„Suchtprobleme gehören für viele zum Alltag“ - Interview mit Klaus Törkel


Klaus Törkel
Klaus Törkel; Foto: Alex Raack

CELLE. Der Harburger Berg ist in Celle eine Institution. Seit über 30 Jahren finden hier drogenabhängige Menschen eine Anlaufstelle und konkrete Hilfe. Suchtmedizinische Behandlung mit psychosozialer Begleitung – so lautet die kurze Bezeichnung für das breite Aufgabenfeld der vor Ort tätigen MitarbeiterInnen. Die Behandlung substituierter Drogenabhängiger ist für den Sozialarbeiter Klaus Törkel (Jahrgang 1959) zu einer Lebensaufgabe geworden. Er ist von Beginn an mit dabei. Im Rahmen der Andachtsreihe „Wunde Punkte“ in der Karwoche ist auch der Harburger Berg Gastgeber für eine Andacht (Mittwoch, 13. April 2022, 18 Uhr). Ein guter Anlass, um mit Klaus Törkel über seine Arbeit zu sprechen, die täglichen Herausforderungen am Harburger Berg, Drogenkonsum hinter der bürgerlichen Fassade und die Definition von Erfolg in der sozialen Arbeit.


Klaus Törkel, wie landet man in der Drogenberatung?

Klaus Törkel: Ich stamme aus Dinslaken in Nordrhein-Westfalen, ein guter Freund von mir wurde drogenabhängig und ich suchte nach Möglichkeiten, ihm zu helfen. Im nahen Wesel gab es damals eine Suchtberatungsstelle, in der Suchtkranke betreut wurden. In der dortigen Teestube habe ich ehrenamtlich mitgearbeitet. Die sozialarbeiterischen Möglichkeiten vor Ort fand ich so interessant, dass ich mich selbst dort über mehrere Jahre engagierte.

Konnten Sie Ihrem Freund helfen?

Er hat jahrelang wieder suchtfrei gelebt, ist aber in den späten achtziger Jahren an Aids gestorben.

Welche Fähigkeiten braucht es, um in der Drogenberatung tätig zu sein?

Zunächst mal generell einen guten Zugang zu den Menschen und gleichzeitig einen gesunden Abstand zu den Suchtmitteln. Vorurteilsfreies Denken und Handeln gehört ebenso dazu wie ein hohes Maß an Leidensfähigkeit. Wenn Menschen abhängig werden, ist die Sucht ein lebenslanger Prozess. Man begleitet die Klienten zum Teil viele Jahre lang. Da macht man die unterschiedlichsten Phasen mit: schnelle Lebensrettung, depressive Durststrecken, Rückfälle und immer wieder ganz individuelle Erlebnisse, die die Menschen von ihrem Weg abbringen. Damit muss man klarkommen.

Wie hat es Sie damals nach Celle verschlagen?

Nach meinem Sozialarbeit-Studium bewarb ich mich landesweit für das erforderliche Anerkennungsjahr, die einzige Zusage erhielt ich von der Psychosozialen Beratungsstelle in Celle. Um den Job direkt antreten zu können, verbrachte ich den Winter 1983/84 in einem Wohnwagen am Silbersee – so kurzfristig hatte ich keine Wohnung gefunden.

Was unterschied die Arbeit in Celle von der Arbeit im Ruhrgebiet?

Die Situation war komplett anders. In Celle fand sehr viel hinter der Fassade statt – auch der Drogenkonsum. Alles war auf eine seltsame Art und Weise versteckter und verdeckter. Nach meinem Anerkennungsjahr initiierte die Bundesregierung damals ein neues Bundesmodell: „Aufsuchende Sozialarbeit für betäubungsmittelabhängige Straftäter“. Haftinsassen konnten unter bestimmten Bedingungen einen Antrag stellen, um außerhalb der Gefängnismauern eine Suchttherapie anzufangen. Mit dem Modell arbeitete ich dann in der JVA Trift und Salinenmoor. Wenn man die Chance hat, sich aktiv um seine Abhängigkeit zu kümmern, dann ist eine Therapie deutlich erfolgversprechender als das Leben im Gefängnis. Das Projekt lief zwei Jahre, anschließend gab es erstmal keine direkte Anschlussfinanzierung.

Wie ging es für Sie weiter?

Ich wechselt in ein anderes Bundesmodell: Streetwork im Bereich männlicher und weiblicher Prostitution in Hannover. Im Keller der Hautklinik von Linden bauten wir die Aids-Beratungsstelle auf und machten nachts Streetwork im Steintor und in der Sub. Die Aufgaben waren: Spritzentausch, Verteilung von Kondomen, das Angebot von Ausstiegshilfen. Zwei Jahre später ging ich zurück nach Celle. Offiziell als Streetworker, aber in Celle gab es keine Szene auf der Straße. Stattdessen kümmerte ich mich vorrangig um junge drogenabhängige Wohnungslose. Damals, Ende der Achtziger, waren auch in Celle viele junge Menschen auf Heroin.

Was gab den Startschuss für das Projekt am Harburger Berg?

Eine medial geführte Auseinandersetzung mit den Jusos. Die hatten sich in der Celleschen Zeitung für eine zweite Streetworkerstelle stark gemacht – ohne Rücksprache mit der Beratungsstelle. Ich antwortete ebenfalls via CZ, dass wir in Celle gar keine zweite Stelle benötigen. Das war der Türöffner für verschiedene Ausschüsse und Gespräche mit politischen Parteien. Alle fragten sich: Warum lehnt ein Sozialarbeiter diese zusätzliche Unterstützung ab?

Und warum lehnte er ab?

Weil wir viel dringender ein Haus ohne Cleananspruch benötigten, um unsere Klienten von der Straße zu bekommen. Es war die ehemalige Celler Sozialdezernentin Sigrid Maier Knapp-Herbst, die schließlich das Haus in der Harburger Straße 20 gefunden hat. Der Kirchenkreis mietete das Gebäude und nicht mal sieben Monate nach dem besagten Artikel zog der erste Bewohner ein. Übrigens hat dieses Haus eine besondere kirchliche Vorgeschichte: Früher, als die Bonifatiuskirche noch vor der Allerbrücke stand, war der „Harburger Berg“ das dazugehörige Pfarrhaus.

Wie war das Haus damals aufgeteilt?

In der ersten Etage gab es fünf Doppelzimmer für insgesamt zehn Bewohner*innen, dazu eine Küche. Unten war das Wohnzimmer mit Billardtisch, ein Gemeinschaftszimmer und noch eine Küche. Wichtig war die Nachtbereitschaft, weil es immer wieder zu Überdosierungen und Krankenwageneinsätzen kam. All das war der richtige Rahmen, um für die Bewohner*innen Ansätze zu finden, damit sie den Harburger Berg wieder verlassen konnten: Therapieplätze, neue Wohnungen, und so weiter.

Seit Jahrzehnten ist der Harburger Berg auch dafür bekannt, Drogensubstitution* anzubieten. Wie hat sich das entwickelt?

Ende der siebziger Jahre gab es in Hannover das erste Programm dieser Art, allerdings wurde das nur ein paar Jahre später eingestellt. Viele Jahre später stellte man dann bei Untersuchungen fest, dass mehr Menschen als gedacht durch die Substitution clean geworden waren und ihr Leben in den Griff bekommen hatten. 1993 wurde das Programm schließlich vom Gesetzgeber wieder angeboten. Das Medikament hat den Vorteil, dass es zwar die gleichen Rezeptoren besetzt, aber nicht breit macht. Man hat keinen körperlichen Entzug. Wer als Heroinpatient substituiert wird und keinen Nebenkonsum hat, kann ein normales Leben führen. Die ganzen illegalen Beschaffungen fallen weg, die Patienten müssen nicht mehr das Geld für den Stoff besorgen, das bietet ihnen die Möglichkeit, aus dem Hamsterrad der Sucht auszusteigen. Plötzlich wird man klar im Kopf und kann Strategien entwickeln, zu einem möglichst drogenfreien Leben zu kommen.

Wie oft gelingt das?

In den vergangenen 30 Jahren haben sich drei Gruppen herausgebildet, die tatsächlich je ein Drittel der Patienten ausmachen. Die erste Gruppe lässt sich beikonsumfrei auf die Medikamente ein und versucht, über kurz oder lang mit Hilfe von psychosozialer Begleitung, die Dosis langsam zu reduzieren, um den Ausstieg zu schaffen. Die aus der zweiten Gruppe würden gerne in die erste Gruppe kommen, haben aber immer mal wieder einen Rückfall. Mit ihnen arbeiten wir daran, die Gründe dafür herauszuarbeiten und was sie in Zukunft verbessern können. In die dritte Gruppe kommt erstmal jeder, der hier anfängt. Da geht es darum, sich auf das Medikament einzulassen. Die Substitution muss vom Kopf her wachsen.

Welchen Weg haben die Menschen hinter sich, die zu ihnen kommen?

Fast alle kommen als Multiuser zu uns, konsumieren also neben Heroin auch andere Drogen. Leider ist gegen alles andere kein Kraut gewachsen, die einzige Abhängigkeit, die man mit Medikamenten substituieren kann, ist die Heroinsucht. Und das verschafft unseren Klienten zumindest etwas Ruhe im Vergleich zum ruhelosen Suchtalltag.

Wie bekämpft man erfolgreich die Sucht?

Das hängt davon ab, wie man Erfolg definiert. Wenn einer seit 30 Jahren konsumiert, ihm die Substitution aber dabei hilft, seinem Job nachzugehen und ein normales Leben zu führen, ist das für mich auch ein Erfolg. Suchtprobleme gehören für viele zum Alltag. Jedes menschliche Verhalten kann suchtartig verlaufen: Glücksspiel, Sex, Computerspiele, Drogen – alles, was man einsetzt, um dem Alltag zu entfliehen. Die Menschen die zu uns kommen, haben in der Regel natürlich schon eine lange Suchtkarriere hinter sich und dementsprechend viel erlebt: Entgiftung im Krankenhaus, Haftaufenthalte, private Probleme oder ähnliches.

Gegen welche Vorurteile mussten Sie sich mit dem Harburger Berg in den vergangenen Jahrzehnten erwehren?

Der Standort des Hauses ist speziell: der Kindergarten ist gegenüber, die Grundschule ganz in der Nähe. Als vor Jahren mal eine Spritze auf dem Grundstück der Schule gefunden wurde, waren alle sehr besorgt. Ich war bei vielen Elternabenden zu Gast, um die Eltern zu beruhigen und als der Friedhofsgärtner sich weigerte, die Mülltonnen rund um das Haus zu leeren, waren wir selbst unterwegs, um die Gegend zu säubern. Mir ist dieser Standort sehr ans Herz gewachsen, weil wir sehr viel Arbeit und Energie in die Akzeptanz gesteckt haben, die wir jetzt erfahren. Ich finde es gut, dass wir mitten im städtischen Leben untergebracht sind. Eins ist aber auch klar: Egal, wo so ein Haus existiert, wird es hin und wieder mal Probleme geben. Und es funktioniert auch nur deshalb so gut, weil hier Mediziner und Sozialarbeiter in so engem Austausch stehen. Sämtliche Ärzte, die hier in den vergangenen Jahren gearbeitet haben, haben mir gesagt: „Die Arbeit ist gut und sie ist wichtig – aber ich würde sie nicht in meiner Praxis machen.“ Und ich kann sie verstehen, Praxisärzte müssen auch unternehmerisch denken.

Am 13. April ist der Harburger Berg Station bei den diesjährigen Passionsandachten im Rahmen der „Wunde Punkte“-Reihe. Die Idee hinter dem Projekt ist, Menschen an besonderen Orten zusammen zu bringen und für die jeweiligen Tätigkeiten zu sensibilisieren. Was erhoffen Sie sich vom 13. April?

Für uns ist es eine gute Möglichkeit, dieses Haus noch mehr ins Bewusstsein der Cellerinnen und Celler zu bringen, die sich vielleicht nur am Rande für unsere Arbeit interessieren. Die Andacht rückt das Haus in ein anderes Blickfeld, das ist für uns eine Chance. Nicht zuletzt unterstreicht sie noch einmal die besondere diakonische Leistung, die wir im Harburger anbieten können.


* Substitution ist eine Ersatzstoffbehandlung für Heroin-Konsumenten. Das substituierende Medikament belegt im menschlichen Gehirn die gleichen Rezeptoren wie die Opiate. Interview: Alex Raack





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