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„Eschede nie vergessen – aber ich weiß, dass ich damit leben kann" -Notfallseelsorgerin Inge Matern





ESCHEDE/WIETZE. Noch immer ist Pastorin Inge Matern im Ev.-luth. Kirchenkreis Celle als Pastorin tätig. In Wietze profitieren sie von den Erfahrungen einer Frau, die zu den Pionierinnen der Seelsorge im Landkreis Celle gehört. Beim ICE-Unglück von Eschede war sie drei Wochen im Einsatz. Wie verarbeitet man solche Erlebnisse? Wie sorgt man sich um die Seele von Menschen? Und welche Rolle spielt dabei der Glaube? Die Pastorin im Gespräch mit Alex Raack.

Inge Matern, wie sind Sie Pastorin geworden?

Über Umwege. Als meine Kinder geboren worden, brach ich mein Kirchenmusik-Studium ab, von da an war ich über 20 Jahre lang Mutter und Pfarrfrau. In der Zeit schloß ich auch eine Ausbildung als Religionslehrerin ab und übernahm immer wieder verschiedene Vertretungsaufgaben in der Gemeinde, für mich gehörte ehrenamtliches Engagement immer zum Christsein dazu. Als unsere Kinder zur Schule gingen, ließ ich mich im Schuldienst anstellen und gab Religions- und Musikunterricht.


Wie ging es weiter?

1982 zogen wir nach Celle, ich blieb zunächst Pfarrfrau. Eigentlich hatte ich Psychologie studieren wollen, aber durch private Umstände war mir das nicht möglich. Mit Seelsorge befasste ich mich dennoch intensiv, machte die Landeskirche Seelsorge-Ausbildung und 1983 landete schließlich in der Krankenhausseelsorge am St. Josefstift.


Was fasziniert Sie an der Seelsorge?

Ich war einfach immer schon an Menschen interessiert. Jesus ist dabei für mich ein Vorbild – so wie er auf die Menschen zugegangen ist: relativ neutral, ohne Vorurteile, immer mit dem Versuch, die Menschen so zu nehmen, wie sie sind. Sich dafür zu interessieren, was dem Gegenüber auf der Seele liegt.


Trotzdem keine leichte Aufgabe. Im Gegenteil.

Das stimmt, aber in dieser Hinsicht haben meine Eltern viel Vorarbeit geleistet. Als ich sechs Jahre alt war, starb meine Großmutter. Ich wollte mich unbedingt von ihr verabschieden und meine Eltern ließen es zu, dass ich mich ganz unbefangen mit dem Tod, der Trauer und dem Abschiednehmen beschäftigen konnte. Viele Jahre lang schlief ich danach in Omas Bett – mein Onkel hatte es ihr gebaut.


Sie blieben der Seelsorge in Celle treu.

Ich betreute die Gruppe der ehrenamtlichen Seelsorgerinnen, war mindestens einmal die Woche im Josef Stift im Einsatz und knapp zehn Jahre Seelsorgerin für HIV-Patient*innen in der Medizinischen Hochschule in Hannover. Als es 1990 eine Vakanz im AKH gab, weil der neue Krankenhausseelsorger die benötigte Ausbildung noch nicht beendet hatte, rief mich der damalige Superintendent an: „Sie sind die Einzige, die diese Ausbildung hat. Können sie sich vorstellen, die Stelle für ein Vierteljahr zu übernehmen?“ Und so hatte ich dann offiziell in beiden Celler Krankenhäusern die Seelsorge inne.


Wie lässt sich eigentlich eine Seelsorgerin die Seele umsorgen?

1990 ging meine Ehe zu Ende, die Kinder zogen zu mir. Am Anfang hatte ich mir noch vorgenommen, all das mit mir allein auszumachen, doch zum Glück wandte ich mich dann doch ratsuchend an meine Seelsorge-Ausbilder. Sie wurden zu meinen Seelsorgern und halfen mir sehr auf meinem Weg durch dieses neue Leben.


Jetzt wissen wir allerdings immer noch nicht, wie Sie schließlich Pastorin wurden.

1990 wurde ich angesprochen, ob ich nicht Interesse an einer Ausbildung zur Vikarin hätte. Hatte ich. Die kommenden zwei Jahrzehnte gehörte ich zum Team derjenigen, die die Seelsorgeausbildung in Vikarskursen durchführten - für mich eine Seelsorgeausbildung im Miniformat. In der Zeit riet man mir, mich doch für die Pfarrverwalterprüfung anzumelden. Das tat ich dann – und nach bestandenem Kolloquium gab es die Möglichkeit, auf eine Pfarrstelle zu wechseln. Mitte/Ende der neunziger Jahre, als Mitglied der Neustädter Gemeinde, wurde ich bereits angefragt, ob ich als Pastorin arbeiten möchte, aber erst 2005, als die Stelle erneut vakant wurde, übernahm ich die Stelle.


Wie lange blieben Sie in der Neustadt?

Zehn Jahre lang. Dann ging ich in den Ruhestand. Der dauerte allerdings nur ein halbes Jahr. Ein Kollege aus Lachendorf war erkrankt, also übernahm ich den Gastdienst. Danach folgten Gastdienste in Hohne, Wienhausen, noch einmal Hohne und seit Juli 2022 bin ich in Wietze tätig.


Warum machen Sie das, wo Sie doch eigentlich nicht mehr arbeiten müssten?

Gegenfrage: warum nicht? Der Bedarf ist da, die Gemeinden waren bislang mit mir zufrieden, die Arbeit macht mir viel Freude. Außerdem ist es freiwillig und wenn ich möchte, kann ich auch nein sagen.


Und wann werden Sie das letzte Mal nein sagen?

Meinen Söhnen habe ich immer gesagt: irgendwann zwischen 70 und 75. Bis zum 31. Dezember 2024 habe ich mich bereit erklärt, Vertretungen zu übernehmen. Dann allerdings ist wirklich Schluss.


Am 3. Juni 1998 waren Sie zu Gast bei einer Kirchenkreiskonferenz in der Fritzenwiese. Thema: Notfallseelsorge. Welche Erinnerungen haben Sie an diesen Tag?

Mit einem jungen Kollegen, den ich aus einem Vikarskurs kannte, hatten wir gerade den Vortrag begonnen, als der anwesende Pastor aus Eschede einen Anruf der örtlichen Feuerwehr erhielt: Schweres Zugunglück in Eschede mit vielen Verletzten und Toten. Er brachte die schreckliche Nachricht in die Konferenz.


Was passierte dann?

Wir haben die anwesenden Pastor*innen direkt aufgeteilt. Wer fährt raus zur Strecke? Wer geht in die Krankenhäuser, wer zu den Polizeistationen? Niemand war dazu verpflichtet, aber alle haben sich auf die eine oder andere Weise beteiligt. Ich fuhr mit meinem Auto nach Eschede, wo der Ort des Unglücks schon weiträumig abgesperrt war. Also bin ich dann zu Fuß zum Gleis.


Ihr erster Eindruck?

Diese endlose Kolonne an Rettungswagen. Da musste ich das erste Mal schlucken. Ein Unfall in diesem Ausmaß war auch für mich völlig neu. Ich hatte mich viel mit dem Unglück von Rammstein beschäftigt, doch das war reine Theorie. Mit meinem Kollegen ging ich zur Einsatzleitstelle von Feuerwehr und Polizei, stellte uns als Seelsorger*innen vor und sagte: „Wir sind hier, wir würden gerne helfen, was können wir tun?“ Wir wurden in den Bereich unterhalb des Bahndammes geschickt. In der Nähe waren Lagerhallen, die bereits als provisorische Krankenlager genutzt wurden. Das Bild von den ineinander verkeilten ICE-Waggons ließ uns kurz innehalten, ein schreckliches Bild.


Wie ging es weiter?

Ein Feuerwehrmann schickte uns direkt zum Gleis, dort teilten wir uns auf. Überall lagen Koffer, Rucksäcke, Kleidungsstücke – auch noch letzte Tote. Weil vor Ort bereits ein Pastor, der als Feuerwehrmann arbeitete, anwesend war, ging ich zu den Lagerhäusern, ziemlich mitgenommen von den ersten Eindrücken. Dort wurde ich gebeten, unbedingt die Polizei im Erstkontakt mit den Angehörigen zu unterstützen. Alle wollten natürlich wissen, wie es ihren Freunden oder Familienmitgliedern ging. Hier vor Ort konnten wir ihnen keine genaue Auskunft geben, sondern nur sagen: „Die Schwerverletzten wurden auf die umliegenden Krankenhäuser verteilt, die leichter Verletzten auf die Krankenhäuser in Celle.“ Gegen Nachmittag fuhr ich ebenfalls zunächst ins AKH und St. Josef-Stift, abends dann weiter zur Polizei.


Welche Erfahrungen haben Sie in den Tagen danach gemacht?

Ich betreute zunächst drei unterschiedliche Angehörige auf der Intensivstation. Darunter eine Mutter, deren Sohn - ein junger Mann - im Koma lag. Sein Zustand war so schlecht, dass er am Ende von den Maschinen am Leben erhalten werden musste und schließlich für hirntot erklärt wurde. Man bat mich, mit der Mutter über die Möglichkeit einer Organspende zu sprechen. Der Frau bin ich in den Folgejahren noch ein paarmal am Jahrestag der Katastrophe begegnet. Dann war da ein Vater, ein Feuerwehrmann aus Süddeutschland, der seine Frau und seine beiden Kinder im Zug sitzen hatte. Der jüngste Sohn lag schwer verletzt auf der Intensivstation. Die Erfahrungen mit diesem verzweifelten Vater und seiner Angst um seinen Sohn gingen mir sehr nahe.


Hat der Junge überlebt?

Das kann ich Ihnen heute gar nicht mehr sicher sagen. Manche Dinge habe ich zu gut verpackt und irgendwo verschlossen. Emotionen und Erfahrungen, die aktuell nicht zu lösen sind und irgendwann mal angegangen werden, wenn sie sich wieder in Erinnerung bringen.


Wie gehen Sie damit um?

Wenn mich diese Gedanken quälen, muss ich einen Ort finden, wo ich mich wieder etwas freier von ihnen machen kann. Bei mir funktioniert das über das Gebet. Extreme Erfahrungen wie in den Wochen des Eschede-Unglücks bleiben für immer, selbst man sie komplett bearbeitet hat. Wie mit der Trauer. Die verschwindet auch nie ganz. Wichtig ist die Erkenntnis: Ich werde das nie vergessen – aber ich weiß, dass ich damit leben kann.


Wie lange waren Sie in Eschede als Seelsorgerin im Einsatz?

An diesem ersten Tag bis in die frühen Morgenstunden. Ich bin nach Hause gefahren, habe kurz geschlafen und bin zurückgefahren – ins Krankenhaus oder zur Polizei. In diesem Rhythmus ging das ungefähr drei Wochen. Es dauerte lange, bis man alle Reisenden ermittelt und die Toten und Verletzten identifiziert hatte. Einige Menschen im Zug waren nach dem Unfall unverletzt, aber geschockt, ausgestiegen, zum Bahnhof gelaufen und in die nächste Bahn gestiegen.


Welche Begegnungen haben Sie in den Tagen nach dem Unglück noch in Erinnerung?

Ein Elternpaar, deren Tochter beim Unglück gestorben war, wollte unbedingt an die Unfallstelle. Sie wollten sich selbst ein Bild von der Unfallstelle machen. Auf Bitte der Polizei bin ich mit ihnen zu der Stelle gegangen. Ich weiß nicht, ob es ihnen wirklich bei der Trauer geholfen hat, aber es war ihr Wunsch. Jeder muss seinen Weg finden, um mit so einer Katastrophe umzugehen.


Wie ist Ihr Weg?

Ich lebe seit vielen Jahren mit dem Spruch: „Der liebe Gott tut nichts als Fügen.“ Ich vertraue einfach darauf, dass selbst die schlimmsten Krisen, die unangenehmsten Emotionen, irgendwann überwunden werden können. Auch wenn es manchmal sehr lange dauert.


Das Eschede-Unglück liegt jetzt schon 25 Jahre zurück und die Menschen sprechen noch immer darüber, als wäre es gestern gewesen. Hilft Reden?

Mir auf jeden Fall. In den Wochen und Monaten danach war ich viel mit dem leitenden Notarzt Ewald Hüls unterwegs, immer wieder wurden wir gefragt: Was habt ihr getan und wie habt ihr das gemacht? Für mich war es eine Entlastung, über diese sachlichen Themen zu sprechen. Das Emotionale habe ich persönlich in meinen Gebeten oder in Gottesdienst abgeladen. Und sehr viel sicherlich auch in meinen Träumen.


Was verbinden Sie heute noch mit dem Unglück?

In den vergangenen Jahrzehnten habe ich immer mal wieder den Kirchbaumgarten besucht, der für die 101 Gestorbenen errichtet wurde. Es wird der Zeitpunkt kommen, dass es mich wieder dorthin zieht, dann werde ich durch den Garten spazieren, und mir die Namen auf der Gedenktafel wieder einmal durchlesen. Mir hilft das, um festzustellen, dass ich es – Gott sei Dank – überlebt habe. Und allein diese Erkenntnis gibt mir neue Kraft.

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