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Kultur in Not - "Nett, dass wir darüber gesprochen haben"


Fotos: Peter Müller



CELLE. "Zähle ich 17!!! Personen??" fragt der erste Zuschauer ungläubig während unseres Livestreams aus dem Celler Schlosstheater. In der Tat dürfte diese "Podiumsdiskussion" zur Landtagswahl von der Quantität her alle Rekorde gebrochen haben - und dabei hätten zwei Gäste ihre Teilnahme krankheitsbedingt absagen müssen.


Die Qualität musste darunter leiden, da konnte auch die eigens aus Hannover angereiste Moderatorin wenig ausrichten, schien sie streckenweise ebenso wenig auf "Kultur trifft Politik" vorbereitet wie das Gros der LandtagskandidatInnen - bereits die Zuordnung der Namen sollte bis zum Ende eine Herausforderung bleiben.


Übersichtlicher war hingegen das Interesse an der Veranstaltung mit rund 80 Zuschauern. Die Teilnehmer begrüßte Moderatorin Tanja Schulz von rechts nach links: Jens-Christoph Brockmann und Daniel Biermann - AfD, Thage Jensen - Die Basis, Daniel Wagner und Manuela Mast - die Linke, Johanne Gerlach und Dr. Martin Kirschstein - Bündnis 90 / Die Grünen, Hanne Naber und Christoph Engelen - SPD, Walter-Christoph Buhr, Jörg Bode und Lars Alt - FDP, Jörg Schepelmann und Alexander Wille - CDU, sowie Kai Thomsen von der CD-Kaserne und Andreas Döring, Intendant des Schlosstheaters. Die Freien Wähler entsandten keine Teilnehmer.


"Bei Energie sollen zuerst die Theater sparen - warum nicht die Rathäuser?"

Mit der Eingangsfrage, in welchem Bereich der Kultur sich die Politiker auskennen und welche "kulturelle Institution" sie zuletzt besucht hätten, war auch gleich die einzige Themenvielfalt des Abends abgehakt. Während Brockmann "irgendwann vor Corona" ein Neujahrskonzert besucht habe, sorgte Engelen für einen der wenigen Lacher des Abends, wenn er im DRK-Ehrenamt seit 30 Jahren häufig genau hier "Theaterwache" halte. Zu lachen hat die Kultur derzeit in der Tat wenig - erst durch Corona und den politischen Maßnahmen gebeutelt und um Existenzen gebracht, nun in den aktuellen Krisen oft als "erstes Opfer missbraucht". Wenn es z. B. um Einsparungen bei Energie gehe, würden "zuerst Konzert- und Theaterhäuser genannt, warum nicht Rathäuser?", fragt Döring.


"Konzerte sind kein Geschäftsmodell mehr", ergänzt Thomsen. Geld gebe man "vielleicht für Rammstein oder die Ärzte aus, aber das gesamte Mittelfeld bis nach oben liegt brach, und das ist das Ergebnis der letzten drei Jahre", ist er überzeugt. Das Schlosstheater kalkuliere mit rund 20 bis 25 Prozent eigenen Einnahmen, bei der Soziokultur sei es genau andersherum, hier werde nur zu 30 Prozent gefördert. "Hier vergleicht man aber Äpfel mit Birnen", versucht Döring zu scherzen, was in diesem Rahmen nicht bei allen gut ankam.


"Irrsinn: Für eine Landesförderung muss jedes teilnehmende Grundschulkind unterschreiben"

Während Förderprogramme sogar in Millionenhöhe seitens des Bundes unkompliziert abgewickelt würden, werde gerade der Bereich der Soziokultur vom Land "im Stich gelassen", so Thomsen. Er wisse von einigen vor allem kleinen Kultureinrichtungen, die aufgrund der Komplexität gar keine Anträge mehr stellen. Beispielhaft erklärt er an einem Landesprogramm, wo er gemeinsam mit dem Landkreis für 600 Grundschüler etwas auf die Beine stellen möchte, dass vorher jedes einzelne Kind per Unterschrift seine Teilnahme bestätigen müsse. "Ein Irrsinn und ein Misstrauen sondergleichen", so Thomsen.


"Für mich ist manches neu, was ich hier höre", gesteht CDU-Landtagskandidat Alexander Wille und viele nicken. Erwartungsgemäß war in den zwei Stunden keine Diskussion oder gar Schlagabtausch möglich, es war eher eine Lehrstunde für (angehende) Landtagsabgeordnete. Ebenso erwartungsgemäß wurde nach so viel Einigkeit, die Kultur unterstützen zu wollen, seitens der SPD die AfD angegangen, die dann entsprechend konterte. Johanne Gerlach versuchte, wenigstens ein eigenes Wahlkampfthema zu platzieren: "Um Konzerte besuchen zu können, muss der ÖPNV verbessert werden." "Das ist nicht das Problem", ist Thomsen überzeugt.


Nach der Wahl dass "allvierjährliche Erwachen"

Dass sich jemand im Vorfeld über die tatsächlichen Anforderungen und Forderungen der Konzertbranchen und Kultur-Verbände informiert hätte, war nicht erkennbar. Viel Energie wurde in die Frage gesteckt, wer an diesem Abend teilnehmen dürfe und wer nicht. Und das scheint symptomatisch für nahezu alle Themen der Politik: Persönliche Befindlichkeiten, Allgemeinplätze und Versprechen im Vordergrund - und nach der Wahl das "allvierjährliche Erwachen": Politiker allein können wenig bis nichts ausrichten, wenn es den zuständigen Beamten in den Ministerien nicht gefällt. Wer es als Abgeordneter endlich schafft, hier eine Brücke zu bauen und zu vermitteln, hat den Schlüssel zu vielen Lösungen in der Hand.

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