Deutschland 2022 - ein Polizeistaat? Ein „Montagsspaziergang“ in Celle

Aktualisiert: 24. Jan.


Ich weiß. Allein für den Titel dieses Artikels bin ich für, sagen wir, mindestens die Hälfte aller Deutschen, schon jetzt eine Verschwörungstheoretikerin. Aluhut. Schwurbler. Ach was, Nazi! Wie kann ich es nur wagen, allen Ernstes den Vergleich zu ziehen – zur DDR, Stasi?

Zugegeben, ich habe nicht gelebt, in dieser Zeit. Ich bin 36 Jahre alt. Kann mir deswegen nicht wirklich ein Urteil erlauben. Aber auch ich bin mit unserer Geschichte vertraut. Und was ich erlebt habe, bei dem „Montagsspaziergang“ in Celle, bei dem Menschen ein Zeichen gegen die Corona-Politik setzen wollen, lässt mir auch im Nachhinein noch kalte Schauer den Rücken runter laufen.

Da treffen sich – und ich räume ein: Im Schätzen von Menschenmengen war ich noch nie gut – vielleicht 50 Leute an der Stechbahn. (Offiziell hieß es später, es waren insgesamt 140 Spaziergänger in der Innenstadt). Ich bleibe, trotz Zählschwäche dabei, um eine „Menge“ hat es sich hier, allein an dieser Stelle, in diesem Moment, nicht gehandelt. Jedenfalls stehen sie also dort, getrennt voneinander, in kleinen Grüppchen zusammen. Und setzen sich dann gemeinsam in Bewegung. Friedlich. Es ist leise, eigentlich alles entspannt. Für Unruhe sorgen nur die Polizeikräfte, die hingegen tatsächlich – gefühlt - zu Hunderten auftauchen! Gut, da ist noch eine Gegendemo. Vielleicht nochmal 40 Leute. (Hier liege ich mit meiner Schätzung übrigens goldrichtig). Auch die sind auffällig. Spielen Musik. Übrigens keine angenehme. Sie bleiben wo sie sich versammelt haben.

100 Meter weiter und 5 Minuten später. Zwei Gassen sind abgeriegelt. Polizeibullis und mehrere Kräfte versperren den Durchgang. Sonst erscheint die Fußgängerzone schonwieder fast menschenleer, die Spaziergänger sind nicht mehr als Gruppe erkennbar. Hier und da vereinzelte Leute. Als Gruppe sind nur die Einsatzkräfte in ihrer Montur auszumachen. Immer wieder setzt sich irgendwo ganz plötzlich eine kleine Horde in Bewegung, läuft, oder rennt, los. Hektik. Und man fragt sich: Wo passiert gerade etwas? Wo eskaliert es? Doch es bleibt still.

Passanten, die sich den abgesperrten Gassen nähern, kommt schon ein Beamter entgegen. Mit - der Situation überhaupt nicht angepasst - scharfem Ton sagt er: „Hier ist abgesperrt. Sie können hier nicht lang.“ Auf Nachfrage, warum dies so ist, bekommt man genau die gleiche und immer nur eine Antwort „Hier ist abgesperrt. Gehen Sie außen rum.“ Ungeachtet dessen, ob man dort wohnt, essen oder einkaufen gehen will. Und ungeachtet dessen, ob Passanten provokant auftreten oder völlig ruhig. Ton und Grundhaltung der Polizei: Aggressiv. Keinen Widerspruch duldend. Und eben auch keine völlig legitime Nachfrage.


Anstatt freundlich zu erklären, was los ist, wird man abgebügelt. Wie unmündig. Ja, zu den Passanten gehören bestimmt auch Montagsspaziergänger, und bestimmt wollen einige auch provozieren. Dennoch: Sich wie der strenge Vater gegenüber einem ungehorsamen Kind aufzuführen, dafür gibt es heute Abend bisher keinen Grund.

In der Luft liegt eine seltsame Stimmung. Es ist bedrückend. Gänsehaut erregend. Etwas passt hier einfach nicht zusammen. So richtig greifbar ist es nicht. Es ist einfach nur sehr, sehr komisch. Und ich denke zum ersten Mal: So muss sich das wohl in der DDR angefühlt haben.


Wieder laufen 10, 15 Polizeikräfte – wie aufgescheucht – die Celler Fußgängerzone entlang. Wo wollen sie hin? Ich höre keine Rufe, keinen Krawall. Frage mich nur, was ihr Auftrag ist. Es ist mir ein Rätsel.

Immer wieder bilden solche Trosse Ketten um – ja, um wen eigentlich?

Ah, da stehen drei „Spaziergänger“.

Aber 20 Polizeikräfte um sie herum. Kreisen sie ein. Dabei machen sie nichts weiter, als dort lang zu gehen.


Zurück an der Stechbahn. Die Gegendemonstranten – sie machen sich hier heute offiziell für das Versammlungsrecht stark – reihen sich gegenüber ein paar der Spaziergänger auf. Skandieren Parolen gegen Rechts. Die Musik, die sie spielen, klingt ebenso aggressiv wie das Auftreten unserer Freunde und Helfer ist. Sie, und die Gegendemo sorgen dafür, dass man mitbekommt: Irgend etwas ist hier los, heute Abend in Celle. Nicht etwa die Spaziergänger.


Die Polizei scheint ihre Präsenz noch erhöht zu haben. Auf einmal ist der Platz voll mit Beamten. Wo man hinsieht, stehen sie. Am Rand, in Reih und Glied. In der Mitte. Immer in Ketten. Polizeibullis dazwischen. Ich frage mich, wo die alle hergekommen sind. Und vorallem – Warum sie zu so vielen vertreten sind. Es erscheint mir doch überhaupt nicht nötig.


Okay. Die Spaziergänger haben nicht angemeldet, dass sie spazieren gehen. Die Polizei hat die Aktion als Versammlung gewertet. Nicht alle tragen die angeordnete FFP-Maske. Sicher, das könnten sie tun. Beides. Eine Versammlung anmelden, und Masken tragen. Machen sie nicht. Aber sie deshalb so einzukesseln, in die Ecke zu drängen und festzuhalten? Das erscheint einfach nicht verhältnismäßig.

Der Unmut wächst. Auf Seite der Spaziergänger ist klar, warum: Sie dürfen nicht in die Gassen, und können nicht einfach ungestört „spazieren“ gehen. Und ihnen schlägt ein Ton entgegen, der alles andere als nett ist. Da fängt man natürlich an zu diskutieren. Und das mit einer Polizei, deren Zeichen schon von vornherein auf Abwehr steht. Im zwischenmenschlichen Sinn. Da können Sie sich vorstellen, was passiert, wenn sich einige Gemüter erhitzen.

Das Bild, das sich in solchen Situationen generell nach außen zeigt, ist: Viele Polizisten stehen Zivilisten gegenüber, umzingeln sie, bilden Mauern. Und sie diskutieren, es wird auch mal laut dabei. Verbale Auseinandersetzungen, Handgreiflichkeiten. Die, weil wir alle Menschen sind, und wie wir bestimmt alle von Streitigkeiten aus dem Privaten kennen, emotional werden können und sich hochschaukeln, und wenn dann sehr viel zusammenkommt, wie hier, wird sich vielleicht auch mal geschubst. Und in extremen Fällen steigert sich das und man hat den Krawall.

Bis zu diesem Punkt war das heute Abend noch nicht der Fall. Es wird aber noch eine kritische Situation entstehen.


Lassen sie mich trotzdem, als Journalistin, an dieser Stelle schonmal sagen: Es sind genau diese Bilder, die wir alle später in den Nachrichten sehen. Gespickt mit entsprechendem Text, entsteht so das Bild, dass die meisten als Wahrheit wahr- und annehmen. Nämlich: Diese bösen, gewaltbereiten Radikalen, die da auf die Straße gehen. Und unsere arme Polizei.


Aber wer sind hier wirklich die Bösen? Und gibt es nicht immer zwei Seiten? Mir kommt es schon eine Weile so vor, dass die Berichterstattung einseitig ist und ein Bild der Kritiker der Corona-Politik schürt, das falsch ist. Und damit auch in der Gesellschaft. Wenn die breiten Medien das nämlich so erzählen, dann stimmt das schon. Dann ist das genau so. Muss man dann nicht hinterfragen.

Ich finde: Doch. Muss man. Sogar unbedingt. Und darum bin ich am Montag Abend in Celle. Ich möchte mir mein eigenes Bild machen, von so einem Spaziergang. Und als Journalist sollte das sowieso selbstverständlich sein. Neutrale Herangehensweise. Berufsethos. Es betrübt mich, dass vielen meiner Zunft diese Fähigkeit offenbar abhanden gekommen ist. Sie mit dem Strom schwimmen. Sei es aus Gründen der Faulheit – da wäre das vielleicht blinde Übernehmen von Pressemitteilungen - der verloren gegangenen Fähigkeit, kritisch hinzusehen oder einfach nur um den Mainstream zu bedienen. Oder, weil sie denken wie die Mehrheit der Gesellschaft: „Diese dummen Impfgegner. Wegen denen haben wir immernoch nicht unser Leben zurück“.


Und so berichten sie über die Demos, wie man es erwartet. Wie es als „richtig“ angesehen wird. Und zeichnen weiter ihr Bild, das für die Mehrheit der Gesellschaft dann DIE eine Wahrheit ist, und die keine Alternative zulässt. Nämlich dass nahezu alle Gegner der Coronapolitik böse, gewaltbereite Rechte sind. Unsere Polizisten die Opfer.


Mir zeigt sich heute Abend ein anderes Bild. Polizisten als Opfer? Irgendwie nicht. Nein. Eher im Gegenteil. Wenn man hier mal einen Schlichter plump fragen würde, wer angefangen hat, würde die Antwort sicher ungefähr so lauten: „Von vorn herein sind beide Seiten mit verhärteten Fronten aufeinander getroffen. Da hat sich ja schon seit Wochen viel aufgestaut. Jeder hat seine Gründe, mit einer voreingenommenen Einstellung in so einen Montag Abend zu gehen. Wenn man vernünftig miteinander reden und Verständnis füreinander zeigen würde, hätten wir es sicher friedlich.“


Und hier bin ich wieder bei den Polizisten. Um ich möchte klarstellen: Ich verurteile nicht die einzelnen Menschen dahinter. Sie unterstehen dem Innenministerium, und das gibt natürlich eine Marschrichtung vor, wie sich unsere Ordnungshüter zu verhalten haben. Wie sie auftreten sollen. Und damit eben auch, wie sie Montagsspaziergängern entgegen treten sollen.


Man darf den Einzelnen, der hinter dem Staatsdiener steckt, aber nicht vergessen. Auch der hat seine Meinung zu dem Thema. Neutral sein ist da bestimmt schwer. In diesen Zeiten, in solchen Konstellationen, sicher besonders. Und wenn man dann noch Staatsdiener und Mensch vereinbaren soll, fast unmöglich. Respekt. Denn ich glaube, uns allen ist außerdem klar, dass der Polizei ihr Job sicherlich zum Hals raushängt. „Da melden die Spaziergänger ihre Aktion nicht an, und wir müssen es ausbaden. So viele von uns. Immer wieder“. Die Nerven auf allen Seiten sind angespannt. Die Einsatzkräfte müssen zum xten Mal in großer Zahl auf so eine Demo, beten alle paar Minuten die Coronaverordnung herunter. Müssen sich mit – natürlich auch – Provokanten unter den Leuten herumschlagen. Das würde wahrscheinlich kaum jemandem Spaß machen.

Doch, rechtfertigt all das, was vor sich geht? Wie es vor sich geht? Ist es nötig, dass Platzverweise ausgesprochen, Menschen – auch oft Unbeteiligte - mit einer dicken Wand aus Polizeibeamten zurückgedrängt werden? Dass Personalien, gefühlt von jedem einzelnen, der sich in dem Moment in Celle aufhält, aufgenommen werden? Rechtfertigen die eher wenigen Spaziergänger und Gegendemonstranten überhaupt einen solch hiesigen Polizeieinsatz? (Zur Anzahl der Einsatzkräfte werden übrigens offiziell generell keine Angaben gemacht. Es wurde betont, man sei „aber mit ausreichend Kräften vor Ort“.) Und vorallem, was rechtfertigt, dass nach Auflösung der „Versammlung“ bis zu fünf – fünf!! - Mann in Uniform auf einem weißhaarigen, älteren Herren hocken und ihn minutenlang zu Boden drücken? Seine wiederholten Hilfeschreie ignorierend? Nehmen Sie mir bitte nicht übel, dass ich hier den Vergleich zu gewissen Szenen in den USA ziehe. Man fühlt sich doch stark genau daran erinnert. Szenen, bei denen Menschen durch diese Art von Amtshandlung sogar sterben. Weil sie zum Beispiel die falsche Hautfarbe haben. Entschuldigung, aber es liegt nunmal nahe: Dass der Spaziergänger nicht mit den Vorgaben der Regierung konform läuft, könnte an diesem Abend eben sein „Fehler“ gewesen sein. Aber macht ihn das zu einem Verbrecher? Neutral betrachtet macht er einfach von seiner Meinungsfreiheit Gebrauch.

Doch in Zeiten, in denen „Spaziergänger“, Demonstranten, die etwas gegen die Regierung sagen, sogar als Staatsfeinde betitelt werden, deren Gruppierung – davon geht man ja wie selbstverständlich aus - von Rechtsextremen unterlaufen wird, und zwar in allen Teilen Deutschlands, ausnahmslos, und es so gut wie jeder blind glaubt und gegen sie hetzt, gibt es so etwas wie – Achtung, Schwurbler - Meinungsfreiheit vielleicht nicht mehr? Ganz zu schweigen von Pressefreiheit?


Genauso, wie die Polizei die Vorgaben des Innenministeriums erfüllt, sind Journalisten dem Medium unterstellt, für das sie berichten. Auch hier gibt’s im Zweifel von oben eine vorgegebene Richtung. Ein Schelm, wer, wenn man beides zusammennimmt, auf die Idee kommen könnte, all das, was sich heute Abend in Celle abspielt, könnte auch genau so gewünscht sein.


Meinungsmache. Ich sage Ihnen, ich habe an derartige Verschwörungstheorien nie geglaubt. Seit dem heutigen Abend sehe ich das anders. Und es macht mir Angst. Die Entwicklung macht mir Angst. Sie besorgt mich zu tiefst. Weil so viele, die breite Mehrheit der deutschen Gesellschaft, nicht genau hinsieht. Verlernt hat, sich selbst Urteile zu bilden. Blind als Gesetz annimmt, was die Politiker sagen. Publiziert durch die Massenmedien. Einseitig. Ausschließlich.


Dass die Gegendomo von Rechtsextremen unterwandert wird, das steht natürlich außer Frage. Darüber gibt es ja auch gar keine Berichte. Und wer das behauptet, der gehört sowieso eingesperrt!


Ich bitte Sie: Gehen Sie zu einem Montagsspaziergang. Und machen Sie sich selbst ein Bild. Wenn nicht nur mir, sondern auch Ihnen, und vielen anderen ebenfalls, dann Schauer den Rücken herunterlaufen, kommen wir vielleicht wieder in eine Lage, in der niemand mehr einen Vergleich ziehen muss, zu den dunkelsten Zeiten in unserer Geschichte.


Denn ja. Eines scheint zu stimmen. Wir wiederholen sie. Aber nicht etwa, weil 20 Millionen Deutsche sich nicht impfen lassen möchten (nicht vergessen: Kinder und Jugendliche wohl inbegriffen). Denn, es weiß doch jeder: Dazu gehören mindestens Zwei.


Anonym verfasst. Klarname der Redaktion bekannt.


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