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Kolumne Celle – ein Gedicht, Folge 20: »Die Weiße Frau«

  • Extern
  • vor 11 Minuten
  • 5 Min. Lesezeit
Skyline von Celle

Von Adson Ulkner Schertz


Achtung, Leser, anschnallen! Heute steht rigoroser Enthüllungsjournalismus auf dem Programm! Obwohl: Nein, eigentlich handelt es sich lediglich um einen sehr späten Zeugenbericht. Gleichzeitig wird damit aber die banale Wahrheit hinter einem alten Celler Mythos, hinter einer düsteren Legende enthüllt werden.


Es geht dabei um die Schauergeschichte der Weißen Frau an der Blauen Brücke beziehungsweise an der Landstraße 282, die von Lachtehausen durch das alte Waldgebiet der ›Sprache‹ Richtung Lachendorf führt. Insbesondere in der Nähe der besagten Brücke mit dem blau gestrichenen Geländer, die über das Heideflüsschen Lachte führt, soll seit Ende der 1970er-Jahre von Autofahrern wiederholt eine Geistererscheinung gesichtet worden sein, meist gegen Mitternacht. Jedes Mal habe es sich um eine weibliche Gestalt gehandelt, ganz in Weiß gekleidet, einen Schleier über dem Gesicht tragend. Manchen Varianten der Geschichte zufolge, sei die Weiße Frau böswillig, feindselig und wolle Unfälle provozieren. Andere Versionen beschreiben sie als den Menschen wohlgesinnt, weil sie nämlich vor zu schnellem Fahren bloß warnen und Unfälle so verhindern wolle. Es soll sich entweder um den Geist einer Mutter handeln, die zusammen mit ihrem Kind bei einem Autounfall ums Leben kam (die wohlgesinnte Warnerin), oder um eine Mutter, deren Kind von einem Auto überfahren wurde (die bösartige Rächerin).


Wollte man diese Schauermär zu Versen verfugt in ein Gedicht komprimieren, könnte dies in etwa wie folgt lauten.


Die Weiße Frau


Im Osten Celles liegt ein alter Wald,

›Die Sprache‹ wird der Forst genannt,

und jedem hier ist wohlbekannt:

Dort geht in Nächten eine Geistgestalt.


Wenn dunkelsilbern sich die Lachte windet,

wenn Totenlichter wabernd stehen,

dann muss sie durch Moraste gehen,

als suchte sie, was immerzu entschwindet.


Mitunter irrt sie zu der Straße hin,

sieht Autolicht durch Waldung schneiden.

Ein Schmerz in leeren Eingeweiden

sucht wurmend blind nach Seele, Odem, Sinn.


Du rauscht entlang in deinem PKW:

Du siehst! Die Angst! Der Puls! Du guckst!

Die Sprache raunt, die Lachte gluckst,

die Weiße Frau, sie winkt dir ein Ade.


So weit in Sachen Märchen und Gedichte. Nun zur Enthüllung der Wahrheit: Die Weiße Frau ist keine weiße Frau; die Weiße Frau war Harry Schibulski. Beziehungsweise umgekehrt: Harry Schibulski war die Weiße Frau. Aus Versehen.


Mädchen vor Statue
Weißes Fräulein an blauer Brücke

Das kam nämlich so: Es war ein Freitagabend Ende August 1978. Der Spätsommertag war viel frischer, viel kühler, als wir schwimmbadsehnsüchtigen Kinder es uns gewünscht hätten. Die Tageshöchsttemperatur belief sich auf lediglich knappe 17° C, und von 15:00 bis 24:00 Uhr sollte es stetig noch um fünf Grad kälter werden.


Den wenig sommerlichen Temperaturen zum Trotz hatten sich fünf Freunde am späten Nachmittag zu einer Geburtsfete mit Übernachtung getroffen. Jutta Mattutat war soeben elf Jahre alt geworden und hatte zu sich nach Hause geladen, in die Gartenhütte auf dem Grundstück ihrer Eltern in Lachtehausen, recht nah am Försterbach gelegen und auch nicht weit entfernt vom Lachtehausener Friedhof. Außer dem Geburtstagskind und mir waren mit dabei: Harry Schibulski, Erika Mogdanz und Schorse Bodenstedt – allesamt elf bis zwölf Jahre jung.


Es wird so zwischen neun und zehn Uhr abends gewesen sein, als Schorse Bodenstedt uns Jungs endlich von John Travolta und Olivia Newton-John erlöste. Mehrere dutzend Male hatten Jutta und Erika die eben erschienene Single-Platte des öligen Musical-Hits mit dem Titel »Summer Nights« aufgelegt und hatten auffordernd dazu abgezappelt – »Summer loving had me a blast / Summer loving happened so fast / I met a girl crazy for me / Met a boy cute as can be« –, ohne dass einer von uns Jungs die Fassade seiner Coolness durchbrochen und mitgetanzt hätte. Schorse nun – ganz besonders cool – schaltete den Plattenspieler auf 33 rpm um, legte die 1971er Black-Sabbath-LP »Masters of Reality« auf, die er sich von seinem älteren Bruder »geliehen« hatte, und senkte die Nadel exakt an den Beginn des letzten Stücks auf der A-Seite: »Children of the Grave«: »Revolution in their minds, / The children start to march / Against the world in which they have to live / And all the hate that's in their hearts«. Zackiges Kopfnicken bei uns Jungs, verschränkte Arme und Schmollmünder bei den Mädchen.


»Wer traut sich und macht einen Lakenlauf von Friedhof zu Friedhof?«

Unter diesem musikalischen Eindruck und den sich zart schon anbahnenden ersten Testosteron-Aufwallungen meinte Schorse Bodenstedt plötzlich folgende Frage unvermittelt in den Raum der Gartenhütte blöken zu müssen:

»Wer traut sich und macht einen Lakenlauf von Friedhof zu Friedhof?«

Uns übrigen Vieren standen die Fragezeichen in die Gesichter geschrieben. Also erläuterte der langhaarige, hard-rock-affine Bodenstedt-Bengel genauer:

»Mutprobe! Wer traut sich? Wer macht auf Geist und läuft vom Friedhof hier nebenan übern Acker und durch die Sprache zum Waldfriedhof Lachendorf?«

»Hä? Sachma, spinnst du, Bodenstedt?«, zeterte Jutta. »Das sind doch was weiß ich wie viele Kilometer! Das dauert locker annerthalb Stunden bis man da is'! Und was heißt überhaupt ›auf Geist machen‹? Du gehst auf den Geist – mir nämlich!«

»Das heißt, man darf bloß 'n Bettlaken anziehen, sonst nix! Klar, für Mädchen is' das nix, aber was is' mit euch Jungs? Wer traut sich? Ich hab' das ja schon ma' gemacht!«

Nun verbietet mir die Textsorte der Kolumne weitere romanartig epische Ausführungen und verlangt stattdessen knapp berichtende Raffung. Also:

Harry Schibulski, weil er insgeheim auf Erika Mogdanz stand und sie mit seinem Heldenmut beeindrucken wollte, erklärte sich bereit für den »Lakenlauf« nach Lachendorf. Ein Bettlaken war schnell zur Hand, ein Loch für Kopf und Hals schnell hineingeschnitten. Flugs war man unbemerkt aus der Hütte und vom Grundstück geschlichen, zum Friedhof Lachtehausen hin. Hier wurde verabredet, dass die Mädels, Schorse und ich mit Fahrrädern nach Lachendorf vorausfahren würden, um am dortigen Friedhof auf Harry zu warten. Nach etwas über zwanzig Minuten waren wir da und setzten uns unter den Giebeldachüberstand der Kapelle. Circa eine Stunde lang soffen wir Afri Cola und Bluna, fraßen Kartoffelchips, rieben unsere ausgekühlten Oberschenkel und hörten uns Schorse Bodenstedts stümperhafte Nacherzählung von »Lady Dracula« an. Eine weitere Stunde später fragten wir uns so langsam, wo denn Harry wohl bleibe. Der kam aber nicht. Und warten, warten, und dann kam er doch, noch eine nächste Stunde später – es musste langsam auf halb zwei zugehen, und wir waren eben im Begriff zurückzuradeln. Völlig verheult, verschwitzt und verdreckt kam er plötzlich angejapst der Schibulski-Harry!


Er sei in der Sprache wohl irgendwie vom Weg abgekommen, habe sich verlaufen, sei auf die Lachte gestoßen, sei, dieser folgend, letztlich zur Blauen Brücke gekommen – und dort fast vor ein Auto gerannt (»Ich dachte erst, die würden anhalten und meckern, aber die sind volle Granate weitergedüst!«). Dann sei er zunächst ein Stück an der Landstraße und danach rechts ab am Schietkanal längs gegangen, woraufhin er »hintenrum endlich bald zu diesem scheiß Friedhof hier« gelangt sei. Und hier stand er nun, in seinem trotz der Kühle schweißgetränkten Dreckslaken, die schwarze Mähne in dicken Strähnen am Kopf klebend.


»Schibulski, du siehst aus wie eine bekloppte Frau, die ausm Irrenhaus geflohen ist«, konstatierte johlend Schorse Bodenstedt – und spürte prompt eine saftige Backpfeife an seine linke Gesichtshälfte schmettern, dass Jochbein, Wange und Unterkieferknochen nur so brannten und pochten. Für einen zwölfjährigen Jungen hatte der Harry schon eine ziemliche Pranke!


Tja. Harry Schibulski, 1978, »Child of the Grave«: Dass er fortan in den Köpfen der hiesigen Menschen als Weiße Frau reüssieren und scheinbar wieder und wieder gesichtet werden würde, das hätte natürlich niemand von uns sich vorstellen können, damals auf dem Lachendorfer Friedhof. Aber Angst und Wahn sind eben mitunter groß in den Menschen und mächtig. Und so war's also die Geburtsstunde einer düsteren Celler-Land-Legende!


Statue

An dieser Stelle erscheint vierzehntäglich, jeden zweiten Freitag, die Kolumne »Celle – ein Gedicht« von Adson Ulkner Schertz. Wir gehen davon aus, dass es sich bei dem Namen um ein – nun ja: ulkiges Pseudonym handelt. Die Kolumnentexte landen in analoger Form auf Papier bei uns im Redaktionsbriefkasten. Wir sind bemüht, jeden Text mit einem passenden Foto zu illustrieren. Der ersten Kolumne war als »Autorenfoto« dieses Bild beigefügt.

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