Zensiert? Geschichtswerkstatt Faßberg aus dem Gemeindeblatt verbannt


Mitglieder der Geschichtswerkstatt Faßberg an der im November eingeweihten Infotafel neben der Michaelkirche.
Mitglieder der Geschichtswerkstatt Faßberg an der im November eingeweihten Infotafel neben der Michaelkirche.



FASSBERG. „Rechtsextreme Kameradschaften, bei der Bundeswehr und der Polizei, die immer klammheimliche Sympathien für alles haben, was sich gegen Ausländer richtet, gab und gibt es in Niedersachsen und in der Südheide.“ Dieser Satz stand am 22. November 2021 im Mitteilungsblatt „Der Knüppel“, das monatlich alle Haushalte im Faßberger Gemeindegebiet erreicht. Geschrieben hatte ihn Hans-Dietrich Springhorn von der Geschichtswerkstatt Faßberg. Diese hat sich nach dem Faßberger „Glockenstreit“ (der Debatte um die Hakenkreuzglocke) gebildet und sich zum Ziel gesetzt, die Geschichte der Gemeinde aufzuarbeiten.


Dabei geht es auch um besondere Jahrestage wie den 9. November, das Datum der „Reichskristallnacht“ als Höhepunkt der Novemberpogrome 1938. Springhorn schlug in seinem Bericht den Bogen vom damaligen Nationalsozialismus in die Gegenwart und benannte hier die Morde des NSU und „Verbindungen bis in die Südheide“. „Nachweislich waren Personen unter anderem auch in Eschede auf dem Nahtzhof. Rechte Waffendepots wurden aufgefunden und Kontakte gab es in den Lüneburger Raum.“ Dann folgt der oben zitierte Satz über die „rechtsextremen Kameradschaften“.


Diese Darstellung in einem Gemeindeblatt missfiel offenbar einigen Bürgern, die darin Bundeswehr und Polizei pauschal „in die rechte Ecke“ gerückt sahen. Sie wandten sich an Bürgermeisterin Kerstin Speder. Die zog Konsequenzen. „Ab diesem Zeitpunkt und an den Verlagsrichtlinien orientiert haben wir sämtliche Artikel, die uns zur Veröffentlichung zugesandt wurden, kritischer begutachtet, da es sich um ein gemeindliches Mitteilungsblatt und eben nicht um die ‚freie Presse‘ handelt“, teilt Speder auf Anfrage von CELLEHEUTE mit. In den folgenden Ausgaben des „Knüppel“ wurden mehrere Absätze in Berichten der Geschichtswerkstatt gestrichen, ein Artikel überhaupt nicht veröffentlicht. Die Bürgermeisterin beruft sich auf die „Richtlinien für redaktionelle Veröffentlichungen“ des Verlages und zitiert: „Ein gemeindliches Mitteilungsblatt dient in erster Linie der Vermittlung amtlicher Bekanntmachungen. Darüber hinaus werden Veröffentlichungen von Kirchengemeinden, Vereinen und Verbänden usw. ...abgedruckt. Es besteht keine Pflicht zum Abdruck eingereichter Artikel. Die Berichte sind sachlich und informativ zu halten. Der Verlag behält sich vor, Berichte wegen ihres Inhalts, Stils oder ihrer Schreibart nur auszugsweise abzudrucken oder nicht zu veröffentlichen – stets ohne Benachrichtigung des Einsenders. Redaktionelle Artikel von Bürgerinitiativen jeglicher Art bleiben unberücksichtigt.“


Für die Geschichtswerkstatt ist das Vorgehen unverständlich. Sie fühlt sich zensiert. „Neutral, (partei)politisch unabhängig, sachlich, informativ – das sind alles Adjektive, die nach allen Seiten und je nach Bedarf ausleg- und anwendbar sind. Schlagartig erfüllte kein Artikel mehr diese Anforderung, obwohl die Berichterstattung nicht verändert wurde“, kritisiert Hans-Dietrich Springhorn. „Die Bürgermeisterin hat gemeinsam mit dem Linus-Wittich Verlag nach formellen und anwendbaren Gründen gesucht um eingreifen zu können.“


„…. und plädierte, anlässlich der Explosion auf dem Rheinmetallgelände am 10. November, für eine Rüstungskonversion vor unserer Haustür und für eine andere deutsche Rüstungspolitik“, lautete ein Nebensatz in einem Bericht von einer Gedenkveranstaltung auf dem „Alten Friedhof“ in Müden, der in der folgenden Ausgabe 22/2021 gestrichen wurde.


Anlässlich der Einweihung einer Infotafel zur „Hakenkreuzglocke“ vor der Michaelkirche Ende November hielt unter anderem Angelika Cremer als Mitglied der Geschichtswerkstatt eine Ansprache. Sie plädierte dafür, den auf dem Areal der „Erinnerungsstätte Luftbrücke“ schon seit Längerem geplanten Neubau zu einem Haus für die ganze Geschichte der Gemeinde zu machen (CELLEHEUTE berichtete). „Ein kostenträchtiges Gebäude – allein für eineinhalb Jahre Luftbrücke - zu errichten, ist ein falsches Signal“, so Cremer. Ihr Statement findet sich im Knüppel nicht wieder.


Springhorn fasst zusammen: „Unsere neue Bürgermeisterin Kerstin Speder scheint an unserer Geschichtsaufarbeitung offensichtlich kein Interesse zu haben, das bedauern wir sehr“. Das jedoch weist die Verwaltungschefin entschieden zurück. „Ausdrücklich möchte ich betonen, dass ich nicht grundsätzlich die Arbeit in Frage stelle, sondern die Art der Berichterstattung in einem amtlichen Mitteilungsblatt“, betont Speder.


Anhang: Die "Sätze des Anstoßes" (in rot die gestrichenen Passagen)

Knüppel 22-2021-2 Volkstrauertag in Müden+Zensur
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Knüppel 23-2021-1 nach dem 27. Nov.+Zensur
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Knüppel 1-2022-Rückblick auf 27. Nov.+Zensur
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