Den Cellern ganz nah – Radtour mit dem Oberbürgermeister


Fotos: Anke Schlicht

CELLE. Im Rücken ein traumhaft schöner Spielplatz im Vergleich zu den Varianten vergangener Jahrzehnte, vor sich ein zur Landefläche umfunktioniertes Hausdach. „Ja, darf man denn so viele Tauben überhaupt halten?“, erkundigt sich ein Mann bei Oberbürgermeister Dr. Jörg Nigge. „Also, das weiß ich auch nicht, ich sehe das zum ersten Mal“, antwortet dieser. Die Frage ist sicher die außergewöhnlichste der zweistündigen Radtour mit dem Verwaltungschef und dem Fachbereichsleiter für Verkehr und technische Dienste Jens Hanssen, aber sie gibt den Grundton der vom Ortsrat organisierten Fahrt mit rund 10 Stationen in Altenhagen, Bostel und Lachtehausen ganz gut wieder.


Auf dem Programm stehen Feuerwehrhäuser, Sport- und Spielplätze, Standorte der im Bau befindlichen B3-Ortsumgehung, Straßen und Müllcontainer. „Wir wünschen uns hier noch ein Schild mit der Aufschrift ‚Achtung Kinder‘“, „die Anwohner fühlen sich hier sehr gestört durch die hohe Verkehrsdichte und dieses Schild, das irritiert“, „hier hätten wir so gerne noch eine Bank“, „Sperrmüll wird hier einfach neben die Container gestellt“ – so und ähnlich lauten die Bitten, Wünsche oder einfach nur Feststellungen und Mitteilungen der Teilnehmer, die sie an den Oberbürgermeister herantragen. Grundsätzlicher wird es bei der Ostumgehung, Ecke Wittinger/Baustellenstraße: Ob der Lärm- und Hochwasserschutz ausreichen werde, treibt die Anwohner um, wie durchlässig wird die Wittinger Straße noch sein nach Fertigstellung des Abschnitts? Ist es nicht einzurichten, dass die Anlieger mit dem Auto wenigstens zum Friedhof und zum Brötchenholen werden fahren können? Auch über die Verwertung des Bodenaushubs haben sich die Bürger Gedanken gemacht und präsentieren bei dieser Gelegenheit ihre Ideen.


SORGEN, IDEEN, KOMPROMISSE

Jens Hanssen stellt die Sachlage dar, gibt zu bedenken „die Straßenbaubehörde macht nur, wozu sie verpflichtet ist“, aber es werde von Seiten der Stadt geprüft, was z.B. in Sachen Lärmschutz nachgerüstet werden müsse. Besonders an diesem Haltepunkt wird deutlich, was Nigge zum Abschluss der Tour „das Erklären“ nennen wird. Was in der Kompetenz des Rathauses liegt und was nicht, ist manchem und mancher ebenso wenig klar wie die detaillierten Planungen. Ortsbürgermeisterin Ute Hinterthür muss moderierend eingreifen, andernfalls würde die Diskussion, die sich auch unter einzelnen Teilnehmern entspinnt, kein Ende nehmen. Zu vermitteln, dass Kompromisse unumgänglich seien, und: „Wir können es nicht jedem recht machen“, lautet das Fazit des Verwaltungschefs an dieser Station.


Weder Lachtehausen und Altenhagen noch Bostel böten aktuelle, kontroverse Themen oder Brennpunkte. Sowohl Hinterthür als auch Nigge weisen in ihren jeweiligen Begrüßungsansprachen darauf hin und freuen sich umso mehr über die rund 20 Interessierten. Die Ortschaften sind dörflich geprägt, weitläufig und abgesehen von einigen vielbefahrenen Straßen sehr ruhig. Die Tour-Teilnehmer radeln vorbei an Maisfeldern, noch aktiven oder still gelegten Hofstellen, darüber hinaus dominieren gepflegte Einfamilienhäuser mit Gärten die Gegend am östlichen Rand der Stadt.


„Das ist einer der schönsten Spielplätze, den wir haben“, sagt Jens Hanssen am Teilkamp in Bostel vor einer Kulisse mit spielenden Kindern unter riesigen alten Eichen. Zuvor präsentierte der Ortsrat den Bau eines neuen Sportheims Im Bulloh in Altenhagen. Die Gruppe schwingt sich auf die Drahtesel, als der Bagger angeschmissen wird, Jörg Nigge bleibt allein zurück, begibt sich zu den Bauarbeitern und plaudert mit ihnen. „Ich finde es toll, dass die das ehrenamtlich machen“, sagt er im Anschluss auf eine entsprechende Frage, er habe seine Anerkennung zum Ausdruck gebracht. An dem einen oder anderen Haltepunkt ist von ihm zu hören: „Da fällt mir jetzt auch keine Lösung ein.“ Gelegentlich, z.B. an der neuen Kita in Altenhagen, stellt er angesichts des Wunsches nach noch mehr Parkplätzen klar, dass das Rathaus die Kapazitäten voll ausgeschöpft habe.


KLARE ZIELE

Erneut bleibt Nigge zurück, verweilt noch einige Zeit vor dem ähnlich schönen Altenhägener Spielplatz wie jener in Bostel. Muss er sich manchmal angesichts dieser vielen kleinen Anliegen, die an ihn herangetragen werden, zur Ruhe, die er die gesamte Tour über an den Tag gelegt hat, zwingen? „Nein, DAS macht es für mich doch so interessant“, sagt er mit Nachdruck. „Die Barriere ist nicht so groß, ich bekomme vieles mit, was ansonsten an uns vorbeigeht.“ Hat ihn etwas negativ beeindruckt? „Nein, in diesem Stadtteil nicht, hier haben wir schon viel gemacht. Mein Ziel ist es, in sich geschlossene lebenswerte Wohnorte zu schaffen.“


Den Verwaltungschef so bürgernah zu erleben überrascht vor dem Hintergrund, dass kritische Stimmen der Stadtgesellschaft ihm nicht selten vorwerfen, er nehme die Öffentlichkeit nicht ausreichend mit? „Was? Nein, das kommt doch nur aus den Reihen der Politik!“, sagt er und schwingt sich auf zur letzten Station einer ebenso entspannenden wie aufschlussreichen Fahrradtour mit Oberbürgermeister, die dieser nicht nur für handfeste Information nutzt, wie an einem Satz in seiner Abschlussansprache deutlich wird: „Ich höre Zwischentöne.“



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