Bergen-Belsen Zeitzeugin am Ernestinum


Foto: Ernestinum



CELLE. Am Wochenende durfte das Celler Gymnaisum Ernestinum einen besonderen Gast empfangen. Die Bergen-Belsen-überlebende Elisabeth Seaman berichtete dem 12. Jahrgang in englischer Sprache von ihrer Familie, ihren Erinnerungen an Bergen-Belsen, ihrer Befreiung in Farsleben und ihrem Leben nach dem Kriegsende, und sie stellte sich den interessierten Nachfragen der Schülerinnen und Schüler.

Im Rahmen der aktuellen Gedenkfeier aller Überlebenden am Wochenende in Bergen-Belsen war die 84-Jährige, die heute in Kalifornien lebt, nach Celle gekommen. Auf Einladung der Geschichtslehrerin, Sabrina Barking, erklärte sie sich umgehend bereit, in einem Zeitzeugengespräch mit Schülerinnen und Schülern ihre Erfahrungen auszutauschen.


Ihre Familie war bereits 1937 in die Niederlande ausgewandert, dort, in Rotterdam, kam Elisabeth Seaman 1938 zur Welt. An einem Morgen im Frühjahr 1943 wurde sie zum ersten Mal bewusst mit der Verfolgung durch die Nationalsozialisten konfrontiert. Ihre Großeltern wurden in der Nacht verhaftet und – wie sich später herausstellte – nach Sobibor gebracht, wo sie vergast wurden. Ihre Eltern erhielten über Verwandte honduranische Pässe, die Familie wurde aber dennoch im April 1944 verhaftet und über das niederländische Durchgangslager Westerbork nach Bergen-Belsen gebracht. Aufgrund der ausländischen Pässe durfte die Familie zusammenbleiben und kam nach Bergen-Belsen, um nach den Plänen der Nationalsozialisten irgendwann gegen Deutsche im Ausland, ausländisches Geld oder Rohstoffe ausgetauscht zu werden. Dieser Austausch kam jedoch nie zustande. Nach ihren Erinnerungen an den Alltag im Lager befragt, antwortete sie: „Ich kann mich noch gut an die extreme Kälte erinnern, wenn wir im Winter draußen Appell stehen mussten. Ich hatte das Gefühl, dass das Eis 30 cm dick sein müsse.“ Auch an die Essensversorgung konnte sie sich gut erinnern: „Es gab sehr wenig zu essen, meistens sehr dünne Steckrübensuppe und viel zu wenig.“ Elisabeths Vater überlebte das Lager nicht, er erkrankte Ende 1944 und starb im Januar 1945. Bis kurz vor seinem Tod schrieb der Vater an die Mutter Briefe über seine Hoffnung für die Zukunft und die große Liebe zu seiner Familie. Die Briefe fand Elisabeth erst nach dem Tod ihrer Mutter, sie bedauert es bis heute, nicht mit ihrer Mutter über diese Briefe gesprochen haben zu können.


Elisabeth und ihre Mutter wurden kurz vor der Befreiung des Lagers mit 2500 anderen Häftlingen auf einen Räumungstransport Richtung Theresienstadt geschickt. „Ich erinnere mich daran, dass der Zug, so überfüllt wie er war, mit all den Kranken, dem faulen Geruch, und dem Fehlen einer Toilette, ein grässlicher Ort war“. Der Zug wurde im April 1945 durch amerikanische Soldaten befreit. Elisabeths Mutter wog zu dem Zeitpunkt nur noch ca. 30 kg und sie beide mussten nach der Befreiung zunächst einmal in einem Krankenhaus behandelt werden.


Nach dem Krieg ließen sich Mutter und Tochter nach etlichen Umwegen in den USA nieder. Elisabeth gründete dort eine Familie und bekam vier Kinder. Irgendwann beschloss sie, aufgrund ihrer Erfahrungen, sich als Mediatorin und Friedensvermittlerin einzusetzen und publiziert bis heute Bücher über das Thema. Auf die Frage, wie denn Schülerinnen und Schülern heute Frieden vermittelt werden könne, antwortete sie: „Man muss lernen, einander zuzuhören, den anderen nicht in Schubladen zu stecken, keine Vorurteile zu haben und miteinander offen zu reden. Frieden fängt so bei jedem Einzelnen an.“

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