Hilfloses Engagement für Hilfebedürftige


Obdachlos in Celle
Foto: Peter Müller

CELLE. „Drogen sind wohl auch ein großes Problem in Scheuen?“, erkundigt sich Kalli Struck (Die Unabhängigen) in der gestrigen Sitzung des Ausschusses für Soziales und Integration. Allein der Unterton der Fragestellung verrät, dass da ein Mitglied in der Runde sitzt, das sehr genau um die menschlichen Schicksale weiß, die hinter dem sachlich-nüchternen Referat des Fachdienstleiters Soziales Carsten Siebert stecken.


Jeweils ein Antrag der AfD und der Linken/Zukunft Celle haben die städtische Obdachlosenunterkunft, die sich sehr abgelegen abseits des Ortsteils Scheuen befindet, zum Thema für Politik und Stadtverwaltung werden lassen. Die einen schlugen eine zentrale Unterbringung in Abstimmung mit den zuständigen Landesbehörden an der Hohen Wende vor, die anderen forderten, die Stadt möge allen Bewohnern der Einrichtung für die Zeit ihres Aufenthaltes eine Monatskarte für den ÖPNV finanzieren. Beide Vorschläge wurden von der Stadt und mehrheitlich vom Ausschuss abgelehnt. Die Vorgaben des Sozialgesetzbuches sehen Leistungen für Mobilität vor, würde die Verwaltung Tickets für den Bus finanzieren, bekämen die in Scheuen untergebrachten Menschen es von ihren ihnen zustehenden staatlichen Zuwendungen wieder abgezogen. Die Hohe Wende mit der sich dort befindenden Zuwanderungsagentur scheidet als Quartier aus, weil die Gebäude der Stadt von der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) mietzinsfrei zur Unterbringung von Asylbewerbern und Flüchtlingen überlassen wurden und darüber hinaus eine Vereinbarung mit dem Land Niedersachsen für diese Aufgabe besteht.


Juliane Schrader (Grüne) zweifelte an den redlichen Absichten der AfD: „Sie implizieren, dass eine gut sanierte Einrichtung den Geflüchteten vorbehalten ist. Sie wollen nicht, dass diese gut untergebracht werden. Das ist doch die Geschichte, die dahintersteckt.“ Der Recyclingunternehmer Kalli Struck, der keinen Hehl aus seiner von sozialer Not gekennzeichneten Herkunft macht, hält dagegen: „Ich glaube nicht, dass es gegen die Asylbewerber geht. Nicht gleich mit Kanonen auf Spatzen schießen. Die Begründung ist nachvollziehbar.“ Und diese lautet: „Der aktuelle Zustand der Obdachloseneinrichtung in Scheuen ist eine Zumutung und bietet keine menschenwürdige Unterkunft.“ Silke Rohde widerspricht ihrer grünen Ausschusskollegin und verteidigt den Ansatz ihrer Partei mit den Worten: „Es geht um die Gleichbehandlung, es geht darum, dass es beiden gutgeht.“


Folgt man dem Referat, das der Fachdienstleiter Soziales Carsten Siebert zum Thema Obdachlosigkeit in Celle auf Initiative der Linken/Zukunft Celle hält, dann kann von „gut gehen“ keine Rede sein. Verwendete Begriffe wie „Langzeitobdachlose, Haftentlassung, Verlust des Schlafplatzes, Personen, die wir immer wieder unterbringen müssen, mangelnde Wohnfähigkeit, körperliche Auseinandersetzungen untereinander“ vermitteln sowohl einen Eindruck von der Situation mit ihren Problemen und verdeutlichen gleichzeitig, dass die Anträge der Mandatsträger zwar gut gemeint waren, jedoch keine echten Lösungsansätze darstellen.


Marina Hollmann arbeitet bei der Ambulanten Hilfe für wohnungslose Frauen und Männer in der Celler Neustadt, sie hat die Sitzung aufmerksam verfolgt und kommentiert gegenüber CH: „Wir sind um jede Diskussion zum Thema dankbar, aber die Vorschläge treffen das Problem nicht.“ Für gerade gehörte Aussagen zur Mobilität wie, „da stehen doch Fahrräder“ von Juliane Schrader, hat sie nur ein mildes Lächeln über: „Die sind doch größtenteils gar nicht fahrtüchtig.“ Die vom Diakonischen Werk Hannover getragene Einrichtung sagt: „Das Haus in Scheuen halten wir für unzumutbar.“ Marina Hollmann wünscht sich für die Klienten, die sie mit ihren Kollegen betreut, eine zentrale Unterbringung in einer Randlage der City. Wichtig sei, dass die Menschen die Orte, die für sie von Bedeutung sind und die sie regelmäßig aufsuchen wie die Tafel, die Essenszeit, die Bahnhofsmission, die psychosoziale Beratungsstelle, Sozialkaufhäuser, die Methadon-Ausgabe und Behörden wie das Jobcenter fußläufig erreichen könnten.


Ein weiterer Kritikpunkt an Scheuen, das laut Hollmann ursprünglich nur für den Übergang gedacht war, besteht im Mangel an Sozialarbeitern vor Ort. „Es gibt einen Hausmeister, der die Post ausgibt. Wichtig für die Menschen dort wäre jedoch die Anwesenheit von Fachpersonal zu verlässlichen Zeiten, z.B. an zwei Tagen für zwei Stunden, das würde helfen. Hier könnten wir uns eine Kooperation mit der Stadt vorstellen“, sagt die Mitarbeiterin der Ambulanten Wohnungshilfe und zeigt sich dankbar für eine Idee, die während der Sitzung eingebracht wurde. Behiye Uca (Linke/Zukunft Celle) hatte als möglichen Ersatz für Scheuen ein leerstehendes Haus in Klein Hehlen genannt. Die Erste Stadträtin für Soziales und Kultur Susanne McDowell zögerte keinen Moment und sagte an ihre Mitarbeiter aus den Fachbereichen gewandt: „Das nehmen wir mit!“

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