Klimaplattform fordert Hitzeschutzplan für Celle


CELLE. Die Celler Klimaplattform weist auf die Gefahren durch zunehmende Hitzewellen, auch in Celle hin und fordert einen Hitzeschutzplan für die Stadt: Mit Hitze verbinden die meisten von uns Erinnerungen an Sommer, lange Abende, an denen man mit FreundInnen draußen sitzen kann und an Urlaube im Süden. Schöne Erinnerungen, solange die Hitze auch wieder kühlen Tagen weicht und sich Menschen und Natur erholen können. Solche positiven Erinnerungen an Hitze werden inzwischen abgelöst durch Sorge vor Hitze und deren Auswirkung. Wir sehen in den Nachrichten die Bilder von brennenden Wäldern in Südeuropa, von Vögeln, die tot vom Himmel fallen und Menschen, die verzweifelt Kühlung suchen, weil sie zuhause keine Klimaanlage haben. Diese Hitzewelle, die derzeit Südeuropa fest im Griff hat, kommt in der kommenden Woche zunehmend auch in Deutschland an.


Solche Hitzewellen werden in Zukunft immer häufiger, länger und heißer sein, auch hier in Niedersachsen. Dies belegen neuere Studien. „Der durch den Klimawandel – genauer gesagt, die arktische Verstärkung – abgeschwächte Jetstream lässt zu, dass heiße Luft weit nach Norden vorstößt und dieser Zustand lange anhält, bevor sich andere Luftmassen wieder durchsetzen können“, erklärt Wolfram Steinmetz, Co-Sprecher der Celler Klimaplattform (CKP).


Dabei ist die Hitze nur ein Aspekt: Pro Grad Erwärmung kann die Atmosphäre 7-8 % mehr Wasserdampf aufnehmen – Wasser, das in Oberflächengewässern, Grundwasser und im Boden fehlt, gleichzeitig aber auch zu Starkregen führen kann, wie ExpertInnen betonen.


„Es wäre naiv oder ignorant zu denken, dass Celle von diesen Entwicklungen ausgenommen bliebe“, betont Birgit Nieskens, ebenfalls Co-Sprecherin der CKP. „Gerade die Heide hat in den letzten Jahren so viel Grundwasser und Bodenfeuchte verloren wie fast keine andere Region Deutschlands. Außerdem hat Celle hat im Vergleich zum restlichen Niedersachsen eine überdurchschnittlich alte und damit gesundheitlich gefährdete Bevölkerung und die historische Bausubstanz bietet wenig Hitzeschutz“, führt Nieskens weiter aus. Sie verweist damit auch auf die erst diese Woche in der örtlichen Presse erschienene Warnung niedersächsischer Ärzte vor der zunehmenden Gefahr von Hitzetoten.

In diesem Zusammenhang unterstreicht die CKP die Empfehlung von Ärztechefin Martina Wenker und vieler anderer Stadtklima-ExpertInnen: Es brauche einen Stadtumbau mit mehr Schatten, Materialien die sich weniger aufheizen und viel mehr Grün, um die Hitze in den Städten langfristig aushalten zu können. Denn zwischen den Gebäuden staut sich die Hitze und wird in Asphalt, Beton und Klinkern lange gespeichert. Breite Gebäude und geschlossene Straßenfronten behindern den Luftaustausch mit dem kühleren Umland. Vor diesem Hintergrund erscheint es der Klimaplattform geradezu widersinnig, dass Stadtspitze und Stadtverwaltung an ihren Plänen festhalten, die Bäume in der Breiten Straße abzuholzen und nach Abschluss der Sanierung durch Jungpflanzen zu ersetzen, die erst in Jahrzehnten Schatten und Kühlung spenden.


Auch das Argument, dass der Unterbau der Straße nach der Sanierung nach Starkregen mehr Wasser speichern kann, lässt Steinmetz so nicht gelten: „Das künftige Stadtklima muss ein fein austariertes System sein, in dem nicht ein Ziel alle Nachteile hinfällig macht. Die Stadt setzt hier einzelne Argumente nach Belieben ein, bedenkt aber zu wenig das System.“ Schließlich würde auch niemand auf die Idee kommen, alle alten Fachwerk- und Klinkerhäuser Celles abzureißen, um neue, stärker gedämmte Gebäude mit mehr Hitzeschutz zu erbauen – das wäre ökologisch, kulturell und sozial völlig undenkbar, so Steinmetz weiter. Ein Hitzeschutzplan für Celle ist überfällig, andere Städte sind hier längst weiter. Ganz abgesehen davon wären Maßnahmen, Celle auf zunehmende Hitzeperioden vorzubereiten, auch ganz im Sinne des Programms resiliente Stadt, an dem die Verwaltung ja teilnimmt. Angesichts der für den dafür benötigten Stadtumbau notwendigen Zeit müssen aber auch die aktuellen Vorhaben wie Straßenumbauten oder die Neugestaltung von Plätzen bereits an die Erfordernisse der resilienten Stadt angepasst werden.


Die Klimaplattform empfiehlt daher Herrn Dr. Nigge, der Verwaltung und dem Stadtrat in den kommenden heißen Tagen ein Selbstexperiment: „Halten Sie sich mittags oder nachmittags zunächst einige Zeit an der Hannoverschen Straße auf und spazieren Sie anschließend zur Breiten Straße - nur ein kurzer, bequem zu Fuß zu bewältigender Weg. Wo halten Sie sich lieber auf? Wo kommen Sie leichter mit den Anwohner:innen ins Gespräch?. Wiederholen Sie das Experiment auf Stechbahn und Brandplatz (wo die dortigen Linden die gravierenden Bauarbeiten hoffentlich nicht nur kurzfristig überleben).“

Allen Interessierten, auch im Rat und der Verwaltung, empfiehlt die CKP die Lektüre folgender kurzer Veröffentlichungen:

• https://correctiv.org/aktuelles/klimawandel/2022/07/14/hitze-in-deutschland-neun-millionen-menschen in-gefahr/ (14.07.2022)

• https://www.geo.de/wissen/wie-die-erderwaermung-zu-mehr-starkregen-fuehrt-30618752.html (16.07.2021)

• https://www.scinexx.de/news/geowissen/deutschland-klimawandel-senkt-grundwasserspiegel/ (11.03.2022)


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