube unserer Kirchen und so werde ich sie in Erinnerung behalten“, fasste sie
zusammen. Beim Abräumen der Sakralien brach es ihr buchstäblich das Herz: „Dieser Tag ist für
mich wirklich schlimmer als die Beerdigung meiner eigenen Mama.“ Dennoch Ausblick: „Wir
glauben trotzdem weiter und die Gemeinschaft lebt – in Bergen und untereinander.“
Zukunft ohne Türme: Abriss und neuer Glaube unterwegs
Die Bima plant einen raschen Rückbau, einvernehmlich mit Kirche und Gemeinde, um Verfall zu
verhindern. Lohheider pilgern künftig nach Bergen zu Pastor Stahlmann und Anna Wißmann.
Regionalbischöfin Gorka schloss: „Dieses Haus mit seinen 71 Jahren geht in den Ruhestand,
prallvoll mit Erinnerungen. Auf dass niemand hier in der Finsternis bleibe!“ Die Kirche „Zum
Guten Hirten“ bleibt Sinnbild einer Ära: Von Vertriebenen wie Hertha erbaut, von Generationen
wie Fritz und Marie geliebt, nun Mahnung an schrumpfende Gemeinden. Gleichwohl gilt: Gott ist
unterwegs – durch Heide, Herz und jenseits der Mauern.
Text: Landeskirche













