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Unabdingbar für den Genuss von Weltliteratur – Übersetzer-Treffen in Celle


Auftakt im Rittersaal des Schlosses, Claudia Ott begleitet musikalisch Fotos: Peter Müller

CELLE. Ja, es war der letzte Celler Herzog Georg Wilhelm mit seiner Frau Eléonore, der seiner kleinen Residenz einen Schuss Weltläufigkeit und Esprit, und damit auch Mehrsprachigkeit, verpasste, indem das Paar Italiener und Franzosen nach Celle holte. Insofern besteht ein Bezug zwischen seinem Zuhause, dem Schloss, und dem Ort für die gestrige Auftaktveranstaltung zum groß angelegten, dreitägigen Treffen „Über-setzen - Fährleute im Sprachfluss“ im Rittersaal des Schlosses.

Ob dieses Motiv ausschlaggebend war für die ausrichtende #RWLE #Möller #Stiftung, die feudalen Räumlichkeiten zu wählen, oder Initiator Oskar Ansull die Umgebung einfach als passend empfand für die hochkarätigen Gäste, die er geladen hatte, kann der in Berlin lebende Celler Schriftsteller nur selbst beantworten. Er dankte als Gastgeber jedenfalls den Stadtoberen für die Überlassung, konnte deren höchste Vertretung für den Bereich Kultur, Susanne McDowell, jedoch nicht begrüßen, auch ein anderes Mitglied ihres Dezernates hatte sie nicht geschickt.


POINTIERT, INHALTSREICH, UNTERHALTSAM

Einen angesichts des speziellen Themas überraschend großen Kreis an Interessierten hätte die Repräsentantin des Neuen Rathauses begrüßen können in unterkühlter räumlicher Atmosphäre, die das Spiel von Claudia #Ott auf einer orientalischen Flöte nicht seine volle Wirkung entfalten ließ. Ein wenig mehr Flair aus „Tausendundeiner Nacht“, deren Geschichten die in Beedenbostel lebende Übersetzerin Ott ins Deutsche überträgt, hätten der musikalischen Unterlegung gutgetan. Und so war die Last für den Star des Abends umso größer: Sprache und immer wieder Sprache stand im Mittelpunkt der Zusammenkunft, die Oskar #Ansull betitelt hatte mit „Von Oedipus bis Zettel’s Traum“. Und hier fehlte es, wie immer, wenn der einstige Westerceller auftritt, an nichts. Steht ihm dann auch noch ein Kollege wie Friedhelm #Rathjen als zweiter Redner zur Seite, dann ist nicht nur für inhaltlichen Reichtum, sondern auch für Unterhaltung gesorgt. Der Autor und Übersetzer Rathjen ist rhetorisch ebenso versiert wie Ansull, pointiert, inhaltsreich und humorvoll referierte er über „Arno Schmidt als Übersetz(t)ter“. Eine Facette des Literaten, die stets den Kürzeren zieht gegenüber seiner schriftstellernden Tätigkeit, und damit ein wenig das Dilemma des #Übersetzerberufes verdeutlicht. Die Sprachgewandten, ohne deren Arbeit wir die Weltliteratur nicht genießen könnten, stehen im Schatten der Verfasser des Originals. „Die Fährleute zwischen den Sprachen wurden zumeist vergessen, ihre Namen und Biographien unterschlagen und Hinweise auf sie fehlen oft völlig, bis heute sind bio-bibliographische Angaben zu Übersetzerinnen und Übersetzern die Ausnahme“, schreibt Oskar Ansull im „celler heft“ zum Thema.


DREIHUNDERTJÄHRIGE TRADITION

Langsam bahne sich eine veränderte Wahrnehmung an, die die Übertragung von Literatur in andere Sprachen angemessen würdigt, heißt es in der Auftaktveranstaltung, für die und ihre beiden Anschlussevents Celle als Austragungsort gut gewählt ist, denn in der Stadt und im Umland haben sich zahlreiche Angehörige der Übersetzerzunft niedergelassen. Dieses hat mit Arno Schmidt zu tun, der sich das kleine Dorf Bargfeld zum Hauptsitz für sein literarisches Schaffen erkor. Wovon er wahrscheinlich gar nichts wusste – denn Oskar Ansulls Buch „Heimat, schöne Fremde“ über die Spuren der hiesigen Literatur gab es ja bei seiner Ankunft 1958 noch nicht -, war die dreihundertjährige Tradition von Sprachmittlern in der Residenzstadt.


Diese ist zum großen Teil dem „ausschweifenden Leben“ des eingangs erwähnten Celler Herzogs, der Venedig seiner Heimat vorzog und nur deshalb zurückkam, weil er sich Italien nicht mehr leisten konnte, und der Lateinschule in der Kalandgasse zu verdanken. Im Gefolge hatte Georg Wilhelm u.a. Francesco Maria Capellini, genannt Stechinelli, der italienischen Lebensstil verbreitete. Herzogin Eléonore d’Olbreuse wiederum stammte aus Frankreich und war Hugenottin, was französische Glaubensflüchtlinge an den Celler Hof brachte. „Nachweisbar zog Ende des 15. Jahrhunderts auch geistiges Leben in die kleine Stadt“, erzählt Ansull. Von der „feinen Lebensart dieser Fürsten und die große Zahl von Ausländern, die sie im Dienst haben“ berichtet im Jahr 1685 ein Marquis als Gesandter des französischen Königs Ludwig. Fischer, Handwerker, Bauern und Händler sprachen ausschließlich Plattdeutsch, doch darunter mischten sich zunehmend fremde Sprachen – Italienisch, Französisch, Englisch, Dänisch und Holländisch.


Auch nachdem der letzte Celler Herzog stirbt und die Stadt ihren Status als Residenz verliert, entwickeln sich Bildung und Wissenschaft weiter, sie spielen im 18. Jahrhundert sogar für den Ort eine herausragende Rolle. Großen Anteil daran hat die um 1320 gegründete Lateinschule, die weit über die Stadtgrenzen hinaus hoch angesehen war. Ein Lehrer stach hervor durch umfassende Begabung, Aufgeschlossenheit, Kreativität und besonderes pädagogisches Gespür: Johann Heinrich Steffens (1711-1784) begeisterte seine Schüler für Literatur und Theater, lehrte und übersetzte, u.a. Sophokles Oedipus. Andernorts wird er geehrt, in Celle, wo er fast ein halbes Jahrhundert lebte, erinnert kein Denkmal an ihn. „Steffens war in seiner Zeit eine Zentralfigur für das kulturelle Leben der Stadt“, sein Wirken trug bei zum vorherrschenden geistigen Klima, das kreative Menschen anzog. Es gab eine Bibliothek, eine Buchhandlung mit angeschlossenem Verlag, ein englisches Coffeehaus in der Mauern- sowie ein französisches Café in der Zöllnerstraße.


Dieses Flair der Stadt überdauert nicht, düstere, engstirnige Zeiten folgen, die displaced persons sowie einige andere Literatur-Begeisterte, die die Nachkriegszeit in Celle Station machen lässt, weiten den Blick wieder. Arno Schmidt kommt und bleibt. Insgesamt sind es 30 Sprachmittler über drei Jahrhunderte, auf die Celle und sein Umland verweisen kann. Ein Stück spezielle Kulturgeschichte und ihre Gegenwart, die „Über-setzen – Fährleute im Sprachfluss“ in den Fokus nimmt.


Wieder im Schloss, aber dieses Mal im Theater, begrüßen am Sonntag Intendant Andreas Döring und Oskar Ansull vier „Celler“ Fährleute zu einer Matinée mit #Lesungen und Gesprächen, Beginn 11 Uhr, der Eintritt ist frei.



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