"Da wo Liebe ist, ist Gott" - Das Wort zum Montag, Folge 92


CELLE. Es ist bald Weihnachten und heute möchte ich Ihnen und Euch eine Weihnachtsgeschichte erzählen, die ich bei dem russischen Schriftsteller Leo Tolstoi gefunden habe (Leo Tolstoi, Wo Liebe ist, da ist Gott, 1885). Es ist die Geschichte von Martin dem Schuster.

Es war einmal ein armer Schuster, der hieß Martin. Die Leute kamen gern zu Martin, denn er machte seine Arbeit gut und verlangte nicht zu viel Geld dafür. An einem kalten Winterabend hörte Martin der Schuster Gottes Stimme. Er hörte, wie Gott zu ihm sagte: »Martin, pass auf, morgen komm ich dich besuchen!« Das war sehr aufregend und Martin konnte die ganze Nacht kaum schlafen. Wie würde das wohl werden mit diesem hohen Besuch.

Am nächsten Morgen sah er durch das Fenster und wartete auf Gott. Aber der kam nicht. Stattdessen sah er ein paar alte geflickte Stiefel. Er wohnte nämlich im Keller – und aus dem Kellerfenster konnte er meistens nur die Füße und Schuhe der Leute sehen. Aber das reichte ihm, um zu erkennen, wer da vorbeikam, denn die meisten Schuhe hatte er schon einmal in seiner Werkstatt.

Jedenfalls diese alten Stiefel, die gehörten zu dem alten Stefan. Der schaufelte gerade den Schnee von der Straße. Das war gewiss eine harte Arbeit für einen alten Mann. Martin hatte Mitleid mit ihm, klopfte darum ans Fenster und rief ihn zu sich herein. »Komm, wärm dich ein bisschen in meiner guten Stube!« Das nahm der alte Stefan gerne an. Er bekam eine Tasse Tee und ruhte sich aus.

Als er wieder gegangen war, schaute Martin bei der Arbeit wieder aus seinem Kellerfenster hinaus auf die Straße und sah eine junge Mutter mit einem kleinen Kind auf den Armen. Sie hatte nur ein dünnes Kleid an und fror fürchterlich. »Komm herein, Frau!« rief Martin ihr zu. »Hier drinnen kannst du dein Kind besser frisch machen!« Martin nahm die Suppe vom Herd, die er für sich selber gekocht hatte, und füllte einen Teller für sie. Während sie die Suppe aß, versuchte Martin das Kind durch allerlei Späße zum Lachen zu bringen.

Kaum war die Mutter mit dem Kind gegangen, da hörte Martin ein Geschrei vor seinem Fenster. Eine Marktfrau schlug auf einen kleinen Jungen ein, der einen Apfel aus ihrem Korb genommen hatte. »Warte, du Dieb! Ich bring dich zur Polizei!«, schrie sie wütend und zerrte den Jungen an den Haaren. Sofort rannte Martin auf die Straße hinaus. »Lass ihn laufen!« sagte er zu der Frau. »Er wird es bestimmt nicht wieder tun. Den Apfel will ich dir bezahlen!« Da beruhigte sich die Frau und der Junge musste sich bei ihr entschuldigen. »Schon gut!« sagte die Marktfrau und ging weiter. Der Junge aber half ihr freiwillig, den schweren Apfelkorb zu tragen.

Als es Abend wurde, fiel es Martin ein, dass er eigentlich heute hätte Gott zu Besuch bekommen sollen. Aber nun war es dunkel geworden und Gott würde bestimmt nicht mehr kommen. Da hörte er wieder diese Stimme. Und Gott sagte zu ihm: »Es war schön bei dir heute, Martin. Gleich dreimal habe ich dich besucht. Danke!«

Martin war ganz verdutzt und sagte: »Aber es sind doch nur der alte Stefan, das frierende Mütterchen mit Kind und das Spektakel mit dem Jungen bei mir gewesen!« »Eben«, sagte Gott! »Wo die Liebe ist, da bin auch ich!«. Martin erkannte, dass die Stimme ihn nicht betrogen hatte, dass Gott selbst zu ihm gekommen war.


An Weihnachten werden wir gefragt, ob wir ein Zimmer frei haben für den Gott, der gerne bei uns einziehen möchte. Er schickt das Kind von Bethlehem schon einmal vor und lässt leise anfragen, ob es noch Platz für ihn gibt. Es hat geklopft. Hast Du es gehört?

Frohe Weihnachten! Pastor Dr. Loïc Berge




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