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14 Stolpersteine für verfolgte Celler Familienangehörige verlegt


Foto: Carsten Maehnert

CELLE. Für große Anteilnahme und reges Interesse sorgte am Montagvormittag die Verlegung von 14 Stolpersteinen in der Celler Altstadt. Mit den kleinen Gedenktafeln aus Messing wird an das Schicksal von Menschen erinnert, die zu Zeiten des Nationalsozialismus verfolgt, vertrieben, ermordet, deportiert oder in den Suizid getrieben wurden. Initiiert wurde die Verlegung von der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Celle. Künstler Gunter Demnig, der die Stolpersteine anfertigt, war bei der Verlegung persönlich vor Ort.


Sabine Maehnert, Stellvertretende Vorsitzende der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit (GCJZ), sagte in ihrer Rede: "Heute werden Steine für verfolgte Celler oder Familienangehörige von Celler Familien verlegt, die zumeist den Holocaust überlebt haben, die sich verstecken oder in andere Länder flüchten konnten. Damit möchten wir die Familien – in Anführungsstrichen – wieder zusammenführen."


Maehnert bedankte sich bei der Stadt Celle, den Spendern und Paten für die Unterstützung. Zu den anwesenden Gästen gehörten Celles ehemaliger Oberbürgermeister und SPD-Bundestagsabgeordneter Dirk-Ulrich Mende sowie Celles Sozialdezernentin Susanne McDowell.


Gedenken an Familie Löwenstein in der Zöllnerstraße


Vor den Haus mit der Adresse "Zöllnerstraße 5" platzierten die Mitarbeiter des städtischen Bauhofs vier Stolpersteine für Angehörige der Familie Löwenstein. Ein erster Stolperstein für Jakob Löwenstein, der 1910 das Geschäft seiner Schwiegervaters Aaron Behr für Oberbekleidung und Schuhe in der Zöllnerstraße 5 übernahm, lag bereits vor Ort.


Mit Stolpersteinen wurde nun seiner Partnerin Lilli Löwenstein sowie den gemeinsamen Kindern Erich (geb. 1909) und Hilde (geb. 1911, gest. 1926) gedacht. Erich besuchte in Celle die Oberrealschule und absolvierte eine kaufmännische Ausbildung in Bückeburg und bei Karstadt in Hamburg. Seit 1930 war er wieder in Celle und engagiert sich hier bei der Freiwilligen Feuerwehr in Celle. Im Januar 1936 trat er als persönlich haftender Gesellschafter in das väterliche Geschäft ein. Der Boykott der jüdischen Geschäfte 1933 und schließlich die Pogromnacht 1938 zwangen Jakob und Erich Löwenstein, das Geschäft aufzugeben und das Haus an der Zöllnerstraße zu verkaufen.


Auch für die Lebensgefährtin von Erich Löwenstein, Lieselotte Löwenstein, sowie der gemeinsame Sohn Hans-Werner Löwenstein, wurden Stolpersteine in den Boden gesetzt. Die dreiköpfige Familie war 1938 nach Argentinien geflüchtet.


Jakob Löwenstein musste Zwangsarbeit in der Munitionsfabrik Liebenau leisten. Er starb dort 67-jährig an den dortigen Lebensumständen. Nach dem Tod von Jakob Löwenstein emigrierte auch Lilli Löwenstein nach Argentinien.


1985 kehrte Erich Löwenstein auf Einladung der Stadt Celle in seine Geburtsstadt zurück. Sein Sohn Hans-Werner wurde später mit seiner Ehefrau durch die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Celle ebenfalls in seine Geburtsstadt eingeladen. Seitdem gab es einen engen Kontakt. Leider ist Hans Werner im letzten Jahr verstorben.


Folgende Texte sind auf den Stolpersteinen zu finden:


HIER WOHNTE LILLI LÖWENSTEIN, GEB. BEHR, JG. 1880, GEDEMÜTIGT/ENTRECHTET, Flucht Argentinien


HIER WOHNTE ERICH LÖWENSTEIN JG. 1909 GEDEMÜTIGT/ENTRECHTET, FLUCHT 1938, Argentinien


HIER WOHNTE LIESELOTTE LÖWENSTEIN GEB. BEHR JG. 1911, GEDEMÜTIGT/ENTRECHTET, FLUCHT 1938, Argentinien


HIER WOHNTE HANS-Werner LÖWENSTEIN, JG. 1935, GEDEMÜTIGT/ENTRECHTET, FLUCHT 1938, Argentinien


Vier Steine für Angehörige der Familie Wexseler


In der Hehlentorstraße 14 wurden anschließend Steine für Angehörige der Familie Wexseler verlegt.

Für Julius Wexseler (geb. 1871 in Bersenbrück) und seine Frau Anna (geb. 1882 in Clenze), geb. Pevesdorf sowie ihren Sohn Alexander sind bereits Stolpersteine verlegt. Die Eltern und ihr Sohn wurden in Sachsenhausen, Ravensbrück und Salsapils im Baltikum ermordet.


Julius Wexseler hatte seine erste Stelle in Celle im Kaufhaus Freidberg und machte sich dann hier in dem von Otto Haesler erbauten Gebäude mit einem Manufakturwarenhandel selbständig. Später kam noch ein Wandergewerbe und Versandhandel hinzu. Die Wexselers waren ein aktiver Teil der Celler Stadtgesellschaft. Julius Wexseler wurde 1931 König der Neuenhäuser Schützengesellschaft. Auch Wexseler musste sein Geschäft aufgrund der vielfältigen Repressalien gegen Celler Juden aufgeben.



Foto: Yusuf Bas

Rosa Wexseler verh. Karmeinsky, Tochter von Julius Wexseler, ihre Tochter Christel und ihr Mann Rudolf Karmeinsky konnten sich in Ostpreußen verstecken. Kurz vor dem Einmarsch der Roten Armee in Ostpreußen wurde Rudolf Karmeinstky von der Gestapo erschossen. Rosa kehrte 1945 mit ihrer Tochter nach Celle zurück, versuchte hier wieder Fuß zu fassen, etwas über das Schicksal ihrer Familie zu erfahren und ihr Eigentum zurückzuerhalten. Sie wanderte schließlich aber doch in die USA aus, weil sie sich nicht willkomen fühlte.


1985 kehrte Rosa Karmeinsky auf Einladung der Stadt noch einmal nach Celle zurück. Vor einigen Jahren konnte ich ihre Tochter Christel mit ihrem Enkelkind in Celle begrüßen. Sie waren nach Celle gekommen, um die Orte kennenzulernen, die an ihre Familie erinnern. Sie hielten es hier aber nicht aus, zu belastend waren die Erinnerungen und sie verließen Celle frühzeitiger als vorgesehen.


Folgende Texte sind auf den Stolpersteinen zu finden:


PAULA WEXSELER (Ehefrau von AlexanderWexseler), GEB. SCHWEPS, JG. 1918, DEPORTIERT 1941, RIGA, KZ STUTTHOF, ÜBERLEBT


HIER WOHNTE ROSA KARMEINSKY, GEB. WEXSELER, JG. 1909, VERSTECKT IN KÖNIGSBERG, ÜBERLEBT


RUDOLF KARMEINSKY, JG. 1905, VERSTECKT IN KÖNIGSBERG, VON DER GESTAPO ERSCHOSSEN


CHRISTEL KARMEINSKY, JG. 1938, VERSTECKT IN KÖNIGSBERG, ÜBERLEBT.


Steinniederlegung auch vor dem Gemeindehaus


Die dritte Niederlegung von Stolpersteinen fand am Montag vor dem Gemeindehaus der alten Jüdischen Gemeinde, Im Kreise 23, statt. An dieser Stelle wurden 2004 die ersten Stolpersteine in Celle verlegt. Sie erinnern an die ermordeten Mitglieder der großen Familie Feingersch:

Isaak Feingersch (geb. 17.7.1885 in Odessa, deportiert 1941 nach Riga, 1944 verschollen in Stutthof),

Rebekka Feingersch, (geb. Aswolinskaja, 17.6.1887 bei Odessa, deportiert 1941 nach Riga, dort ermordet), Marie Feingersch, (geb. 1911 in Odessa, verh. Klijnkramer, deportiert 1942 nach Westerbork, 1944 nach Theresienstadt, ermordet 1945 in Auschwitz), Fanny Feingersch (geb. 7.10.1918 in Winsen/Aller, verh. Prager, deportiert 1944 nach Auschwitz, dort 1944 ermordet)

Rosa Feingersch (geb. 29.8.1920 in Oldau, deportiert 1942 nach Auschwitz, dort 1942 ermordet) und

Hermann Feingersch (geb. 16.6.1927 in Ovelgönne, deportiert 1941 nach Riga, dort 1943 verschollen).


Foto: Carsten Maehnert

Isaak und Rebekka Feingersch emigrierten 1912 von Odessa nach Deutschland und fanden zuerst Unterkunft bei einer Tante in Frankfurt a.M. Dort kam auch 1914 der erste Sohn David zur Welt. Als der 1. Weltkrieg ausbrach wurde die Familie wegen ihrer russischen Staatsangehörigkeit im Lager Holzminden inhaftiert. Isaak Feingersch wollte die Lage der Familie verbessern und meldete sich zu schwerer Arbeit im Kaliwerk Ovelgönne. Es gelang Isaak, seine Familie nach Ovelgönne zu bringen. Dort bekam die Familie noch sechs Söhne und zwei Töchter. Die Familie Feingersch war die einzige jüdische Familie in Ovelgönne. Die Kinder hatten viele Freundschaften im Dorf und das Familienhaus in der Mittelstraße war oft Treffpunkt der Dorfjugend.


Nach der Stilllegung des Kaliwerkes in Ovelgönne fand Isaak Feingersch Arbeit im Allg. Krankenhaus in Celle. Die Familie zog in das Gemeindehaus der Jüdischen Gemeinde in Celle Im Kreise 23.

Die Familie hatte vor, nach Palästina auszuwandern. Sohn David lebte schon seit 1934 dort. Doch es kam alles anders. Isaak, Rebekka und Hermann wurden am 2.12.1941 nach Riga deportiert. Alle wurden in KZ-Lagern im Osten ermordet.


Schindlers Liste rettet Leben von deportiertem Oldauer


Zur Vorbereitung auf eine Auswanderung nach Palästina waren die drei Töchter in sogenannten Vorbereitungslagern in Holland. Von dort wurden sie in das KZ Westerborg transportiert und wurden alle nach Auschwitz weitergeleitet und ermordet. Der zweitjüngste Sohn Benjamin war ebenfalls in einem Vorbereitungslager in Neuendorf-Fürstenwalde. Er wurde von dort mit allen anderen Juden nach Auschwitz transportiert. Durch Schindlers Liste wurde er gerettet. Er erreichte Ende des Jahres 1945 Palästina auf einem illegalen Schiff.


Foto: Carsten Maehnert

Heute werden die Steine für die Überlebenden der Familie Feingersch verlegt.

David Feingersch, geb. 1914 in Frankfurt am Main, ausgewandert 1934 nach Palästina; starb 1994 in Israel

Moses Feingersch, geb. 1916 in Celle, ausgewandert 1937 nach Palästina; lebte in Haifa, Israel

Rafael Feingersch, geb. 1917 in Ovelgönne, ausgewandert 1936 nach Palästina; lebt in Ramat-Hasharon, Israel

Sally Feingersch, geb. 1922 in Ovelgönne, ausgewandert 1938 nach Palästina; lebte in Kfar-Saba, Israel

Elias Feingersch, geb. 1923 in Ovelgönne, ausgewandert 1939 nach Palästina; lebte in Ramat-Hasharon, starb 2009 in Israel

Benjamin Feingersch, geb. 1925 in Oldau, deportiert 1943 nach Auschwitz-Buna, 1945 befreit, ausgewandert 1945 nach Palästina; starb 1989 in Israel


Für den Stein von Benjamin Feingersch hat das KAV Gymnasium die Patenschaft übernommen. Die Schüler und Schülerinnen des KAV Gymnasium der Klasse 10a mit ihrer Lehrerin Frau Stephanie Müller haben sich mit der Geschichte der Familie und der Biografie von Benjamin Feingersch beschäftigt.


Folgende Texte sind auf den Stolpersteinen zu lesen:


DAVID FEINGERSCH, JG. 1914, GEDEMÜTIGT/ENRECHTET, 1936 PALÄSTINA


HIER WOHNTE MOSES FEINGERSCH, JG. 1916, GEDEMÜTIGT/ENRECHTET, 1937 PALÄSTINA


RAFAEL FEINGERSCH, JG. 1917, GEDEMÜTIGT/ENRECHTET, 1936 PALÄSTINA


HIER WOHNTE SALLY FEINGERSCH, JG. 1922, GEDEMÜTIGT/ENRECHTET, 1938 PALÄSTINA


HIER WOHNTE ELIAS FEINGERSCH,JG. 1923, GEDEMÜTIGT/ENRECHTET, 1939 PALÄSTINA


HIER WOHNTE BENJAMIN FEINGERSCH, JG. 1925, DEPORTIERT 1943, AUSCHWITZ BEFREIT


"Auch die, die überlebt haben, konnten keine unbeschwertes Leben führen. Zu traumatisch war das Erlebte, die Sorge um die Familienangehörigen, nicht zu wissen, was ihnen widerfahren ist, kein Grab zu haben, an dem sie trauen könnten", gab Maehnert zum Abschluss ihrer Rede zu bedenken.


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