CHTV: "Haltestellen" - Das Wort zum Montag, Folge 93


Pastor Titus Eichler
Foto: CHTV

CELLE. Im neuen Jahr ergänzt Titus Eichler das Wort zum Montag - Team. Eichler ist Pastor der evangelischen St.-Cyriacus-Gemeinde in Groß Hehlen und hat sich die Jahreslosung 2022 vorgenommen, Johannes 6,37: "Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen."


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So am Ende des Jahres bzw. am Beginn eines neuen mache ich mir Gedanken über Haltestellen. Ich möchte Euch auch gern sagen, warum.

Ich hab da zwei Männer vor Augen. Und die sitzen seit Wochen an der Bushaltestelle. Stundenlang. Mit ihren Plastikbeuteln neben sich. Die Busse halten an und fahren weiter. Sie aber sitzen einfach da und reden und schauen den Leuten beim Ein- und Aussteigen zu. Und dann gönnen sie sich hin und wieder einen Schluck aus der Flasche. Für die Wärme im Winter. Ich kenne natürlich den Hintergrund der beiden. Und ich möchte dieses Leben auf keinen Fall für mich haben. Andererseits ist da ein Gefühl, dass mich beschleicht: So eine Haltestelle hätte ich auch gern in meinem Leben. An der ich nur sitzen darf. Nicht einsteigen muss. Nirgendwo hinfahren muss. Einfach nur das Leben beobachten kann: Anhalten. Innehalten. Ausschau halten. Besonders zum Jahresende, wo wie vielen von uns die Puste ausgeht. Da denke ich an solche wunderbaren Haltestellen. Aber dann lese ich etwas, was meine romantische Haltestellen-Praxis ad absurdum führt: „85- jähriger ruht sich an Bushaltestelle aus – jetzt muss er 35 Euro Strafe bezahlen.“ Ist wirklich passiert. In Düsseldorf. Ist schon etwas her. 8 Minuten nur wollte er an der Bushaltestelle am Hauptbahnhof verweilen. Nun, nach einigen Protesten musste der Mann keine Strafe bezahlen. Doch die Stadt wäre im Recht gewesen. Denn die Zweckbestimmung der Haltestelle ist gesetzlich festgehalten: Sie ist nur zum Warten auf den Bus da. Zum Ein- und Aussteigen und weitergehen. Immer weiter. Und ich denke so bei mir: Es gibt so vieles, was mir meine Haltepunkte im Leben nimmt oder nehmen will. Sachen, Zweckbestimmungen für's Leben – wie man sie mir mal eingebläut hat – ja, von denen will ich gern hier und da eben mal eine Auszeit haben: Berufsalltag. Hasskommentare im Internet. Sorgen um Familie und Freunde und Gesundheit. Klimawandel und vom politischer Verdruss. Rechnungen und Baustellen. Und alles mit Corona. Ein- und Aussteigen auf der Fahrt durch mein Leben. Immer hetzen von einem zum nächsten. Das sind die Gesetze – die Zwecke – die das Leben und die Welt gemacht haben. Wo ist meine Haltestelle? Jesus Christus spricht: „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.“ (Joh 6,37) Das sagt die Jahreslosung für das neue Jahr. 2022. Da ist meine Haltestelle. Bei Gott. Bei seinem Sohn. Im Advent war er auf dem Weg. An Weihnachten ist er angekommen. Jedes Jahr wieder neu kann ich daran denken. Und kann das glauben. „Fürchte dich nicht!“ sagt der Engel dazu. „Fürchte dich nicht, hier ist deine Haltestelle“. Ja, denke ich. So ist es. Ich kann anhalten. Und innehalten. Und Ausschau halten. Überall finde ich einen Haltepunkt, wenn ich mich auf Gott verlasse. Dann reicht es, mir immer wieder ein paar Haltestellen zu malen. Wenn ich sie brauche. Bei aller Zweckbestimmung in meinem Leben. Es reicht, die Augen offen zu halten und mich überraschen zu lassen. Es reicht, mitten im Alltag für Gottes Haltestellen bereit zu sein. Ich weiß, manche werden meine Gedanken eher belächeln. Glaube ist ja auch schwer. Glaube braucht Mut. Und Übung. Ich weiß das! Ich weiß das jeden Tag wieder neu. Aber für diejenigen, die das schaffen – die also den Mut haben, mal über den eigenen Lebens- und Denkhorizont hinaus zu sehen – also auch aus den eigenen Zwecken im Leben einmal auszubrechen – für diejenigen eröffnet sich eine wunderbare Welt. Eine Welt, in der alle dunklen Stunden viel leichter zu ertragen sind. Deshalb wünsche ich Euch im kommenden Jahr ganz viele Haltestellen – und noch mehr offene Sinne für diese Haltestellen, die Ihr braucht. Um Ruhe zu finden. Um Euch auf das zu besinnen, was Euch Kraft gibt und Wärme schenkt und Liebe. Alles, was es zum Leben braucht. In diesem Sinne: Mögt Ihr in und durch Eure Haltestellen behütet bleiben. Ein ganz wunderbares und gesundes – und vor allem gesegnetes neues Jahr wünsche ich Ihnen und Euch!



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