„Network“ - Medienklamotte im Döring-Style
- Anke Schlicht
- 6. Feb. 2022
- 3 Min. Lesezeit

CELLE. Wer Lust hat, einzutauchen in das Jahrzehnt der 1970er, sich unterhalten zu lassen, Männer in Frauenkleidern und High Heels tanzen zu sehen – der ist goldrichtig bei „Network“, das am Freitag Premiere feierte. Intendant Andreas Döring bringt als Regisseur ein aufwendig inszeniertes Retrospektakel basierend auf dem Schauspiel von Lee Hall sowie dem gleichnamigen Film von Paddy Chayefsky auf die Hauptbühne des Schlosstheaters.
Wer eine satirisch überzeichnete Reflektion der Medienwelt erwartet, wird hingegen nicht wirklich bedient. „Network“ ist deklariert als Satire, sie setzt sich anhand des Protagonisten Howard Beale, alternder Nachrichtenmoderator bei einem US-amerikanischen privaten Fernsehsender in den 1970er Jahren, auseinander mit den Abhängigkeiten von Kommerz und Quote. Beale ist ebenso wie sein Chef und Freund Max Schumacher ein Junkie, beide lieben das, was sie sich als Beruf erwählt haben. Doch Herzblut zählt nichts in der kalten, sich an finanziellen Interessen orientierenden, nach jungen Gesichtern gierenden, schnelllebigen Welt des TV-Geschäfts. „Die Show war mein Lebensinhalt“, berichtet Howard seinen Zuschauern über das Format „Tonight“, das fortan ohne ihn über die Wohnzimmer-Bildschirme flimmern soll. Lapidar, im professionellen „Nachrichtensprech“ kündigt er an, sich in seiner letzten Sendung das Leben zu nehmen und kreiert damit den Ausgangspunkt für bizarre, dem Publikumsgeschmack hinterherlaufende Entscheidungen und Machenschaften hinter den Kulissen der Studios.
Döring bedient sich aufwendiger Mittel und nimmt sich viel Zeit, um die dort herrschende Atmosphäre nachzuzeichnen. Stetig spielt Tiana Kruskic vom Steuerungspult aus Werbe-Jingles ein und tätigt Ansagen, aufgeregt und gleichzeitig plappernd rennt die Belegschaft durchs imaginäre Studio. Einziger Ruhepol im strapazierenden Gekreische: Der auch im wahren Leben als Veranstaltungstechniker arbeitende Max Mund, schweigend sitzt er hinter der Kamera und liefert die Bilder, die dann sowohl auf einer großen Leinwand als auch in einem Fernseher und manchmal live und in Farbe auf der Bühne zu sehen sind. Welchem Zweck soll dieser Inszenierungskniff dienen, mag sich der eine oder andere Zuschauer fragen. Eine Anspielung auf das 21. Jahrhundert vielleicht, in dem das Multimediale zum Standard geworden ist? Eher nicht, die Szenerie verharrt abgesehen von diesen Finessen und im späteren Verlauf kläglich scheiternden Aufrufen zur Interaktion mit dem Schlosstheater-Publikum in den 70igern. Gerald Ford ist Präsident der Vereinigten Staaten, die TV-Crew trägt Schlaghose und gemusterte Zweiteiler, singt und tanzt zwischendrin zu Boney M‘s „Daddy Cool“. Geeignet, um ein unterhaltsames Retrofeeling zu erzeugen, aber nicht mehr tauglich für eine Mediensatire von Belang nach heutigen Maßstäben. Längst ist die Zeit hinweg gegangen über die frühere Fernsehwirklichkeit, hat der Klick die Quote abgelöst, lassen Fake-News und Social Media die Probleme von damals nichtig und klein erscheinen, sehnt sich mancher eventuell gar zurück in die überschaubare Medienwelt, die man im rückblickenden Vergleich einzuordnen wusste und mit der man umzugehen verstand.
Vor diesem Hintergrund und im Zusammenspiel mit den - von der eigentlichen Handlung abgekoppelten - gesanglichen und tänzerischen Stil-Elementen, die die deutliche Handschrift des Regisseurs tragen, gerät die Inszenierung zur Klamotte. Modernste Technik, die das Geschehen gleich dreifach sichtbar macht, schafft da keine Abhilfe, im Gegenteil sie steht in Zeiten stetiger Videokonferenzen und Online-Schalten dem puren Theatererlebnis eher im Weg.
Dass davon überhaupt die Rede sein kann, verdankt die Inszenierung der Erzählebene, die das private und innere Erleben der Protagonisten rund um Midlife-Crisis, Einsamkeit einer Karrierefrau, Ehebruch und dem schwierigen Prozess des Loslassens von dem so sehr geliebten Berufsalltag in den Mittelpunkt rückt.
Klaus Beyer weckt in der Rolle des Howard Beale Assoziationen zum „Handlungsreisenden Willy Loman“ von Arthur Miller, wenn er im Gespräch mit Freund und Nachrichtenchef Max Schumacher (Thomas Wenzel) die gemeinsamen erfolgreichen Jahre im Nachrichtenbusiness Revue passieren lässt. Tanja Kübler agiert in einer Doppelrolle, souverän meistert sie die Produzentin von „Tonight“ Hunter. Zunächst ganz unscheinbar in Pantoffeln und Morgenmantel huscht sie als betrogene Ehefrau Louise über die Bühne, um fast am Ende dem Stück einen unerwarteten Höhepunkt zu verleihen. Ihr Leben und Wohlergehen hängt allein an Max, und doch sagt sie nach eingestandenem Ehebruch ganz leise und unaufgeregt: „Verschwinde!“ Ein Moment, in dem aus der Klamotte großes Kino wird.













