"Dies academicus" an der Fachhochschule für Interkulturelle Theologie


Prof. Dr. Gerhard Langer. Foto: Dorothea Müller

HERMANNSBURG. Hocherfreut begrüßte der stellvertretende Rektor der Fachhochschule für Interkulturelle Theologie (FIT), Professor Dr. Andreas Kunz-Lübcke, zum "dies academicus" - dem „Höhepunkt des akademischen Jahres” - rund 40 aktive Studierende, Alumni, Lehrende und Gäste auf dem FIT Campus.

Das Leitthema des Tages lautete „Religion ohne Bildung?“ Diese – mit Blick auf die vom Missionsausschuss beschlossene Schließung der FIT im Jahr 2025 durchaus auch kritisch zu verstehende – Fragestellung wurde anhand von zwei Weltreligionen beleuchtet: Dem Hinduismus und dem Judentum. Professorin Dr. Ulrike Schröder, ehemalige Dozentin der FIT und heutige Professorin für Religionswissenschaft und Interkulturelle Theologie an der Universität Rostock, referierte zum Thema „Bildung in asiatischen religiösen Traditionen".


Im Zentrum des Vortrags stand der Hinduismus mit seinen verschiedenen Gottheiten, Schriften, mündlich tradierten Texten, Riten und Ausprägungen. Während der klassische Hinduismus einer geistigen Elite unter Anleitung männlicher Gurus (geistliche Lehrer) vorbehalten war, ebnete der vom britischen Kolonialismus beeinflusste Neo-Hinduismus des 19. Und 20. Jahrhunderts den Weg für soziale und religiöse Reformen wie etwa die Öffnung von Bildung auch für Frauen und für untergeordnete Gesellschaftsschichten. Die Debatte über eine fortschreitende Anpassung des Hinduismus an eine moderne Welt einerseits und eine Rückführung des Hinduismus wie auch der Gesellschaft zu ihren früheren Fundamenten ist – so Schröder - allerdings noch nicht abgeschlossen.


Univ.-Prof. Mag. Dr. Gerhard Langer, Leiter des Instituts für Judaistik an der Universität Wien, hatte seinen Vortrag mit „Wer lernt, bewahrt/rettet die Welt. Lernen in jüdisch-rabbinischer Perspektive“ betitelt. Bildung und Lernen haben im Judentum einen hohen Stellenwert. Die religiöse Ausbildung beginnt bereits im Alter von 6 Jahren. Quelle des lebenslangen Lernens sind neben der Torah die rabbinischen Schriften, insbesondere der Talmud. Eine besondere Rolle spielt auch mündliche Wissensvermittlung sowie das Vor-leben überlieferter Traditionen innerhalb der Familie. Dabei ist religiöse Bildung im Judentum laut Langer kein Selbstzweck. Das Motiv für religiöse Bildung soll vielmehr sein, Gott zu dienen und sein religiöses Wissen in allen Lebensbereichen praktisch anzuwenden. „Studium ohne Praxis ist kein gutes Studium. Lernen und Teilhabe an der Gesellschaft gehören zusammen“, bringt Langer es auf den Punkt.

Religion und auch religiöse Bildung als deren Grundlage sind also – so kann man es nach dem dies academicus der FIT festhalten – keine Insel. Religion steht nicht isoliert für sich allein, sondern es besteht eine starke Wechselwirkung zwischen religiöser Bildung, Kultur und Gesellschaft. Religion wirkt aber nicht nur in eine Gesellschaft hinein, sondern sie tritt in einer globalisierten Welt auch in Interaktion mit anderen Religionen und Konfessionen. So entstehen neue Berührungspunkte und es entwickeln sich neue Formen der Glaubensüberzeugung. „Ein religiöser Mensch im Meer der interreligiösen Begegnungen zu sein, ohne arrogant, exklusiv oder offensiv zu sein, ist eine Herausforderung und bedarf besonderer Kompetenzen“, so Kunz-Lübcke. Diese Kompetenzen werden an der Fachhochschule für Interkulturelle Theologie vermittelt und von Studierenden aus über 30 Herkunftsländern gemeinsam gelebt. „Aus verschiedenen Konfessionen und Religionen kommend“ ergänzt Kunz-Lübcke, „setzen wir uns horizonterweiternd mit der eigenen wie auch mit anderen Religionen und Konfessionen auseinander. Über das so erlangte Wissen entsteht die Fähig-keit zur gegenseitigen Anerkennung. Genau das ist der Weg, den wir in einer Welt des religiösen Pluralismus gehen müssen.“ Mit Blick auf die Schließung der FIT bekommt die Frage „Religion ohne Bildung?“ somit eine ganz neue Dynamik. Text: Dorothea Müller



Prof. Dr. Ulrike Schröder

Prof. Dr. Andreas Kund-Lübcke

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