Schreiben, was Trauernde fühlen - Lesung an der vhs


Lesung Karin Brodde Angela Weich
Karin Brodde (links), Angela Weich (rechts). Fotos: Martina Hancke

CELLE. Der Kontrast hätte kaum größer sein können: In den Triftanlagen tobte das Leben beim jährlichen Neujahrsfest der Eziden, während im Saal der vhs Celle die beiden Autorinnen Karin Brodde und Angela Weich ihre Lesung „Leben und Sterben – zwei Seiten der Medaille“ vor einem still berührten Publikum abhielten. Und doch passte der Gegensatz gut; denn die Autorinnen zeigten in ihren Texten, dass trotz allen Schmerzes im Angesicht des Todes auch die Chance auf Leben in ihm steckt.


Die Bergenerin Karin Brodde erzählt in ihrem autobiografisch geprägten Buch „Kindheitserinnerungen einer Bestattertochter“ aus der Sicht der zwölfjährigen Katja, wie sie sprichwörtlich zwischen Särgen groß wurde. Sie half ihrem Vater beim „Hübschmachen“ der Holzkisten, füllte Sägespäne in die Totenkissen. Der Tod der anderen war ein täglicher, selbstverständlicher Bestandteil ihres Lebens, bis zu dem Moment, an dem ihre Oma und ihr Vater am selben Tag verstarben. „Da merkte das kleine Mädchen, dass der Tod auch sie selbst betraf.“ Mit einfachen und doch eindringlichen Worten schildert Karin Brodde die Beerdigung, die Sprüche auf den Schmuckschleifen, die Erkenntnis, ihren eigenen Namen dort bei den Grüßen zu lesen.


Die Fassungslosigkeit in Anbetracht von Tod und Sterben greift auch die in Hambühren lebende Autorin Angela Weich in ihren Texten auf. Mit ihren Gedanken zum frühen Tod eines engen Freundes, eines Seelenverwandten, beschreibt sie, was viele Trauernde fühlen, doch selbst womöglich nicht ausdrücken können. Wie motiviert man einen Menschen, den Kampf gegen den Krebs nicht aufzugeben, wenn er selbst resigniert? Was wollen wir wirklich: ihm helfen oder doch nur uns selbst? Es sind Fragen wie diese, die Trauernde auch nach Jahren noch bewegen und jeder sucht seinen eigenen Weg der Verarbeitung. Für die Autorin waren es Briefe an den Verstorbenen und der Versuch, mit „seinem“ Baum im Friedwald Zwiesprache zu halten.


Die Lesung stand auch unter den Eindrücken des Krieges in der Ukraine. Für die kostenfreie Veranstaltung hatten die beiden Autorinnen zu Spenden aufgerufen und auf ihre eigenen Einnahmen verzichtet. Am Ende kam eine runde Summe von einhundert Euro zusammen, die an ukrainische Flüchtlinge geht.



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