Profil aus dem Koffer – Oskar Ansull auf den Spuren Felice Schragenheims


Oskar Ansull Lesung aus dem Koffer Synagoge
Fotos: Anke Schlicht

CELLE. „Leicht und schwebend erzählt – dafür hatte sie ein Sensorium“, sagt Oskar Ansull, der an diesem besonderen Leseabend in der Synagoge ein Buch nach dem anderen nicht aus dem Hut, sondern aus dem Koffer zaubert. Jedem Exemplar, aus dem der Schriftsteller und Rezitator kurz vorliest oder über das er berichtet, sind die Jahre, die es auf dem Buckel hat, anzusehen. Das kann nicht anders sein, denn sie erzählen von einem vergangenen kurzen Leben, entwerfen das Profil einer Berlinerin, die kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges unweit von Celle starb.


Heute wäre sie 100 Jahre alt geworden, womöglich würde man auf ihr Wirken zurückschauen, sie würdigen als eine Große ihrer Zunft. Journalistin war Felice Schragenheims Traumberuf, ergreifen durfte sie ihn nicht. Die Schreckensherrschaft der Nazis hinderte nach wenigen Jahren einer glücklichen und wohlbehüteten Kindheit die Schülerin, den Teenager, die junge Frau daran, ihren Talenten zu folgen, ihre Wünsche und Ideen umzusetzen. Nur 22 Jahre, ein liebevolles, großbürgerliches Elternhaus und eine große, kurze Liebe waren der entweder auf dem Weg nach Bergen-Belsen oder im Lager verstorbenen Felice Schragenheim vergönnt.


Sie war für Theater und Kino zu haben, interessierte sich weniger für Klassiker als für Bücher, deren Tonlage Ansull als „hell und optimistisch“ beschreibt. Sie träumte von einer Karriere, wollte etwas sehen von der Welt, war durch ihre „im intelligenten Bürgertum der Zeit“ verankerte Familie früh in Berührung gekommen mit Kultur und Kunst. Mascha Kaléko war ihr großes Vorbild, diese ließ ihre Karriere als deutschlandweit bekannte Autorin von Kolumnen und Büchern, die gerne als Alltagslyrik bezeichnet wurden, hinter sich, als sie 1938 Deutschland verließ aufgrund ihrer jüdischen Herkunft. Felice Schragenheim wollte ebenfalls emigrieren, nicht wie Kaléko nach New York, sondern nach Palästina. Die Behörden verlangten detaillierte Aufstellungen des mitzunehmenden Gepäcks, Felice listet genauestens auf und gewährt damit der Nachwelt Einblick in ihre kleine Bibliothek, über die sie verfügt (Egon Erwin Kisch „Der rasende Reporter“, Rainer Maria Rilke „Geschichten vom lieben Gott“, Klabund „Abenteuer“, Joachim Ringelnatz „Gedichte“ u.v.m.).


Niemand hätte je davon erfahren. „Sie war eine Frau, nach der keiner fragte, die vergessen war“, erläutert der Historiker und stellvertretende Leiter der Gedenkstätte Bergen-Belsen, Dr. Thomas Rahe, in seiner kurzen Einleitung, weshalb die genauen Umstände ihres Todes nicht geklärt werden konnten. Daran änderte auch das Engagement der österreichischen Autorin Erica Fischer nichts, aber der Lebensweg davor konnte rekonstruiert werden. Fischer stieß auf Zeitzeugen, ihr eröffnete sich eine lesbische Liebesgeschichte mitten im Zweiten Weltkrieg, die sie in Form der dokumentarischen Erzählung „Aimée und Jaguar“ niederschrieb. Im Jahr 1994 bildete diese die Vorlage für den bekannten und sehr erfolgreichen gleichnamigen Film.


Oskar Ansull näherte sich dem Thema indes auf ganz eigene Art und Weise, er suchte in Antiquariaten nach den Büchern, die Felice ihr Eigen nannte, wurde fündig, verstaute alle Werke in einem Koffer und kreierte die „Lesung aus dem Koffer“. Deutschlandweit las er über 100-Mal, auch in Celle. Der runde Geburtstag „Jaguars“ bot nun Anlass für eine Neuauflage. Die Synagoge war bis auf den letzten Platz gefüllt, mittendrin Felice Schragenheim, die Oskar Ansull lebendig werden ließ, indem er las oder erzählte – kenntnisreich, humorvoll, erstklassig.



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