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Erster Celler Rotwildtag

  • Extern
  • vor 7 Tagen
  • 4 Min. Lesezeit

UNTERLÜß. Am 16.05. fand der erste Celler Rotwildtag in Unterlüß statt. Mehr als 150 Gäste folgten der Einladung des Kreisjägermeisters Helge John. Die Veranstaltung wurde von Landrat Axel Flader eröffnet, wobei dieser betonte, vor welche wichtiger Weichenstellung das Rotwild stehe. Genetische Isolation, Lebensraumzerschneidung, aber auch der Wolf stelle die Rotwildpopulation vor Herausforderungen. „Die Ausrichtung des ersten Celler Rotwildtages zeige, dass sich die Jägerschaft der Verantwortung stelle“, so Flader.


John hob hervor, dass der Celler Rotwildtag keineswegs als Konkurrenzveranstaltung zum „1. Wildtierforum Niedersachsen“ gedacht sei, das am 18. April in Hannover-Lahe auch das Thema Rotwild behandelte, sondern vielmehr der wichtigen Fort- und Weiterbildung diene.

„Das Wissen muss zu den Menschen, die in der Fläche sind und jagen.“, so John.


Es folgte ein Vortrag über die aktuellen Aspekte der Rotwildgenetik. Prof. Dr. Dr. Gerald Reiner von der Universität Giessen. Dieser zeigte am Beispiel der Rotwildpopulation im schleswig-holsteinischen Hasselbusch, welch verheerende Folgen die genetische Isolation auf eine Rotwildpopulation habe. Diese sei aus seiner Sicht nicht mehr zu retten.


Welch positive Auswirkung jedoch die Vernetzung der verschiedenen Rotwildpopulationen auf eine verbesserte genetische Qualität habe verdeutlichte er am Beispiel Sauerland. Diese sei groß und aufgrund der Vernetzung zu benachbarten Gebieten genetisch vielfältig.

Die größten Hindernisse für den Austausch unter den Populationen sind Autobahnen, eine dichte Bebauung und Korridore, die durch die Erlegung der wandernden Stücke entstehen. Reiner sieht Chancen, jedoch sei eine gesetzliche Verankerung zwingend nötig, um Korridore für den Austausch zu schaffen bzw. offen zu halten.


Des Weiteren ging Reiner auf den Zusammenhang von Schäden und Wilddichte ein. Untersuchungen in Hessen konnten nachweisen, dass lediglich 13% der vorhandenen Schäden im Wald direkt mit der Wilddichte korrelierten. Wesentlich bedeutsamer ist die Form der Bejagung und die Beunruhigung im Tagesablauf, die das Wild in die Waldflächen zurückdrängt oder sie dort hält.

Mit Blick auf die aktuellen Untersuchungen in Niedersachsen freue er sich schon jetzt, diese möglicherweise bereits in einem Jahr vorstellen zu können.


Anschließend referierte Prof. Dr. Niko Balkenhol, Abteilungsleiter Wildtierwissenschaft der Georg-August Universität aus Göttingen über Regulierung, Lenkung und Störung von Rotwild.

Regulierung und Lenkung sind die zwei grundsätzlichen Ausrichtungen der Rotwildbejagung.

Eine effektive Bejagung muss Zuwächse mindestens abschöpfen bzw. sogar übersteigen, um Populationsgrößen konstant zu halten, bzw zu reduzieren. „Dabei muss der Fokus auf Zuwachsträgern liegen“, sagte Balkonhol und beschreibt damit geschlechtsreife Tiere, sowie diese, die es im nächsten Jahr sein werden.


Die Erlegung erfahrener Alttiere bei der Ansitzjagd sei besonders herausfordernd, wie auch Studien aus Dänemark, Norwegen, Frankreich und Kanada (hier beim Wapiti) zeigen. Besonders groß angelegte Drückjagden erhöhen die Chance, erfahrene Alttiere zu erlegen, enorm. Durch telemetrisch überwachte Tiere konnte bestätigt werden, dass diese Form der Bejagung auch keine langfristigen Vergrämungseffekte zu Folge habe.


Am Beispiel des Truppenübungsplatzes Grafenwöhr in Bayern zeigte er auf, welch positive Folgen die Lenkung von Rotwild habe. Dabei sprach er vom „Push & Pull Prinzip“. Im Wald finde eine Schwerpunktbejagung statt, der lokal die Wilddichte reduziert (Push). Dafür werden als Ausgleich jagdfreie Zonen geschaffen, die attraktive Äsung und Sicherheit bieten (Pull). Diese starke Bevorzugung des Offenlandes, auch am Tage, komme nicht nur dem Rotwild zugute, sondern führe auch zur Verbreitung von Samen, einem Biomasseentzug wie bei typischer Nutztierhaltung,

sowie der Umverteilung von Nährstoffen aus Offenland in den Wald und sei damit ein Beitrag zum Erhalt der Offenland-Biodiversität.


Sein Fazit: Jagd für Rotwildmanagement sollte sowohl Regulierung als auch Lenkung beinhalten.


In der folgenden Pause fand ein reger Austausch der Gäste bei Kaffee und Kuchen statt.


Gestärkt folgten die Gäste nun Dr. Oliver Keuling, vom Institut für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover, zum Thema "Schalenwild und Wolf - wieviel frisst er wirklich?“.


Er eröffnete seinen Vortrag mit dem gern genommenen Argument wie gut der Wolf doch für Ökosysteme am Beispiel des Yellowstone Nationalparks in den USA sei. Wie sehr dieser Vergleich jedoch hinke und besonders nicht auf Niedersachsen anwendbar sei, zeigte sich schnell: Auf einer Fläche, die etwa 20% der Fläche Niedersachsens entspricht, gibt es ein aus lediglich sechs Straßen bestehendes Straßennetz mit einer Gesamtlänge von ca. 600 km. Der zu 80% aus Wäldern bestehende Park ist mit unseren kleinräumigen Strukturen und der hohen Bevölkerungsdichte also nicht zu vergleichen.


Eine Meinungsumfrage zur Einstellung zum Thema Wolf zeigte, dass weder „viel Wissen“ noch „kein Wissen“ kritisch sei, sondern die größte Skepsis bei der Gruppe mit „mittlerem Wissen“ herrsche. Am stärksten hänge eine ablehnende Haltung zum Wolf jedoch von direkter negativer Erfahrung ab.


Auf dem Speiseplan des Wolfs steht auf Platz eins ganz klar das Rehwild. Dies ergaben Losungsuntersuchungen. Auf den Plätzen zwei und drei Folgen Schwarz- und Rotwild.


Fotofallenuntersuchungen im Solling (ohne Wolf), Süsing und in Alt-Oerrel gaben Aufschluss über die Auswirkungen der Anwesenheit von Wolf und Mensch. So wurde beobachtet, dass bei mittels Fotos bestätigter Anwesenheit des Wolfs bis zu ca. 5 Tage im Anschluss kein Wild mehr an dieser konkreten Stelle beobachtet werden konnte. Lief jedoch ein Mensch in die Fotofalle, ließ sich das Wild in Gebieten mit Wolfsvorkommen länger als drei Wochen nicht blicken.


Da noch nicht alle Daten ausgewertet wurden, gab es nur ein vorläufiges Fazit. Aktuell sind im Wald kaum Einflüsse durch den Wolf auf das Schalenwild erkennbar. Die Einflüsse durch den Menschen sind deutlicher.


„Das, was wir wahrnehmen, ist nicht immer das, was wirklich passiert.“, so Keuling.


Aus den Vorträgen wurde deutlich, dass die Verantwortung für das Rotwild das Bemühen aller Bedarf. Sowohl Form und Intensität der Bejagung, Schaffung bzw. Erhalt des Austausches untereinander und der Erhalt von artgerechten Alters- und Sozialstrukturen spielen eine wesentliche Rolle. Wichtig für das Rotwild sind aber auch Bereiche, in denen sie neben der jagdlichen Beruhigung auch vor Störungen durch Freizeitnutzung – insbesondere abseits der Wege – sicher sind. Für einen artgerechten Umgang mit dem Rotwild sind die Belange des Rotwildes entscheidend, nicht die der Menschen.


Zum Abschluss der Veranstaltung dankte Helge John den Referenten und insbesondere den örtlichen Hegegemeinschaften, die maßgeblich zur Finanzierung der Veranstaltung beigetragen haben und stellte einen nächsten Rotwildtag in zwei Jahren in Aussicht.


Text: Fabian Malle

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