Skurriles, Sprachspielerisches und Käsegriller


Bernd Rauschenbach Skizzen von den Äußeren Skurrilen
Bernd Rauschenbach las im Kanzlei-Café Foto: Peter Müller

CELLE. Ob Frau Truebahn diesen Ort wohl aufnimmt ins Programm ihrer „Agentur für aussichtslose Fernreisen“? Am Samstag präsentierte er sich als die Erste Adresse in Celle für Ausflüge in traumhafte Sphären. Dabei war die Atmosphäre im voll besetzten Garten des Kanzlei-Cafés vom Tatsächlichen her zu beschreiben mit sehr angenehm, harmonisch, entspannt. Für die abstrakte, geistige Komponente sorgte ein treuer Kunde von Frau Truebahn und ihrer Agentur. Regelmäßig bucht Bernd Rauschenbach dort seine Exkursionen in unbekannte Welten und hält anschließend alles Erlebte fest in seinem Reisetagebuch. „Skizzen von den Äußeren Skurrilen“ hat er es überschrieben, und seine am späten Samstagnachmittag auf Einladung der Ernst-Schulze-Gesellschaft dargebotenen Kostproben daraus stellen unter Beweis, dass der Autor jeden Ort, und sei er noch so bodenständig und alltäglich, zum Schauplatz machen kann für Phantastisches.


Eine Fleischhauertheke seines Vertrauens, an der er ansteht… bildet den Einstieg der Geschichte „Gullasch“. „Heute dauert es wohl wieder mal etwas länger. Auf der Südinsel hat bereits die Grillsaison eingesetzt“, liest das langjährige geschäftsführende Vorstandsmitglied der Arno-Schmidt-Stiftung – den Bewohnern des östlichen Landkreises unter den Gästen dämmert es langsam, aber ganz sicher kann man nicht sein. Und dann folgt das Wort, das als Synonym fungieren kann für eine Fleischerei mit langer ländlicher Tradition: „Käsegriller“. Zu einem Bekanntheitsradius bis Celle hat es die Eldinger Spezialität gebracht, und nun wurde sie auch noch literarisch verewigt: „Vor mir… stehen Schlangen von Eingeborenen, die sich ihre in den nächsten zwei Monaten einzig erlaubte Fastenspeise in riesige Tupper-Boxen abfüllen lassen: Käsegriller, buchstäblich tonnenweise. Von schräg hinter mir höre ich aber Jemanden selbstbewußt und die Schlange ignorierend über meine Schulter rufen: ‚Ich nehme Gullasch‘“. Es sind auf Beobachtung basierende Zeilen, die sodann abheben und zur Vorlage für Skurriles und Sprachspielerisches werden: „Schaf angebraten? … Gullasch, das ist ihm die Welt, die er verschlingen muß. Da kann im Fleischhauerhof der kettenlose Fenriswolf heulen was er will. Der darf zum Schluß selber sich fressen.“


Mehr leises als lautes Lachen, manchmal auch nur ein gedankenverlorenes Lächeln des Publikums stehen jeweils am Ende der kurzen Geschichten. Wie gekonnt Rauschenbach diese vorträgt, lässt sich ablesen an der Mimik eines Gastes, der neben der Hauptperson Platz genommen hat und gebannt verfolgt, was und wie „der Kollege“ präsentiert. Einer der lokalen „Meister der Rezitation“, Hermann Wiedenroth, hat Bernd Rauschenbach begleitet, einen kleinen Büchertisch aufgebaut. Mit höchster Aufmerksamkeit, regelrecht gebannt, folgt er der Performance des studierten Germanisten und Bibliothekswissenschaftlers.


Dieser bietet mehr als die angekündigte Prosa aus seinem 2019 im Wehrhahn Verlag erschienenen Buch „Skizzen von den Äußeren Skurrilen“. „Der Familie möchte ich mich zunächst widmen“, sagt Rauschenbach zum Auftakt, und dann liest der 1952 in Berlin geborene Literat Biographisches über seine Mutter und erzählt von Geschehnissen, die sie ihr Leben nicht losließen. Stationen sind die litauische Grenze, Königsberg, Berlin. „Vier Jahre ihrer Jugend waren in Sibirien geblieben, viel Kindliches hatte sie an sich…“, berichtet Bernd Rauschenbach und weckt mit der kurzen Sequenz des Rückblicks auf die Familie und seine eigene Kindheit die Neugier und den Wunsch, mehr darüber zu erfahren.


Aber ob er Zeit und Muße dafür findet? Aus Verlagskreisen heißt es, er habe schon wieder die Dienste der „Agentur für aussichtslose Fernreisen“ in Anspruch genommen und befände sich aktuell in Polen, wo er den Bergdoktor jage…


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