"Trotzdem" - Das Wort zum Montag, Folge 102



WzM: „Trotzdem“ - Jes 55,8 (Groß Hehlen, 7.3.22, P. Titus Eichler) Letzte Woche hatte ich Urlaub. Und ich hatte mit meinen Kindern ausgemacht, dass wir am Freitag einen schönen Filmabend machen mit Popcorn und Kindercola. Und Pizzaschnecken. Darauf haben sie sich lange gefreut. Und meine Frau und ich uns auch.

Und dann am Mittwoch, 2 Tage davor, kam die Hiobsbotschaft: Krieg in der Ukraine. Bomben, Gefechte, Tod. Was tun? Der Familienabend, auf den wir uns alle so gefreut hatten, wirkte plötzlich so deplatziert. So falsch.

Und trotzdem: Wir haben diesen Abend wie geplant durchgeführt. Für unsere Kinder. Und es war so schön für sie. Ich habe sie auch nicht merken lassen, was mir wirklich durch den Kopf ging. Es hätte nichts besser gemacht für die Menschen in der Ukraine.

Versteht mich bitte nicht falsch: Das, was da passiert, ist mit das Schrecklichste, was ich mir vorstellen kann: So nah sterben Menschen. Verlieren Ihr Hab und Gut. Müssen Ihre Heimat verlassen. Kinder werden elternlos, Familien auseinandergerissen. Orte, die ich selbst schon besucht habe, wunderschöne Städte liegen nun in Schutt und Asche.

Und Trotzdem. Trotzdem leben wir. Ich lebe für das Leben meiner Kinder. Für ihre Zukunft. Und ich lebe gleichzeitig auch und tue, was ich kann, um den Menschen in der Ukraine zu helfen. Mit meiner ganzen Kraft: Ich bete, feiere Gottesdienste, um die Angst der Menschen hier ein bisschen aufzufangen; ich schreibe und versuche, auf das Unrecht aufmerksam zu machen; ich spende und verlinke Hilfsprojekte und bitte andere, ebenfalls zu helfen.

Trotzdem! Das ist mein Lebensgefühl. Das habe ich aber nur, weil ich persönlich darauf vertraue, dass Gott mehr kann, als ich sehe – so, wie Gott sagt: „Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht Gott.“ (Jes 55,8) 1

Ich weiß: Das klingt in unseren Menschenohren so falsch. Und viele haben deshalb auch den Glauben verloren. Weil so viel Schlimmes passiert. Weil Gott nach ihren Maßstäben nicht eingreift. Ich versteh das. Wirklich!

Ich für mich hab da mal was begriffen: Das ist unsere Welt. Gott hat Leben entstehen lassen in dieser Welt. Schon sehr lange. Hat uns so diese Welt zum Geschenk gemacht. Und wir sind nun frei, damit umzugehen, wie wir es für richtig erachten - nur leider sind unsere Entscheidungen oft nicht gut. Weil sie aus machtgierigen, egoistischen oder anderen lebensfernen Motivationen heraus getroffen werden. Im Großen, wie auch im Kleinen. Und das muss diese Welt dann ausbaden.

Aber Gott ist und bleibt ein Gott des Lebens. Darauf vertraue ich. Gott ist ein Gott der Menschen. Er ist ein Gott des „Trotzdem“! Er bleibt trotzdem bei uns – wenn wir das wollen und zulassen. Er ist trotzdem an unserer Seite, auch wenn wir meinen, ihn nicht sehen oder nicht spüren zu können. Also: Auch meine Kinder wissen von dem Krieg. Meine Frau und ich erzählen ihnen davon. Und beantworten Fragen. Sie sollen wissen, was passiert.

Trotzdem spiele ich auch mit meinen Kindern. Und versuche ihnen, so lange es geht, ein schönes Leben zu gestalten. Dass sie genießen können. Und frei sein können. Und Spaß haben können – auch da, wo ich gerade keinen habe. Weil ich verstehe. Und ahne. Und befürchte, was noch alles passiert. Aber dieses Leben hat nur einen Moment im Lauf, den die Welt geht. Und deshalb sollen sie leben dürfen. Und hoffen. Dass da irgendwann noch etwas kommt, was viel größer und schöner ist. Ein anderes Leben. Ein besseres!

Das ist mein Glaube. Vielleicht und hoffentlich habt Ihr etwas Ähnliches, was Euch trägt. Das wünsche ich Euch! Von Herzen. Weil es gerade jetzt für uns alle etwas braucht, was uns einerseits helfen lässt. Was uns andererseits aber auch nicht den Mut verlieren lässt, Leben weiter zu gestalten. Solange es geht!

Deshalb bete ich für die Menschen in der Ukraine und für mich und Euch. Mit allem Trotz, den ich aufbringen kann: „Gott, erbarm dich doch endlich!“ Bleibt gesund und behütet!

Pastor Titus Eichler



Das Wort zum Montag, auch auf PODCASTHEUTE.DE und CELLEHEUTE.TV. 

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