„Frauen zählten nichts“ – Celle aus Sicht von Ackerbürgerfrauen


Gästeführerinnen Evgenia Panteleeva-Stammen, Andrea Herder, Bärbel Gohde, Martina Noltemeier (von links) Foto: Peter Müller

CELLE. Es sind nicht mehr allzu viele prägnante Spuren vorhanden, die vom Leben in Celle vor der Entstehung des berühmten Fachwerkensembles zeugen. Große Hoftore, in den Giebel eingelassene Speichertüren und Fensterläden - noch zu sehen beispielsweise am Kleinen Plan an der früheren Ausspannwirtschaft „Zum Blauen Engel“ oder in der Mauernstraße gegenüber von Karstadt - deuten auf die Ackerbauern hin. Das Stadtbild war in jener Zeit, als die Ackerbürger die Mehrzahl der insgesamt rund 1000 Einwohner bildeten, nicht wie heute gekennzeichnet durch geschlossene Fassaden, es war offener, die Straßen ungepflastert und matschig, zwischendrin befanden sich Gärten. Die Art zu bauen orientierte sich am typischen niedersächsischen Bauernhaus. Nichts anderes als Landwirte waren die Ackerbürger und ihre Frauen.


„In dem Rundgang unter dem Motto ‚Georg, der Ackerbürger‘ von Jürgen Matschiwalli wird das Thema sehr gut abgehandelt“, sagt Bärbel Gohde. Sie ist selbst wie ihre drei Mitstreiterinnen Evgenia Panteleeva-Stammen, Martina Noltemeier und Andrea Herder zertifizierte Gästeführerin. Als Marktrauen haben die Vier jahrelang unter Edith Domscheit als Chefin Touristen die Celler Altstadt nähergebracht. „Nachdem Frau Domscheit Ende 2019 gestorben ist, wollten wir weitermachen. Denn Kostümführungen kommen gut an“, berichtet die Leiterin des geschichtskundigen Quartetts Bärbel Gohde. Da das weibliche Geschlecht in den historischen Rundgängen eine eher untergeordnete Rolle spielt, entschieden sich die vier historienbegeisterten Damen, Stadtführungen unter dem Namen „Ackerbürgerfrauen“ (www.ackerbuergerfrauen.de) anzubieten. „Es ist wie ein kleines Theaterstück“, beschreibt Evgenia Panteleeva-Stammen die Art der Präsentation unter einem Motto, das vielen Cellern vielleicht gar nicht so geläufig ist. Wer waren die Ackerbürger und ihre Frauen überhaupt?


VON TSELLIS NACH CELLE

Nach einem Brand im ursprünglichen Tsellis im heutigen Altencelle siedelten sie sich unter Herzog Otto dem Strengen drei Kilometer abwärts der Aller am neuen Standort an, machten neue Äcker urbar. Nach der offiziellen Stadtgründung im Jahr 1292 erhielten sie die Bürgerrechte, betrieben aber weiter bis ins 17. Jahrhundert hinein Ackerbau, Viehzucht sogar bis ins 19. Jahrhundert und prägten das Erscheinungsbild entsprechend. „1602 gab es 1000 Schweine in der Stadt“, erzählt die Leiterin und fährt mit Bezug auf den Ort, wo die Bauern ihre Felder, das Rohlande, bestellten, fort: „Straßennamen sagen viel aus. Die heutige Straße ‚Im Rolande‘ umreißt ungefähr das damalige 150 Hektar große Flurstück, das anteilig bewirtschaftet wurde.“ Mit Fuhrwerken transportierten sie das geerntete Getreide und Futter zu ihren Häusern mit den großen Toreinfahrten und nachgelagerten Stallungen, wo die Tiere untergebracht waren. Eine Abbildung im Celler Stadtbuch von Möller und Polster zeigt einen Pferdeheuwagen vor einem Haus in der Stechbahn um 1900: „Die letzten Ackerbürger“.

„Am Allerhang, wo sich heute das Allgemeine Krankenhaus befindet, hatten sie ihre Gärten und bauten Gemüse für den Eigenbedarf an. Was übrig blieb, wurde verhökert“, berichtet Bärbel Gohde. Die mit frischem Gemüse gefüllten Körbe, die die vier Celle-Kennerinnen mit sich tragen, nehmen Bezug auf die Tradition.


Nach und nach - über zwei Jahrhunderte hinweg - vollzog sich ein allmählicher Wandel von der ländlichen zur städtischen Wirtschaftsweise, der für Celle typisch ist. Während dieses Übergangs im Laufe des 16. bis 18. Jahrhunderts wurden die kleinen mit Stroh gedeckten Bauern- durch Bürgerhäuser ersetzt. Die Gästeführerinnen präsentieren ihren Gruppen das Gebäude in der Mauernstraße neben Drogerie Müller als typisches Ackerbürgerhaus. Das Leben ihrer weiblichen Bewohnerinnen war geprägt von sehr viel Arbeit, über Rechte verfügten sie indes nicht. „Nur wenn sie verheiratet waren, galten sie überhaupt etwas. Die Ehen wurden arrangiert, der Mann durfte sie züchtigen. Sie arbeiteten von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang, trieben das Vieh auf die Weide, molken die Kühe, versorgten das Haus, auch die Kinder mussten natürlich mit anpacken, zur Schule gingen sie nicht“, gibt Bärbel Gohde einen kleinen Einblick in die Inhalte der Motto-Rundgänge, die lediglich einen Teil des breit gefächerten Angebotes der Gästeführerinnen bilden.


„Frauen zählten nichts“, fasst sie die Stellung der Ackerbürgerinnen prägnant zusammen. Umso wichtiger ist es dem Viererteam, ihnen Jahrhunderte später eine Stimme zu verleihen.

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