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Beleidigt, bedroht, bloßgestellt: "Medienhelden" gegen Cybermobbing


Stephan Lehmann, Stadionsprecher FC Bayern München, ist prominenter Unterstützer von "Medienhelden". Foto: Felix Hörhager

CELLE. Am 22.02.2022 ist Internationaler „Behaupte-dich-gegen-Mobbing“-Tag. Aus diesem Anlass stellt die Mobil Krankenkasse ihr Präventionsprogramm "Medienhelden" vor, das an Schulen in Bayern bereits erfolgreich umgesetzt wird. Auch für Niedersachsen möchte die Mobil Krankenkasse das Programm anbieten und führt dazu derzeit mit verschiedenen Stellen Gespräche.


Univ.-Prof. Dr. Herbert Scheithauer, Entwicklungspsychologe an der Freien Universität Berlin, der das Programm entwickelt hat, betont die wissenschaftlich nachgewiesene Wirksamkeit: "Wir konnten belegen, dass es mit 'Medienhelden' weniger Cybermobbing gibt." Und noch etwas zeichnet das Programm offenbar aus: "Die Jugendlichen haben Spaß an diesem Programm, sie machen das gerne", stellt Stephan Lehmann, Vater einer 13-jährigen Tochter und eines elfjährigen Sohnes fest. Der Stadionsprecher des FC Bayern München sagt in Anbetracht der Häufigkeit des Problems Cybermobbing: "Da besteht Handlungsbedarf." Nicht Opfer zu werden sei eher ein Geschenk als die Normalität. Fast jeder fünfte Schüler in Deutschland wurde schon per Internet oder Smartphone über einen längeren Zeitraum hinweg beleidigt, bedroht, belästigt oder bloßgestellt. Mit dem wissenschaftlich geprüften Präventionsprogramm „Medienhelden“ ermöglicht die Mobil Krankenkasse Jugendlichen in Bayern einen kompetenten Umgang mit digitalen Medien. Knapp 450 Lehrkräfte, Schulpsychologen und Schulsozialarbeiter von etwa 350 Gymnasien, Real- und Mittelschulen haben die Fortbildung seit Ende 2018 absolviert und können das Programm im Unterricht umsetzen.


Beleidigt, verspottet, gehänselt und ausgeschlossen: Mobbing unter Teenagern gibt es längst nicht mehr nur auf dem Schulhof. Die Attacken gehen häufig in WhatsApp-Gruppen oder Klassen-Chats weiter oder fangen erst dort an. Das Tückische: Bei Cybermobbing kann jeder mitlesen und jeder kann mitmachen. Im Internet wird die Beleidigung zudem dokumentiert – Monate später ist der Eintrag noch immer für alle sichtbar und für Betroffene damit umso verletzender. „Cybermobbing kann zu massiven Problemen führen – von Kopf- oder Bauchschmerzen, Angststörungen, Depressionen bis hin zu Suizidgedanken“, weiß Univ.-Prof. Dr. Herbert Scheithauer, Entwicklungspsychologe an der Freien Universität Berlin.


Prof. Herbert Scheithauer. Foto: Banane Design Bremen


Um Schülern und Lehrkräften Hilfestellungen zu geben, wie sie aktiv gegen Hass und Ausgrenzung im Netz vorgehen können und sich sicher im Netz bewegen, hat er mit seinem Team das wissenschaftlich geprüftem vielfach ausgezeichnete und vom „Weißen Ring“ empfohlene Präventionsprogramm „Medienhelden“ entwickelt. Es richtet sich an Schüler der 7. bis 10. Klassen. Bereits seit Ende 2018 bringt die Mobil Krankenkasse das Programm an Gymnasien, Real- und Mittelschulen in Bayern, indem sie Fortbildungskosten übernimmt. Knapp 450 Lehrkräfte, Schulpsychologen und Schulsozialarbeiter von etwa 350 Gymnasien, Real- und Mittelschulen haben die meist dreitägige Fortbildung inzwischen absolviert und können das Programm im Unterricht umsetzen – in der Regel tun sie dies über einen Zeitraum von zehn Wochen.


„Smartphones sind ein entscheidendes Hilfsmittel für das soziale Leben“

Zwölf- bis 19-Jährige in Deutschland sind jeden Tag durchschnittlich rund vier Stunden online – das hat die Ende 2021 veröffentlichte, repräsentative JIM-Studie des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest gezeigt. „Kinder und Jugendliche empfinden Smartphones als entscheidendes Hilfsmittel für ihr soziales Leben. Soziale Netzwerke erfüllen ihr Bedürfnis nach Kommunikation. Sie ermöglichen Kontakt mit und zu Gleichaltrigen und bieten ihnen Möglichkeiten der Selbstpräsentation“, weiß Univ.-Prof. Dr. Herbert Scheithauer.


Für Cybermobbing sensibilisieren und Handlungsmöglichkeiten aufzeigen


Kommt es jedoch zu anhaltenden Hänseleien, Beleidigungen oder Bedrohungen im Netz, leiden Betroffene oft sehr darunter, Klassenkameraden schreiten oft nicht ein. Im Rahmen von „Medienhelden“ können Schüler für die Folgen – sowohl für Betroffene als auch für Täter – sensibilisiert und ihnen Handlungsmöglichkeiten aufgezeigt werden. Die Jugendlichen analysieren Ursachen von Cybermobbing, beurteilen Situationen im Hinblick auf ihre möglichen Konsequenzen und besprechen, wie sie sich vor Cybermobbing schützen und anderen helfen können. Sie bearbeiten Aufgaben gemeinsam, diskutieren, wie sich die virtuellen Beleidigungen anfühlen und verständigen sich auf Verhaltensregeln gegen digitale Hetze.


Perspektivenwechsel als Erfolgsrezept


Über Rollenspiele üben die Schüler bei „Medienhelden“, sich in andere hineinzuversetzen. Im geschützten Rahmen nehmen sie verschiedene Perspektiven ein – Opfer, Täter oder Mitläufer. Sie berichten von ihren Gefühlen, Gedanken, Wünschen und Handlungsspielräumen, die sie in der jeweiligen Rolle hatten. Die Schüler erleben Reaktionen auf ihr Verhalten und lernen, zu erkennen, wann jemand zum Opfer wird und wie sie eingreifen können. Darüber hinaus bringen sich Schüler bei „Medienhelden“ gegenseitig bei, wie sie sichere Social-Media-Profile erstellen – welche Daten sie preisgeben, welche nicht. Und sie bereiten für ihre Eltern einen Elternabend vor. Hierbei erklären sie den Erwachsenen unter anderem, wie sie mit ihrem Kind reden können, damit dieses sich ihnen anvertraut und keine Angst haben muss, dass die Eltern ihm das Handy entziehen.


„Das Programm bringt gute, anhaltende Erfolge“


„Wissenschaftliche Evaluationen und die Erfahrungen der vergangenen Jahre haben gezeigt: „Medienhelden“ bringt gute, anhaltende Erfolge. Die Akzeptanz ist hoch, da die Jugendlichen zahlreiche Maßnahmen selbstbestimmt und mitwirkend umsetzen und ihr Wissen an Mitschüler und Eltern weitergeben. In einer Längsschnittstudie konnten wir unter anderem weniger Cybermobbing, mehr Empathie, ein besseres Selbstwertgefühl und ein besseres Wohlbefinden feststellen“, erklärt Univ.-Prof. Dr. Herbert Scheithauer.


Beim „Europäischen Preis für Kriminalprävention“ 2015 wurde das von Univ.-Prof. Dr. Scheithauer (Freie Universität Berlin) und seinem Team entwickelte Programm ausgezeichnet. Ersteller der „Medienhelden“-Figuren: © Thorsten Schöntaube, Lemon8 Media GmbH, Bremen. Rechts sehen Sie das Cover des „Medienhelden“-Manuals (188 Seiten, mit zahlreichen Online-Vorlagen und -Arbeitsblättern sowie einem Geleitwort des Weißen Rings e.V.). Bildnachweis: Coverfoto: © Aleksandar Radovanov, Fotolia.com.

Ariane Lieckfeldt, bei der Mobil Krankenkasse zuständig für Prävention und Gesundheitsförderung sagt:

„Cybermobbing unter Kindern und Jugendlichen hat sich in den vergangenen Jahren stark verbreitet. Wir erleben regelmäßig, wieviel Unwissenheit bei vielen Schülerinnen und Schülern vor allem hinsichtlich Social Media herrscht – dass viele Kinder und Jugendliche sich gar nicht bewusst sind, welche Auswirkungen es hat, wenn sie Fotos, Videos oder Texte bei TikTok, Snapchat oder in WhatsApp-Gruppen posten. Der kompetente Umgang mit Medien ist extrem wichtig. Seit Ende 2018 haben fast 450 Lehrkräfte, Schulpsychologen und Schulsozialarbeiter in Bayern an den „Medienhelden“-Fortbildungen teilgenommen. Das zeigt, wie groß der Bedarf ist, die Medienkompetenz und die seelische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen zu fördern. Unser Ziel ist es, dass das Programm „Medienhelden“ fester Bestandteil in möglichst vielen weiterführenden Schulen wird.“ Niedersächsische Schulen, die an dem Programm teilnehmen möchten, können mit der Mobil Krankenkasse unter bgm@mobil-krankenkasse.de Kontakt aufnehmen.


Ariane Lieckfeldt. Foto: Mobil Krankenkasse

Experteninterview mit Entwicklungspsychologe Univ.-Prof. Dr. Herbert Scheithauer von der

Freien Universität Berlin

Schüler aktiv und langfristig im Unterricht beim Aufbau wichtiger Sozial- und Medienkompetenzen zu unterstützen, bezeichnet Univ.-Prof. Dr. Herbert Scheithauer, Entwicklungspsychologe an der Freien Universität Berlin, als wirksame Vorbeugung von Cybermobbing. Da unter Pandemiebedingungen Sozialkontakte stärker im Internet gepflegt werden und Cybermobbing seither noch häufiger vorkommt, gilt es, Schüler noch besser zu schützen. Warum Jugendliche besonders häufig Opfer von Cybermobbing sind, wie Eltern richtig reagieren sollten, wenn sie mitbekommen, dass ihr Kind betroffen ist und was er Schülern empfiehlt, die von Cybermobbing betroffen sind – dies und mehr lesen Sie im Interview der Mobil Krankenkasse.

Fast jeder fünfte Jugendliche wurde schon einmal über digitale Medien beleidigt, beschimpft oder lächerlich gemacht. Warum sind Jugendliche so häufig Opfer von Cybermobbing?

Univ.-Prof. Dr. Scheithauer: „Mit Einsetzen der Pubertät gewinnt das eigene „Image“ an Bedeutung. Das Dazugehören und die Stellung in der Gruppe sind in dieser Lebensphase besonders wichtig –

also: Bin ich beliebt? Nicht nur „offline“, sondern auch online. Über das Smartphone ergeben sich

viele Möglichkeiten der Selbstinszenierung sowie Möglichkeiten, darauf zu reagieren. Viele

Jugendliche nutzen WhatsApp-Gruppen, etwa einen Klassenchat. Bei Instagram und Snapchat

laden sie Fotos und Videos hoch und kommentieren Einträge. In der Pubertät mangelt es manchen

Schülern noch an ausgereiften sozialen Kompetenzen, weshalb andere gegebenenfalls „aus

Versehen“ gemobbt werden, außerdem fehlt es ihnen an Erfahrungen und technischem Know-how,

um sich gegenüber Angriffen zu schützen und ihre Accounts sicher anzulegen.“

Was macht digitales Mobbing so gefährlich?

Univ.-Prof. Dr. Scheithauer: „Gerüchte, Peinlichkeiten oder Beschimpfungen können nicht nur den

sozialen Status gefährden, sondern langfristig zu massiven psychischen Problemen führen. Denn

während die herkömmliche Mobbing-Situation vor der eigenen Wohnungstür endet, verfolgen digital

verbreitete Verunglimpfungen die Schüler mit jedem Blick aufs Smartphone weiter. Cybermobbing kann daher deutlich belastender sein. Täter haben rund um die Uhr Möglichkeiten, ihr Opfer zu belästigen. Dazu kommt, dass über soziale Netzwerke Mitschüler und Unbekannte mitlesen, kommentieren und Beiträge teilen können. Beleidigende Inhalte können teilweise nie wieder gelöscht werden, wenn zum Beispiel der Server in den USA steht. Verfremdete, verunglimpfende Fotos wurden von Jugendlichen in unseren Studien als besonders schlimm empfunden. Statt eines Handyverbots an Schulen finde ich es daher sinnvoller, einen gewünschten Umgang und eine Einbindung in den Unterricht zu praktizieren – mit gemeinsam erarbeiteten Nutzungsregeln.“

Seit Ende 2018 wird mit Unterstützung der Mobil Krankenkasse an bayerischen Schulen das wissenschaftlich geprüfte Präventionsprogramm „Medienhelden“ durchgeführt. Was unterscheidet Ihr Programm von anderen Präventionsprogrammen?

Univ.-Prof. Dr. Scheithauer: „Medienhelden ist ein wissenschaftlich fundiertes Programm, entwickelt

als Curriculum für und zusammen mit Lehrkräften. Dabei verwenden wir besonders innovative und partizipative Methoden, wie den Peer-to-Peer- und Student-to-Parent-Ansatz. „Medienhelden“ ist

nicht nur wirksam gegen Cybermobbing, es unterstützt auch beim Aufbau wichtiger Sozial- und

Medienkompetenzen. Im Rahmen einer kontrollierten Wirksamkeitsstudie haben wir belegen können, welche positiven Effekte das Programm in unterschiedlichsten Bereichen hat. Dies wurde mit dem „European Crime Prevention Award“ (2015, zweiter Platz) belohnt. Wir setzen „Medienhelden“ über einen „Train-the-Trainer“-Ansatz um und freuen uns sehr, dass wir dank einer Förderung der Mobil Krankenkasse das Programm in Bayern erfolgreich durchführen können.“

In den zehn Wochen setzen Sie unter anderem auf Rollenspiele. Was hat Ihre Erfahrung gezeigt – weshalb wirkt Ihr Programm nachhaltig?

Univ.-Prof. Dr. Scheithauer: „Wir bearbeiten und fördern bei den Schülern grundlegende Kompetenzen „offline“. Diese zeigen sich dann auch in einem positiven Onlineverhalten. In Rollenspielen üben Jugendliche in einem geschützten Rahmen, sich in andere hineinzuversetzen – Stichwort Perspektivenwechsel. Über die Rollenspiele erfahren die Schüler Reaktionen auf ihr Verhalten, erarbeiten miteinander Problemlösungen und lernen so, ein angemessenes Sozialverhalten aufzubauen. Sie erleben sich, wie sie miteinander in der Klasse positiv interagieren. Dies bereitet letztlich auch Spaß, das Klassenklima wird besser und wir erleben nachweislich weniger Schulhofmobbing.“

Eine Schlüsselrolle zur Prävention von Cybermobbing spielen bei Ihnen die Lehrkräfte. Wie

profitieren diese von „Medienhelden“?


Univ.-Prof. Dr. Scheithauer: „Viele Lehrkräfte fühlen sich überfordert im Umgang mit „Neuen Medien“ – was nicht verwundert, da dies nicht zur Lehrkräftebildung zählt oder einige Lehrkräfte in höherem Alter aufgrund der schleppenden Digitalisierung im Schulkontext noch nie oder wenig damit gearbeitet haben. Das Programm „Medienhelden“ bietet den Lehrkräften Hilfestellungen. Die

Struktur und die Materialien unterstützen bei der Umsetzung. Das Thema eignet sich unter anderem

für den Sach- oder Ethikunterricht.“

Woran können Eltern erkennen, dass ihr Kind gemobbt wird?

Univ.-Prof. Dr. Scheithauer: „Teilweise ist dies schwer zu erkennen, da sich Kinder und Jugendliche manchmal für die Attacken schämen oder sie sich aufgrund erster Ablösungsprozesse nicht mit dieser Thematik bei den Eltern aufgehoben fühlen. Eltern sollten aufmerksam werden, wenn ihr Kind plötzlich lustlos oder deprimiert wirkt, Angst hat oder keine Lust hat, in die Schule zu gehen, Schlafschwierigkeiten zeigt oder plötzliche Verhaltensänderungen aufweist. Treten solche Probleme

auf, sollte immer auch abgeklärt werden, ob eine Mobbingproblematik zugrunde liegt.“