Theater, Erinnerung und die Frage: Was bedeutet Befreiung?

BERGEN-BELSEN. Was bedeutete das Ende des Zweiten Weltkriegs für die Menschen, die es unmittelbar erlebten? Befreiung, Besatzung, Neuanfang oder Zusammenbruch? Die Aufführung in Bergen-Belsen verbindet historische Erinnerung mit einer gegenwärtigen gesellschaftlichen Frage: Wie wollen wir mit unserer Geschichte umgehen – und welche Bedeutung haben Freiheit, Verantwortung und demokratische Werte für unser Zusammenleben heute?
Diesen Fragen widmet sich die Theaterproduktion „Good Morning – Szenen einer Befreiung“, die am Donnerstag, 08. Oktober 2026, um 18 Uhr im Dokumentationszentrum der Gedenkstätte Bergen-Belsen, Anne-Frank-Platz, 29303 Lohheide, aufgeführt wird.
Das Team von folklicht*, Leah Lichtwitz und Folkert Dücker, hat gemeinsam mit Regisseurin Anne Wittmiß und Videokünstler Lucian Patermann eine multiperspektivische Annäherung an die letzten Kriegsmonate und die Zeit unmittelbar nach dem Ende der NS-Herrschaft entwickelt. Im Mittelpunkt stehen Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen und Positionen: jüdische Menschen, Zwangsarbeiter*innen, Funktionsträger des NS-Regimes und andere Beteiligte.
Wie begegnen sich Menschen, die gestern noch Täter und Opfer waren?
Unterschiedliche Perspektiven auf die Befreiung
Das Jahr 1945 hatte nicht für alle Menschen die gleiche Bedeutung. Während die Befreiung für Verfolgte und Überlebende das Ende von Terror und Todesangst bedeutete, sahen andere Menschen den Zusammenbruch des NS-Systems als Niederlage oder Besatzung. Wieder andere mussten nun mit der Verantwortung für ihre Beteiligung an den nationalsozialistischen Verbrechen rechnen.
Für die Gedenkstätte Bergen-Belsen ist gerade die multiperspektivische Herangehensweise ein wichtiger Aspekt der Aufführung: „Wir empfinden es als bereichernd, dass im Stück Personen mit ihren verschiedenen Perspektiven vertreten sind. Das Publikum erhält so einen Eindruck, was diese Umbruchphase für die Handelnden bedeutete“, sagt Katrin Unger, stellvertretende Leiterin der Gedenkstätte Bergen-Belsen und Leiterin der Abteilung Bildung und Begegnung.
Folkert Dücker beschreibt diese unterschiedlichen Erfahrungen: „Befreiung konnte bedeuten, nicht mehr um sein Leben fürchten zu müssen. Oder keine Angst mehr haben zu müssen, frei zu reden. Oder weitermachen zu können wie bisher. Oder wieder mehr zu essen zu haben. Befreiung bedeutete aber auch, für seine Taten zur Verantwortung gezogen zu werden.“
„Wir formen aus Geschichte Geschichten“
Die Gedenkstätte Bergen-Belsen selbst wird am 08. Oktober für „Good Morning“ zum Teil der künstlerischen Auseinandersetzung. Dabei bildet die historische Umgebung keinen bloßen Hintergrund, sondern stellt die Fragen des Stückes unmittelbar in den Raum – ein besonderer Zugang zur Vergangenheit wird geöffnet. „Mit Theater kann der Sprung in ein historisches Erleben gelingen. Wir formen aus Geschichte Geschichten. Theater hat den Vorteil, Geschichte und Erinnerungen direkt sinnlich erfahrbar werden zu lassen“, sagen die künstlerischen Leiter*innen Leah Lichtwitz und Folkert Dücker.
Die Aufführung berührt dabei auch eine zentrale Herausforderung heutiger Gedenkstättenarbeit. Immer weniger Menschen können aus eigener Erfahrung über die NS-Zeit berichten. Neue Formen der Vermittlung sind dabei nicht erst eine Zukunftsaufgabe.
„Überlebende spielen in unserem Alltag, auch in der Vermittlung, altersbedingt eine zunehmend kleinere Rolle. Andere Quellen, im Besonderen lebensgeschichtliche Erzählungen und Interviews sowie andere Ego-Dokumente erhalten inzwischen eine größere Aufmerksamkeit“, erklärt Katrin Unger.
Erinnerung und Kommunikation als Grundlage demokratischer Gegenwart
Die Inszenierung in Bergen-Belsen verbindet historische Erinnerung mit einer gegenwärtigen gesellschaftlichen Frage: Wie wollen wir mit unserer Geschichte umgehen – und welche Bedeutung haben Freiheit, Verantwortung und demokratische Werte für unser Zusammenleben heute?
„Vor dem Hintergrund der historischen Ereignisse ist uns der Erhalt und die Stärkung demokratischer Strukturen wichtig. Wir machen uns gegen eine Relativierung der Geschichte stark“, sagt Katrin Unger. Die Erinnerung an die globalen Verbrechen des Nationalsozialismus bleibe weiterhin Säule einer demokratischen Gesellschaft.
„Anknüpfungspunkte für historische und gegenwärtige Bezüge an alle in der diversen Gesellschaft zu machen, ist ein bleibendes Anliegen unserer Arbeit. Wir verstehen uns als solidarisch mit unterrepräsentierten und marginalisierten Gruppen und unterstützen oftmals ihre Anliegen von Anerkennung und Repräsentanz“, so Unger.
Für folklicht* sei Ziel des Stückes, ein Gespräch über Freiheit, Befreiung, Recht und Gerechtigkeit anzuregen und Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen. Denn, so Folkert Dücker: „Freiheit und offenes Denken brauchen Kommunikation.“
„Wir wünschen uns eine Debatte über gemeinsame Zukunftsvisionen jenseits populistischer Schlagwörter. Wie erreichen wir eine gemeinsame Zukunftsvision, die nicht von Ängsten und Schuldzuweisungen geprägt ist?“, fragt Leah Lichtwitz.
„Good Morning – Szenen einer Befreiung“
Donnerstag, 08. Oktober 2026, 18 Uhr
Dokumentationszentrum der Gedenkstätte Bergen-Belsen, Anne-Frank-Platz, 29303 Lohheide
Text: Gedenkstätte














