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Bildgewaltig, poetisch, preisgekrönt: Celler Künstler erhält „Kunstpreis Deutschland“


Frank Schult (rechts) bei einer Lesung. Jetzt hat der Künstler einen Preis bekommen. (Fotos: W.W.M.)

CELLE. Wer Frank Schult in seinem Atelier beim Malen zusehen oder gar ablichten möchte, muss Glück haben. Denn nicht selten sitzt der in Celle lebende Künstler, dem an diesem Wochenende der „Kunstpreis Deutschland“ verliehen wurde, länger auf einem der kleinen Sessel in gebührendem Abstand zum entstehenden Werk, schaut, horcht in sich hinein, als dass er Hand anlegt. „Die Leinwand macht etwas mit mir“, sagt er. Und auf dieser gibt es viel weiße Fläche zu füllen, denn Schult malt großformatig, was als „Seht her!“ interpretiert werden könnte. Kommt der Betrachter dieser Aufforderung nach, gibt es viel zu entdecken.



Wer sich auseinandersetzen möchte mit Einzelheiten, kann das tun, erhält auch gerne Erklärungen und Deutungen vom Urheber. Wer sich nicht verlieren will in Details, lässt das große Ganze auf sich wirken und spürt, diese mächtigen, kleinteilig zusammengesetzten Kompositionen, in denen Abstraktes und Figuratives ineinandergreifen, berühren. Als habe da jemand aus dem tiefsten Inneren etwas hervorgeholt und der Leinwand übergeben, und zwar kraftvoll und energiegeladen.


Kunstwerke werfen Fragen auf


Der Künstler selbst spricht die Verständnislosigkeit an, die seine Bilder oft auslösen. „Viele stehen davor und fragen, was ist dieses Chaos?“ Auch „Kritzelei“ mag sich dem ungeschulten Auge aufdrängen. Schult verlässt die Sitzecke, nimmt eine Schablone zur Hand, umrahmt Details und berichtet: „Einer meiner Professoren machte stetig drauf aufmerksam, jeder Ausschnitt eines Bildes müsse für sich bestehen können.“


„Viele stehen davor und fragen, was ist dieses Chaos?“

Und so ist es, viele kleine Bildchen verschmelzen zu einem großen Gemälde. Urheber des Zitates war einer der bekanntesten und einflussreichsten bildenden Künstler der DDR, Bernhard Heisig. Der im Jahr 1948 im thüringischen Ilmenau geborene Frank Schult hat bei ihm studiert an der Hochschule für Grafik und Buchkunst, der sogenannten Leipziger Schule. Eine Ausbildungsstätte von hohem Renommée, damals wie heute, die klangvolle Namen des früheren und aktuellen Kunstbetriebs hervorgebracht hat.



„Im Osten musste man studiert haben, um in den Verband Bildender Künstler aufgenommen zu werden“. Fünf Jahre dauerte das Studium, zwei Jahre war er Meisterschüler: „Portrait, Anatomie und Akt standen zum Beispiel auf dem Lehrplan. Und Zeichnen bildete die Grundlage des Studiums. Wer in Leipzig war, konnte zeichnen, das war typisch für die Leipziger Schule.“


Portraits, Skulpturen, Bühnenbilder


Schult hat sich dem abstrakt-figurativen großformatigen Stil verschrieben, aber er fertigt auch gerne Portraits und Skulpturen, hat darüber hinaus Bühnenbilder geschaffen, wurde schon während des Studiums für seine exzellente Zeichenfähigkeit gelobt. Die durch und durch analoge Atmosphäre in seinem Atelier durchbricht er nur einmal, als er auf dem Handy Beispiele für seine Menschenabbilder aufruft, der kleine Ausflug ins Digitale lohnt: eine unverkennbare ganz eigene Handschrift, die Charaktere einfangen kann.



„Ich verstelle mich selten“, sagt der Familienvater über sich. Er verbirgt seine Feinnervigkeit nicht, die ihm einen besonderen Zugang gewährt zu seinem Gegenüber und zu seiner Umgebung. Menschen und die Geschichten, die sie in sich tragen und produzieren, interessieren ihn. Und er setzt sich intensiv auseinander mit dem, was war und ist. „Kunst heißt nicht nur, schöne Bilder zu malen, sondern auch wahrzunehmen, wie das Miteinander in der Gesellschaft, auch in der Stadt läuft.“


Im Rückblick auf die DDR verklärt er nichts, der Wunsch, in den Westen zu gehen, war immer da. „Ich wollte anders leben!“ Im Jahr 1988 war es so weit, gemeinsam mit seiner Frau Angela und den Töchtern Aneka und Mareike verließ er die im Untergang begriffene DDR. Den Ausreiseantrag hatte er viel früher gestellt, „die Jahre danach waren hart“. Seit 1990 wohnt er in Celle. Zwischenzeitlich wurde das neue Zuhause ihm zu klein, er wich nach Hamburg aus, reiste viel, stellte deutschlandweit und international aus. „Ich hatte einen guten Einstieg im Westen“, blickt er zurück, auch weil er zur rechten Zeit am rechten Ort war und schnell Kontakt zu Menschen knüpfte, die Interesse an seinen Werken hatten, einige förderten ihn.


Katzengold


Für die ihm gewährten Chancen ist er dankbar, wesentlich für den Beruf ist jedoch ein weiterer Aspekt: „Kunst ist harte Arbeit“, betont der Maler, seine Bildsprache offenbart die Auseinandersetzung mit mythologischen, religiösen, kunsthistorischen und literarischen Themen. Frank Schult behauptet zwar von sich, keine Geschichten erzählen zu können, „deshalb male ich“, sagt er. Wer sein autobiographisches Buch „Katzengold“ und Gedichte aus seiner Feder, die in dem Kunstband „Bildgeflechte“ erschienen sind, liest, wird dem widersprechen. Auch das Wort ist sein Medium, entfaltet eine eigene Poesie: „Der Küste wilder Wind singt vergessene Lieder/Wolken tanzen und eine unsichtbare Kraft dirigiert/Harmonie/ das Orchester der Ewigkeit/“, heißt es etwa in „Gezeiten“ aus dem Jahr 2013.



Dass er sich schon als Schüler über den Unterricht hinaus mit Poetischem beschäftigte, zeigt ein Rückblick auf Ilmenauer Zeiten. „Schult, wenn Sie nicht allzu viel Schaden anrichten wollen, dann werden Sie Künstler!“, hatte ihn ein Lehrer gescholten, nachdem er ein Gedicht in einer Betonung vorgetragen hatte, die dem Erwachsenen nicht gefiel. Unwidersprochen war dieses nicht hinzunehmen: „Ich habe das in dieser Form von einem Profi gehört!“, wehrte sich der Junge. Die Freude war groß, als er den Pädagogen Jahrzehnte später wiedertraf und ihm in der Rolle eines sehr erfolgreichen Künstlers die Erfüllung seiner Prophezeiung präsentieren konnte.


Nun nimmt er am Wochenende in Braunschweig den „Kunstpreis Deutschland“ entgegen, den ihm eine fünfköpfige Experten-Jury zugesprochen hat. Unter 78 Bewerbern aus 21 Staaten hat er sich im Bereich Malerei durchgesetzt. „Ich bewerte diesen Kunstpreis nicht über“, sagt Frank Schult. Kaum anders zu erwarten von einem Mann, der auf eine erfolgreiche Karriere in der Kunstszene zurückblicken kann, nach seinem Beruf gefragt jedoch stets antwortet: „Ich bin Maler!“ Der Begriff Künstler kommt ihm im Zusammenhang mit der eigenen Person nicht über die Lippen.

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