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Gespräch über die „Colonia Dignidad“ im Oberlandesgericht Celle



Dr. Elke Gryglewski, Dr. Rainer Derks (Vizepräsident des Oberlandesgerichts Celle)

Foto: OLG Celle


CELLE. Auf dem ca. 30.000 km² großen Siedlungsgebiet der ehemaligen, 1961 von dem Deutschen Paul Schäfer in Chile gegründeten totalitär religiösen Sekte „Colonia Dignidad“ befindet sich heute eine touristische Attraktion. Auf dem Gelände stehen aber nicht Erinnerung und Aufklärung über die grausamen Verbrechen im Vordergrund, die dort über Jahrzehnte von Sektenmitgliedern und von Angehörigen des chilenischen Geheimdienstes unter der damaligen Regierung des Diktators Auguste Pinochet begangen wurden. Eine Gedenkstätte für die Opfer, die dort misshandelt, missbraucht und ermordet wurden, existiert nicht. Man fühlt sich allenfalls an den äußeren Eindruck einer vermeintlich selbstverwalteten „Mustersiedlung“ erinnert, den die „Colonia Dignidad“ damals erwecken wollte, indem sie vorgab, ihre Mitglieder würden sogenannte deutschtypische Traditionen wahren. Heute wird die „Villa Baviera“ auf dem ehemaligen Siedlungsgelände der Sekte wegen der dort gastronomisch inszenierten, deutschtümelnden Tradition besucht: in Dirndl oder Trachtenhose werden den Gästen Schweinshaxe und Sauerkraut mit kühlem Bier serviert.


Unter dem Titel „Erinnerungen brauchen einen Raum, um lebendig zu bleiben“ berichtete die Geschäftsführerin der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten und Leiterin der Gedenkstätte Bergen-Belsen Dr. Elke Gryglewski weit über einhundert Besucherinnen und Besuchern im Vortragssaal des Oberlandesgerichts Celle von den äußerst schwierigen Voraussetzungen, an einem Tatort unvorstellbaren Grauens Aufklärung und Gedenken zu ermöglichen. Als ausgewiesene Expertin für Erinnerungskulturen und Geschichtsdidaktik erhielt Dr. Gryglewski, die in Bolivien aufgewachsen ist und u.a. in Chile studiert hat, im Jahr 2017 zusammen mit weiteren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern von der deutschen und der chilenischen Regierung den Auftrag, ein Konzept für die Einrichtung einer Gedenk- und Bildungsstätte auf dem Siedlungsgebiet der „Colonia Dignidad“ zu entwickeln.


Als besondere Herausforderung beschrieb Dr. Gryglewski, dass auf dem Siedlungsgelände auch heute noch ehemalige Sektenmitglieder – meist in äußerst ärmlichen Verhältnissen – zusammen leben. Es sei nicht einfach und häufig auch nicht eindeutig festzustellen, wer von ihnen Opfer und wer Täter oder Beides ist. Die Verbrechen hätten sich sowohl gegen Sektenmitglieder als auch gegen politische Gegner des chilenischen Regimes, aber auch gegen chilenische Kinder und deren Eltern aus der örtlichen Umgebung des Sektengeländes gerichtet. Wissenschaftler sprächen von einem der größten Menschenrechtsverbrechen unter deutscher Beteiligung. Dr. Gryglewski berichtete, dass sie und ihre Kolleginnen und Kollegen bereits seit 2014 mit Opfern ganz unterschiedlicher Verbrechen arbeiten und daraus etwas entstanden sei, das man den Umgang mit der Vergangenheit nennen könne. Die Annäherung habe äußerst behutsam stattgefunden, erst in den letzten Jahren sei es gelungen, die verschiedenen Opfergruppen miteinander in Kontakt zu bringen und damit die Voraussetzungen für eine Aufarbeitung zu schaffen. Bei der Aufarbeitung gelte es viele Hürden zu überwinden, aufgrund unterschiedlicher religiöser Überzeugungen und verschiedenartiger Erinnerungskulturen müssten Gemeinsamkeiten sichtbar gemacht werden, um Perspektiven wechseln und wechselseitiges Verständnis entwickeln zu können.


Bei dem von ihr und ihren wissenschaftlichen Kolleginnen und Kollegen 2021 vorgelegten Konzept habe sie das Gefühl, dass die darin entwickelte Gedenkstätte wie ein Katalysator für die vielfältigen Bedürfnisse der unterschiedlichen Opfergruppen wirken könne, sagte Dr. Gryglewski. Warum dieses Konzept auch drei Jahre später noch nicht umgesetzt worden sei, erklärte Dr. Gryglewski u.a. mit bürokratischen Widerständen, die sich durch wechselnde politische Verhältnisse immer wieder veränderten, mit bis zur Undurchdringlichkeit verschleierten wirtschaftlichen Verhältnissen der vormaligen Sekte, aber auch mit teilweise bestehendem Widerstand der ländlichen Bevölkerung.


Aufgeben will sie ihren Glauben an die Realisierung der Gedenkstätte nicht. „Wir sind 2022 darüber informiert worden, dass unsere Tätigkeit beendet ist“, sagte die 1965 geborene Dr. Gryglewski, dennoch glaube sie, dass es eine Gedenkstätte geben wird und sie hoffe, dass diese noch vor ihrer Rente eröffnet werde.


Text: Peter Bombek

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