"Blauer Greif 2022": Bundeswehr trainierte "Hochwertfähigkeiten"

CELLE. Der Tag ist bedeckt, diesig und nicht sonderlich hell, so dass sich die einbrechende Dunkelheit nur schleichend durch immer schlechtere Sichtverhältnisse bemerkbar macht, während langsam die Kälte vom Boden hochkriecht. Wie dunkel es tatsächlich ist, wird deutlich, als plötzlich die Befeuerung des Flugplatzes eingeschaltet wird. Entlang der Start- und Landebahn, an den Stellplätzen und Rollwegen – überall flammen Markierungen und Lichter auf. Im abendlichen Dunst erkennt man schließlich die Silhouette einer anfliegenden Maschine – selbst bei der schlechten Sicht lange ehe man sie hört.

So oder so ähnlich würde sich die Ankunft von Einsatzkräften im Heimatland darstellen. Mit zwei Transportflugzeugen - A400M vom LTG 62 - aus Wunstorf übte die 8. Luftlandeversorgungskompanie des Fallschirmjägerregiments 31 vom 17.-27.01.2022 in der Übung „Blauer Greif“ im Ausbildungs- und Übungszentrum Luftbeweglichkeit in Celle-Wietzenbruch logistische Prozesse und Verladeverfahren. Das Szenar: Fahrzeuge und militärisches Gerät mussten in einer sogenannten Non-Combatant Evacuation Operation (NEO) von einem Flughafen in einem fiktiven Einsatzland verladen und am Zielflughafen eines Heimatlandes wieder entladen werden.

„Es geht um die Verbringung aus einem Krisenland in ein sicheres Umfeld – das könnte im Ernstfall neben Deutschland auch ein Gast- oder Drittland sein. Dabei gibt es verschiedene Herausforderungen. Sofern die Lage es erlaubt, wird in diesen Operationen Feindkontakt möglichst vermieden, vor allem zum Schutz der zu Evakuierenden. Eine Garantie dafür gibt es nicht. Das taktische Vorgehen unterscheidet sich somit von dem im Friedensflugbetrieb üblichen Be- und Entladeablauf. Alle Handgriffe müssen unter Zeitdruck, Bedrohung und physischer Belastung sitzen. Außerdem kann die Truppe in einer solchen Lage nicht verlässlich auf vertraute oder funktionierende Infrastruktur zurückgreifen. Vieles muss behelfsmäßig in enger Abstimmung mit der Luftfahrzeugbesatzung ablaufen - und das muss geübt werden. Immer und immer wieder“, erklärt Oberst Rohmann, der Kommandeur des Ausbildungs- und Übungszentrums Luftbeweglichkeit. Der Heeresflugplatz Celle fungiert in der Übung sowohl als Forward Mounting Base in einem sicheren Gastland sowie als Forward Operating Base in dem Krisen-/Einsatzland.

„Luftbewegliche Operationen unterscheiden sich von anderen herkömmlichen Operationen, weil sie reaktionsschnell und geländeunabhängig Kräfte am Boden projizieren können. Luftbewegliche Kräfte benötigen hierfür ein hohes Maß an Flexibilität, Präzision, Geschwindigkeit und Agilität um erfolgreich zu sein. Der Lufttransport mit Hubschraubern ebenso wie mit Flächenflugzeugen ist eine der fünf Säulen Luftbeweglicher Operationen und wird mit Blick auf den taktischen wie strategischen Lufttransport auch in Zukunft eine Rolle spielen. Bereits im Rahmen der Militärischen Evakuierungsoperation aus Afghanistan fungierte Celle als Bereitstellungsraum. Damit die Division Schnelle Kräfte auch künftig für solche Aufträge gut aufgestellt ist freuen wir uns, als zentrale Ausbildungsplattform die Übung unterstützten zu können.“

Die Be- und Entladung der Transportflugzeuge wurde intensiv geübt: erst im sogenannten „ColdLoad“ am stehenden Flugzeug, dann mit laufenden Triebwerken und schließlich inklusive Start und Landung. Sechs „Wölfe“ können zeitgleich im A400M verflogen werden – oder zwei Lastwagen oder eine Panzerhaubitze, um nur einige Beispiele zu nennen. Jedes Fahrzeug muss anders gesichert und befestigt werden, aber keines darf sich im Flug bewegen. Das ist schon bei Tag eine fordernde Aufgabe. Wenn im Laufe der fortgeschrittenen Ausbildung nachts dann die Flugplatzbeleuchtung ausgeschaltet wird, lässt sich nur noch nur mithilfe spezieller Nachtsichtvorsätze am Helm überhaupt etwas erkennen. Um trotz zunehmender Kälte, Müdigkeit und Anspannung auch unter schwierigsten Sichtbedingungen keine Fehler beim Rangieren, Beladen und Befestigen zu machen, ist auch bei den Profis der Luftlandeversorger volle Konzentration gefordert.

Unterdessen sind die Fahrzeuge aufgestellt. Auf ein Signal aus dem Flugzeug setzen sie sich in scheinbar völliger Dunkelheit in Bewegung und steuern zielgerichtet die Laderampe an. Nach und nach rollen die Fahrzeuge in den grünlich schimmernden Frachtraum und werden verzurrt. Währenddessen spürt man das Vibrieren der laufenden Triebwerke. Alle sind konzentriert. Nur das Notwendigste wird gesprochen. Kerosingeruch hängt in der kalten Luft. Kaum sind auch die Soldaten angeschnallt, rollt die Maschine zum Start. Die Männer werden trotz ihrer Gurte spürbar in die Seite der Sitze gepresst, als die vier Triebwerke des A400 M ihre Kraft in Schub umsetzen und die Maschine binnen Augenblicken abhebt. Die Ketten der Fahrzeuge sitzen dagegen so straff, dass sich während Start, Flug und Landung nichts bewegt.

Auch der Kommandeur der technischen Schule des Heeres und General der Heereslogistiktruppen, Brigadegeneral Klaus-Dieter Cohrs, machte sich im Rahmen eines Dienstaufsichtsbesuchs ein Bild von der Ausbildung. „Die Versorgungskompanien der Fallschirmjägerregimenter haben sich ganz besonderen logistischen Herausforderungen zu stellen. Logistik braucht normalerweise Zeit und eine möglichst unterstützende Struktur im Einsatzraum. Die Aufträge und das Aufgabenportfolio der Luftlandebrigade 1 bieten beides in der Regel nicht oder nur sehr eingeschränkt. Dies hat die Evakuierungsoperation in Kabul sehr deutlich gezeigt. Hohe Dynamik, enormes Operationstempo, unklare und schnell wechselnde Lagen, eine rudimentäre Infrastruktur am Boden und ein nicht umfassend geschütztes Umfeld sind nur einige der Herausforderungen für luftbewegliche Kräfte. Den Luftlandeversorgern spreche ich meine höchste Anerkennung aus. Hier müssen sie persönlich besonders robust, militärisch erstklassig ausgebildet und besonders professionell sein. Strategische und taktische Luftbeweglichkeit gehören zu den Hochwertfähigkeiten der Bundeswehr. Gerade bei diesen komplexen Fähigkeiten ist das Zusammenwirken von Mensch, Material und Verfahren Voraussetzung für den Erfolg. Es muss aus dem Kaltstart heraus funktionieren - einen zweiten Versuch wird es nicht geben. Das Vorhaben „Blauer Greif 2022“ vermittelt einen Eindruck dieser Komplexität.“

Brigadegeneral Cohrs ließ sich mit viel Interesse in die Abläufe insbesondere direkt an der Maschine einweisen und zeigte sich zufrieden. „Kräfte des Heeres und der Luftwaffe müssen mit höchster Präzision und blindem Verständnis zusammenwirken. Das muss drillmäßig geübt werden und hierzu bietet das Ausbildungs- und Übungszentrum einmalige Möglichkeiten. Ich bin sehr froh, dass hier heute die Logistiker im Mittelpunkt stehen und ihnen beste Rahmenbedingungen für eine realitätsnahe Ausbildung zur Verfügung gestellt werden.“


Text und Fotos: Andrea Neuer




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